Da ging ich also so für mich hin, den Hölderlin noch im Kopf. Nicht einmal die großen Verse. Eher diese kleinen Verstörungen zwischen zwei Zeilen. Das „vielleicht“ in der Nacht. Die sprachlosen Mauern. Dieses Gefühl, dass die Welt noch tönt, aber nur noch aus der Ferne.
Zwischen Hölderlin, Nietzsche und Wagner: Ein Abend über Sehnsucht, Selbstinszenierung und die Kunst der Distanz
Tagsüber hatte mich ein junger Künstler aufgehalten. Er wollte mich partout beeindrucken. Mit Nietzsche.
Natürlich mit Nietzsche.
Seine Prokrastination, erklärte er mir mit ernster Stirn, sei eigentlich Widerstand. Gegen Effizienzlogik. Gegen Leistungsethik. Gegen die ganze optimierte Verwertungsmaschine der Gegenwart. Er sagte das in jenem leicht fiebrigen Ton, in dem Menschen meistens Dinge sagen, die sie für tiefer halten als sie sind.
Und während er sprach, ging mir eigentlich nur durch den Kopf:
Ach, du Jüngelein.
Was versuchst du hier gerade eigentlich zu tun?
Denn es war nicht einmal Flirt. Nicht wirklich Gespräch. Eher eine Vorführung seiner selbst. Nietzsche als leicht abgegriffenes Requisit zur ästhetischen Aufwertung eigener Unordnung.
Arbeiten sei Herdenmoral.
Disziplin bloß Dressur.
Chaos dagegen beinahe eine Form geistiger Freiheit.
Irgendwann fiel natürlich der Übermensch. Spätestens dort musste ich innerlich lachen. Nietzsche ist inzwischen ja so etwas wie die philosophische Universalcreme für männliche Selbstrechtfertigung geworden. Alles lässt sich mit ihm dekorieren: Bindungsangst, Egoismus, Unzuverlässigkeit, Größenfantasien und seit einiger Zeit eben auch das Nichtbeantworten von Mails.
Und plötzlich dachte ich etwas sehr Ruhiges:
Ich brauche dich doch überhaupt nicht für mich.
Nicht böse. Nicht überheblich. Eher wie eine nüchterne Feststellung nach zu viel Theaterlicht.
Denn unter all seinem Gerede lag eigentlich nur eine andere Frage:
Was willst du von mir?
Bestätigung?
Bewunderung?
Die Erlaubnis, dich interessant zu finden?
Oder einfach jemanden, der deine Selbstbeschreibung kurz mit Bedeutung auflädt?
Vielleicht war genau das so anstrengend. Diese permanente Selbstkuratierung vieler junger Männer, die sich für zerrissen halten, dabei aber oft nur ungeübt im Alleinsein sind.
Ein Opernabend mit Wagner – und plötzlich sitzt Hölderlin im Raum
Und am Abend dann Wagner. Gegen meine Gewohnheit. Gegen meine eigentliche Lust. Aber nun gut.
Opernhäuser haben etwas eigentümlich Konserviertes. Als würde Europa dort seine alten Selbstbilder unter Samtdecken weiteratmen lassen. Viel Stoff. Viel kontrollierte Bedeutung. Menschen stehen herum mit dieser feierlichen Körpersprache, die aussieht, als wolle sie sagen: Wir fühlen heute kulturell.
Und Wagner passt natürlich perfekt hinein.
Niemand will so sehr überwältigen wie Wagner. Schon die ersten Takte benehmen sich wie historische Großereignisse. Alles wird sofort größer als das einzelne Leben: Schuld, Liebe, Untergang, Erlösung. Selbst das Leid trägt dort noch Goldrand.
Und plötzlich saß zwischen all dem wieder Hölderlin im Raum.
Nicht wirklich natürlich. Hölderlin hätte diesem ganzen monumentalen Ernst vermutlich misstraut. Aber seine Schatten waren da. Denn Wagner und Nietzsche tragen beide etwas Hölderlinsches in sich: diese Sehnsucht nach einer Welt, in der Kunst, Mythos und Leben noch miteinander verbunden sind.
Nur reagieren sie völlig verschieden auf denselben Verlust.
Wagner antwortet mit Größe.
Nietzsche mit Zuspitzung.
Hölderlin dagegen mit Unsicherheit.
Vielleicht liegt genau darin seine Modernität.
Bei ihm kommen die entscheidenden Dinge nie frontal. Sie erscheinen aus der Ferne:
„Aber das Saitenspiel tönt
Fern aus Gärten.“
Kein Triumph. Kein Wille zur Wirkung. Nur ein Klangrest irgendwo hinter den Dingen.
Wagner dagegen hasst Distanz. Das Orchester drängt alles nach vorne. Selbst Sehnsucht erscheint bei ihm noch maximal präsent. Vielleicht musste Nietzsche sich deshalb irgendwann von ihm lösen. Wagner macht aus Schmerz ein Monument. Hölderlin lässt ihn einfach stehen.
Während der Pause standen die Leute wieder mit ihren Gläsern im Foyer. Viel Schwarz. Viel kontrollierte Begeisterung. Einige sprachen über Leitmotive wie Unternehmensberater über Marktanalysen. Und für einen kurzen Moment musste ich wieder an den jungen Künstler denken.
Der hätte dort wunderbar hineingepasst.
Auch er wollte letztlich nur eines:
Bedeutung erzeugen.
Aber Hölderlin – vielleicht ist das sein eigentlicher Unterschied – versucht nie bedeutend zu wirken. Seine Sprache drängt sich nicht auf. Sie lässt Leere stehen. Zweifel. Entfernung.
„Nah ist
Und schwer zu fassen der Gott.“
Dieses „schwer zu fassen“ fehlt den meisten Menschen inzwischen vollständig.
Als ich später hinausging, war die Stadt bereits dunkel. Irgendwo schepperte eine Straßenbahn durch die Nacht. Und für einen Moment schien es, als lägen diese drei Gestalten – Wagner, Nietzsche, Hölderlin – noch immer irgendwo übereinander wie verschiedene Möglichkeiten deutscher Sehnsucht.
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