Alexander Merow zu seinem neuen Fantasy Roman: Die Verschollenen

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Fantasy beginnt oft mit einer Grenze. Ein Portal. Ein Sturz. Ein falscher Schritt zwischen Welten. Bei Alexander Merow ist dieser Übergang kein märchenhafter Aufbruch, sondern ein Zustand der Unsicherheit. Die Figuren seines neuen Romans Die Verschollenen erwachen nach einer verlorenen Schlacht in einer fremden Realität und wissen zunächst nicht einmal, ob sie noch leben. Aus dieser Schwebe zwischen Ende und Neubeginn entwickelt Merow eine Geschichte über Macht, Fremdheit und das Überleben in Welten, deren Ordnung brüchig geworden ist.
Wer seine bisherigen Romane kennt — von der dystopischen Reihe Beutewelt bis zur Antariksa-Saga — erkennt schnell, dass sich auch in der Fantasy dieselben Fragen wiederfinden: Wie entstehen Herrschaftssysteme? Warum wiederholen sich Konflikte? Und was geschieht mit Figuren, wenn moralische Gewissheiten verschwinden? Dabei interessieren Merow weniger klassische Helden als ambivalente Figuren, die sich innerhalb instabiler Ordnungen behaupten müssen.
Im Gespräch erzählt der Autor von intuitivem Schreiben, gesellschaftlichen Mustern in Fantasywelten und seiner Faszination für düstere Universen zwischen Tolkien, Orwell und Warhammer 40.000. Vor allem aber spricht er darüber, warum Dystopie und Fantasy heute vielleicht näher an unserer Wirklichkeit liegen, als uns lieb ist.

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Die Verschollenen: Weltensprung

Herr Merow, schon der Titel "Die Verschollenen" erzeugt ein eigentümliches Gefühl von Abwesenheit und Unsicherheit. Was hat Sie an diesem Motiv des Verschwindens interessiert?

Mir hat die Idee von zwei Protagonisten, die buchstäblich durch Raum und Zeit geschleudert werden, gut gefallen. Damit habe ich sozusagen begonnen und die Fantasygeschichte danach „weitergesponnen“. Da die beiden, also der Menschenkrieger Hagan und der elbische Magier Ithaniel, von einem anderen Planeten auf „meine“ Fantasywelt „Antariksa“ befördert wurden, war es auch für mich als Autor besonders interessant, mir vorzustellen, wie ihre Irrfahrt beginnt und weitergeht.
Die Romanserie „Die Antariksa-Saga“, in der es um den Aufstieg eines Ork-Häuptlings namens „Grimzhag“ geht, spielt ja ebenfalls auf „Antariksa“. Das Gleiche gilt für die Romane rund um den Elben „Alarvail“. Insofern dürfte der eine oder andere Leser diese Welt bereits kennengelernt haben.


Ihre Figuren erwachen nach einer großen Schlacht in einer fremden Welt und wissen zunächst nicht, ob sie tot sind oder noch leben. Warum war diese Schwebe zwischen Ende und Neubeginn ein wichtiger Ausgangspunkt für den Roman?

Hagan und Ithaniel haben in ihrer eigentlichen Heimatwelt, die bereits von einer bösen, außerweltlichen Macht völlig zerstört worden ist, an einer Art Selbstmordmission teilgenommen. Es ging darum, ein Dimensionsportal zu vernichten, damit besagte Kräfte keinen Zugang mehr zu ihrer Heimatwelt erlangen können. Ob die Mission erfolgreich war, bleibt zunächst unklar. Für Hagan und Ithaniel war die Geschichte bereits am Anfang zu Ende. Zumindest kam es ihnen so vor, denn es war klar, dass sie den Kampf nicht überleben würden. Insofern ist die Schwebe zwischen Ende und Neubeginn ein roter Faden, der sich später auch durch die gesamte Geschichte zieht.
Für mich war es reizvoll, einen Roman zu schreiben, der auf mehreren Welten gleichzeitig spielt. Auch der Aspekt, dass die Schicksale der Protagonisten auf verschiedenen Ebenen miteinander verknüpft sind, machte „Die Verschollenen“ zu einem ganz besonderen Projekt.


Viele Fantasywelten funktionieren als Orte der Flucht oder der klaren Ordnung. Ihre Romane wirken dagegen oft wie Versuchsanordnungen gesellschaftlicher Konflikte. Entsteht Weltbau für Sie eher aus Eskapismus — oder aus Beobachtung der Gegenwart?

Sicherlich spielen beide Faktoren eine Rolle. Gewisse Muster aus unserer realen Welt kann man meiner Ansicht nach auch in einen Fantasy- oder Science-Fiction-Kontext übertragen, da sich menschliche Verhaltensmuster oft gleichen oder wiederholen. Andererseits mag ich die Frage „Wie würde sich ein Ork mit völlig anderen Werten oder Verhaltensweisen in einer solchen Situation verhalten?“ Oder ein Elb oder Zwerg. Abgesehen davon macht mir das Erschaffen von weit entfernten Welten natürlich auch eine Menge Spaß. Da kommt also der Eskapismus nicht zu kurz.

