Zum Auftakt erinnert Denis Scheck an Arno Schmidt, der an diesem Tag 112 Jahre alt geworden wäre, und nimmt die Neuerscheinung seiner Tagebücher 1957–1962 zum Anlass für eine ausführliche Vorstellung. Der Band ist im Suhrkamp Verlag erschienen und versammelt Beobachtungen, Gedanken, Notate – geschrieben in einem Zeitraum, der von literarischer Produktivität und gesellschaftlicher Verdichtung geprägt war.
Scheck verweist auf Schmidts Rolle in der deutschen Nachkriegsliteratur und betont die Eigenständigkeit dieser Aufzeichnungen, die keine private Beiläufigkeit, sondern literarische Konstruktion sind. Die Sprache erscheint als Mittel, nicht als Ausdruck; die Form als Haltung, nicht als Reflex.
Erinnerung in Bildern: Ulli Lusts Schamaninnen
Im zweiten Beitrag stellt Scheck Ulli Lusts neuen Comic Die Frau als Mensch 2: Schamaninnen vor. Die Graphic Novel setzt eine Reihe fort, die sich mit der Konstruktion von Geschlechterrollen beschäftigt, und verlagert die Perspektive in die Vor- und Frühgeschichte.
Im Mittelpunkt steht die Figur der Schamanin, dargestellt als Füchsin – eine hybride Gestalt, die durch unterschiedliche Kulturen führt und dabei Narrative sichtbar macht, in denen Frauen nicht als schwach, sondern als zentral agierende Vermittlerinnen erscheinen.
Lust arbeitet mit einer Kombination aus historischer Recherche, visueller Verdichtung und essayistischer Struktur. Scheck beschreibt, wie sich darin überlieferte Vorstellungen auflösen und neue Deutungsräume entstehen, die bis in gegenwärtige Debatten über Körper, Macht und Sprache hineinreichen.
Sachbuch im Spiegel: Zehn Titel, zehn Felder
Der Mittelteil der Sendung ist der Spiegel-Bestsellerliste im Bereich Sachbuch gewidmet. Scheck führt durch die zehn meistverkauften Titel der Woche, ordnet sie thematisch und formal ein und zitiert prägnante Passagen.
Platz 10: David Goggins beschreibt in Can’t Hurt Me den Aufstieg vom prekären Umfeld zum US-Elitesoldaten und betont Disziplin als Lebensstrategie.
Platz 9: Volker Weidermann porträtiert in Wenn ich eine Wolke wäre die Lyrikerin Mascha Kaléko, deren Ironie und Distanz zum eigenen Ich im Zentrum stehen.
Platz 8: Richard David Precht analysiert in Angststillstand den Zustand öffentlicher Debatten unter dem Einfluss moralischer Aufladung und medialer Empörung.
Platz 7: Katja Gloger und Georg Mascolo dokumentieren in Das Versagen die deutsche Russlandpolitik der letzten Jahrzehnte.
Platz 6: Florence Gaub entwirft mit Szenario eine Reihe geopolitischer Zukunftsmodelle, ausgehend von einer hypothetischen Wiederwahl Putins im Jahr 2030.
Platz 5: Anne Brorhilker und Traudl Bünger rekonstruieren in Cum/Ex, Milliarden und Moral das Geflecht aus Steuerbetrug, Anwaltsmacht und staatlichem Versagen.
Platz 4: Axel Hacke fragt in Wie fühlst Du Dich, wie Gefühle im politischen Raum genutzt, gelenkt und instrumentalisiert werden.
Platz 3: Dirk Steffens plädiert in Hoffnungslos optimistisch für eine Haltung, die sich nicht von Dauerkrisen lähmen lässt.
Platz 2: Florian Illies schildert in Wenn die Sonne untergeht den ersten Exilsommer der Familie Mann 1933 in Südfrankreich.
Platz 1: Giulia Enders verbindet in Organisch medizinisches Wissen mit Erzählungen aus dem Alltag, ohne sich in Popularisierung zu verlieren.
Die Präsentation folgt keiner Dramaturgie, sondern einer nüchternen Durchsicht. Jedes Buch steht für ein Thema, jedes Thema für einen Diskurs, der im Hintergrund weiterläuft.
Interview mit Ursula Poznanski: Erebos 3
Den Abschluss bildet ein Studiogespräch mit Ursula Poznanski. Anlass ist der dritte Band ihrer Erebos-Reihe, die erneut das Verhältnis von Mensch und Maschine ins Zentrum stellt.
Die Geschichte kreist um eine künstliche Intelligenz, die menschliches Verhalten imitiert, ohne moralische Bewertung vorzunehmen. Die Frage, ob ein System Verantwortung übernehmen kann, wenn es keine Ethik kennt, steht implizit im Raum.
Poznanski beschreibt, wie sich Erzählung und Technologie im Jugendbuch verbinden lassen, ohne auf Vereinfachung zurückzugreifen. Sie spricht über Geschwindigkeit als Thema, über Verstärkung als Mechanismus und über Leser:innen, die sich in einem Übergang befinden – zwischen Medien, zwischen Positionen, zwischen Deutungsmustern.
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