Zwei Fenster. So viel Hierarchie passt in Glas. Franz Fiala sitzt in einem Brüsseler Büro der Europäischen Kommission, Generaldirektion Umwelt, Unterebene ENV.D.2 Naturkapital und Ökosystemgesundheit. Kein Spitzenbeamter, aber sichtbar genug, um am Lichteinfall seine Stellung zu messen. Zwei Fenster hat er. Der Abteilungsleiter drei. Der Generaldirektor fünf.
Fiala trifft eine Entscheidung. Frühpension. Schluss mit der Kommission. Noch im ersten Satz nennt er sie eine „Lebensentscheidung“. Das Wort trägt Pathos – und Menasse weiß das. Der Begriff wirkt wie eine Selbstüberhöhung, ein rhetorischer Halt inmitten von Frustration.
Der Geruch der Politik
Fiala hat am Green Deal mitgearbeitet, an der Vision eines ökologischen Umbaus. Dann kommen die Traktoren. Mist auf der Rue de la Loi. Jauche, brennende Reifen, Stille. Die politische Realität kippt, und mit ihr das Selbstbild eines Mannes, der glaubte, an etwas Besserem zu arbeiten.
Menasse schildert diese Szene nicht als Essay, sondern als Geruch. Der Gestank dringt ins Büro. Die Fenster lassen sich nicht ganz öffnen – eine Folge früherer Selbstmorde im Haus. Institutionelle Architektur als Sediment vergangener Krisen. Europa erscheint hier nicht als Idee, sondern als verletzliche Maschinerie.
Von Brüssel nach Wien
Fiala fliegt nach Wien, zum 89. Geburtstag seiner Mutter. Im Flugzeug gerät die Maschine in ein Hagelunwetter. Turbulenzen. Panik. Ein Baby schreit. Eine Frau sagt: „Es kann nicht sein.“ Und Fiala, im Moment vermeintlicher Todesnähe, empfindet etwas wie Einverständnis. Kein heroischer Gedanke, keine letzte Botschaft. Ein kurzes, fast befreiendes Lachen im Angesicht des Endes.
Hier kippt der Text. Die politische Lebensentscheidung wird von einer existenziellen überlagert.
Die Mutter, der Krebs und der Wettlauf
In Wien sieht Fiala seine Mutter im grellen Licht ihrer kleinen Wohnung. Ein „zerzauster Spatz“. Der Gedanke trifft ihn hart: „Sie wird es nicht mehr lange machen.“ Kurz darauf stirbt Onkel Fritz. Auflösungserscheinungen überall.
Dann die Diagnose: Bauspeicheldrüsenkrebs. Die eigentliche Lebensentscheidung ist nicht der Ruhestand. Sie lautet: die Mutter überleben. Ihr ersparen, am Grab des Sohnes zu stehen. Ein Überlebenswettkampf beginnt.
Literarische Spiegelung
In der Wohnung der Mutter findet Fiala einen Band „Deutsche Novellen. Von Goethe bis Grass“. Er liest eine Erzählung von Franz Werfel. Darin plant Karl Fiala seinen Tod, um seiner Familie finanzielle Sicherheit zu verschaffen. Zwei Fialas. Zwei Wettläufe mit der Zeit.
Literatur spiegelt Leben. Die Novelle verweist auf ihre eigene Tradition – leise, ohne didaktische Markierung.
Europa als Denkform
Ist das Menasses Abschied von Europa? Eher nicht. Die EU ist hier nicht Hauptfigur, sondern Kontext. Entscheidend ist die Verschiebung vom System zum Körper. Bürokratie, Krankheit, Tod – drei Formen von Verwaltung. Die eine regelt Umweltauflagen, die andere Zellteilungen, die dritte Lebenszeit.
Europa erscheint nicht als Allegorie der kranken Mutter. Diese Lesart wäre zu glatt. Es erscheint als Raum, in dem Überzeugungen entstehen – und zerbrechen können.
Ambivalenz statt Mission
Die Figur der Felicitas wirkt als Gegenstimme. Sie glaubt ihm nicht. Weder sein Einverständnis mit dem Tod noch seinen Abgesang auf die Politik. Die Novelle lässt Widerspruch zu. Sie argumentiert nicht, sie inszeniert.
Menasses Sprache bleibt kontrolliert. Kein Pathos, obwohl das Material es hergäbe. Die stärksten Szenen sind die stillen: das Büro als „Stillleben. Totenstill.“; die Post-its an der Tür, die ein ganzes Arbeitsleben in gelben Zetteln kondensieren.
Was bleibt
Am Ende bleibt keine große These. Nur ein Mann, der seine Mutter nicht allein lassen will. Und eine Institution, die ohne ihn weiterläuft. Europa braucht keine Helden. Aber vielleicht braucht es Menschen, die trotz allem bleiben wollen.
Und die eigentliche Lebensentscheidung ist vielleicht nicht der Rückzug, sondern das Aushalten.
Über den Autor: Robert Menasse
Robert Menasse wurde 1954 in Wien geboren und wuchs dort auf. Er studierte Germanistik, Philosophie und Politikwissenschaft in Wien, Salzburg und Messina. 1980 promovierte er mit einer Arbeit über den „Typus des Außenseiters im Literaturbetrieb“.
Anschließend lehrte er sechs Jahre an der Universität São Paulo, zunächst als Lektor für österreichische Literatur, später als Gastdozent am Institut für Literaturtheorie. Dort hielt er vor allem Lehrveranstaltungen über philosophische und ästhetische Theorien ab.
Seit seiner Rückkehr aus Brasilien 1988 lebt Menasse überwiegend in Wien als Schriftsteller und kulturkritischer Essayist. Mit dem Roman „Die Hauptstadt“ gewann er 2017 den Deutschen Buchpreis. Die Auseinandersetzung mit Europa bildet seither einen zentralen Schwerpunkt seines literarischen und essayistischen Werks.
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