Wenn man Ihre Bücher betrachtet, fällt auf, dass Macht, Kontrolle und gesellschaftliche Umbrüche immer wieder zentrale Rollen spielen. Verändern sich diese Themen, wenn man von dystopischer Science Fiction in die Fantasy wechselt — oder nur ihre Oberfläche?

Das ist wirklich eine gute Frage. Macht, Kontrolle und gesellschaftliche Umbrüche sind vermutlich in den meisten Romanen im Fantasy- und Science-Fiction-Bereich zentrale Themen. Da könnte man bei Perry Rhodan beginnen und beim „Herrn der Ringe“ aufhören. In meinen bisherigen Romanen sind natürlich Machtkämpfe recht häufig anzutreffen. Ob es jetzt in „Beutewelt“ der Widerstand von Frank Kohlhaas gegen die übermächtige Weltregierung ist oder im „Aureanischen Zeitalter“ der Kampf der verschiedenen Fraktionen im futuristischen Bürgerkrieg – die drei genannten Aspekte sind in den Geschichten sehr wichtig. Natürlich gilt das auch für „Alarvail“ oder „Die Antariksa- Saga“.
In den meisten Fantasyromanen kämpft irgendjemand gegen irgendwen oder irgendwas, wobei meine „Helden“ oft eher Anti-Helden sind. Edle Ritter, die immer selbstlos und moralisch einwandfrei handeln, trifft man in meinen Büchern selten. Ein allzu klar definiertes Gut-Böse-Schema passt da auch nicht so gut.
Ich versuche mich immer in meine „Helden“ hinein zu versetzen und stelle mir die Frage, was ich an ihrer Stelle tun würde. Zum Beispiel, um einfach zu überleben oder gar meine eigene Machtposition zu erhalten. Für mich ist dieses weniger klare Gut-Böse-Schema die realistischere Variante, mit der ich mich als Autor auch am besten anfreunden kann.


Was entsteht bei Ihnen zuerst: eine Figur, eine Welt oder ein bestimmtes gesellschaftliches Szenario?

Das kann ich schwer beantworten. Oft sind es Ideen, die spontan auftauchen und um die sich dann nach und nach ganze Welten spinnen. Manchmal inspiriert mich ein Ereignis, ein Film, ein Spiel oder irgendetwas anderes. Das ist ganz unterschiedlich. Dann rumort es immer weiter unter meiner Schädeldecke, bis es Gestalt annimmt.


Schreiben Sie eher intuitiv — oder planen Sie Ihre Welten und Handlungsstrukturen sehr genau im Voraus?

Ich habe am Anfang so gut wie immer nur eine grobe Struktur, was den Handlungsstrang betrifft. Die Geschichte entwickelt sich in fast allen Fällen erst während des Schreibens. Das Gleiche gilt für die Protagonisten. Im Grunde erlebe ich die Geschichte bzw. das Abenteuer als Autor dann an der Seite meiner Romanfigur, die sich Stück für Stück entfaltet.


Gibt es Bücher, Filme oder Autoren, die Ihr Verständnis von Fantasy und Dystopie besonders geprägt haben?

Ja, einige auf jeden Fall. Von George Orwell über Tolkien bis hin zum Universum von Warhammer 40000. Vor allem Letzteres ist mir sehr ans Herz gewachsen, da diese düstere und ikonische Zukunft mit ihrer reichhaltigen Hintergrundgeschichte ein Fundus fast endloser Inspiration ist. All das hat sich natürlich auch auf meine Romane und mein World-Building ausgewirkt.


Wir leben in einer Zeit permanenter Krisenbilder und gesellschaftlicher Unsicherheit. Glauben Sie, dass Fantasy und Dystopie heute noch Warnungen sein können — oder beschreiben sie längst Zustände, die bereits begonnen haben?

Ich will nicht hoffen, dass zum Beispiel eine Welt wie in „Beutewelt“ bald real wird. Der eine oder andere würde in diesem Kontext vielleicht sagen, dass wir direkt auf so etwas zusteuern. Das sollte für jeden Leser eigentlich schon Warnung genug sein. Natürlich sind die Ideen in „Beutewelt“ auch nicht völlig aus dem Nichts entstanden. Sie entstammen meinen Beobachtungen und haben auch Bezüge zu realen Entwicklungen.
Ansonsten denke ich, dass Romane durchaus weiter zum Nachdenken anregen können. Das konnten sie in der Vergangenheit und das können sie nach wie vor. Das gilt auch für Fantasy- oder Science-Fiction-Bücher. Jenseits aller Aliens und Elben kann eine

Geschichte ja durchaus auch für uns in unserer Realität interessant sein, weil wir gewisse Muster oder Ereignisse wiedererkennen.

Vielen Dank an Alexander Merow für das ausführliche und offene Gespräch.

Weitere Informationen zum Autor und seinen Büchern:
https://www.alexander-merow.de


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