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Herden, Körper, Schatten: Wie Denis Scheck bei Druckfrisch am 17.Mai 2026 die Gegenwart vermisst

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Es beginnt mit Begeisterung. Nicht mit jener routinierten Freundlichkeit, die Literaturkritiker gelegentlich pflegen, sondern mit echter, beinahe spürbarer Freude. „Ein geistreiches Buch“, sagt Denis Scheck über Leonie Swanns Widdersehen. Schon der erste Satz macht klar, dass dieser Roman für ihn mehr ist als bloße Unterhaltung. Scheck spricht nicht distanziert über das Buch. Er genießt es sichtbar.
Leonie Swann kehrt darin zu jener Welt denkender Schafe zurück, die sie seit Glennkill zu einer Ausnahmeerscheinung im deutschsprachigen Kriminalroman gemacht hat. Doch Widdersehen ist mehr als ein weiterer Tierkrimi. Der Roman verbindet Schafskrimi, politischen Roman und Gesellschaftssatire. Miss Maple – die ironische Variation auf Miss Marple – bewegt sich durch Drogenschmuggel, Bandenkriege und Machtkämpfe, während die Tiere menschliches Verhalten mit einer Mischung aus Staunen und analytischer Schärfe betrachten.
Gerade diese Perspektive fasziniert Scheck. Die Schafe wirken nicht niedlich. Sie fungieren als philosophische Beobachter. Menschen erscheinen aus ihrer Sicht irrational, aggressiv und seltsam besessen von Machtstrukturen. Besonders begeistert zeigt sich Scheck von der Idee der „Dämäkratie“: Eine Ziege wird probeweise in die Gruppe integriert. Der Wortwitz funktioniert sofort, trägt aber eine deutliche politische Tiefenschicht in sich. Wer darf dazugehören? Wer bleibt fremd? Und wie organisiert eine Gemeinschaft Vertrauen?
Swann verhandelt diese Fragen nicht theoretisch, sondern spielerisch. Genau das scheint Scheck so zu beeindrucken. Das Buch denkt, ohne belehrend zu werden. Es analysiert gesellschaftliche Mechanismen und bleibt zugleich leichtfüßig.

Denis Scheck Denis Scheck Von Elena Ternovaja - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0

Heike Geißler und die Müdigkeit der Gegenwart

Nach Leonie Swanns spielerischer Gesellschaftssatire verändert sich die Atmosphäre der Sendung spürbar. Heike Geißler spricht über Michaela Kohlhaas, und plötzlich geht es nicht mehr um Herdenmechanik, sondern um gesellschaftliche Erschöpfung.
Denis Scheck stellt dabei die entscheidende Frage: Wo liegt der Punkt, an dem Kohlhaas aus seiner Ordnung fällt? Bei Kleist wird Michael Kohlhaas zum Revolutionär. Geißlers Michaela dagegen entwickelt sich anders. Sie kündigt ihren Job, verweigert Gewohnheiten, lehnt Erwartungen ab und entfernt sich Schritt für Schritt aus allen gesellschaftlichen Strukturen.
Interessant ist dabei nicht nur der Roman selbst, sondern die Art, wie Geißler im Interview auftritt. Sie spricht ruhig, konzentriert und ohne jede programmatische Pose. Keine großen Thesen, keine theoretische Schärfegeste. Stattdessen beschreibt sie eine Figur, die die Welt als derart verroht erlebt, dass selbst Handlung sinnlos erscheint.
Scheck erkennt präzise, dass der Roman über den Körper erzählt ist. Müdigkeit, Obdachlosigkeit, soziale Härte und physische Erschöpfung strukturieren den Text. Michaela kämpft nicht heroisch gegen das System. Sie entzieht sich ihm. Genau darin liegt die Modernität der Figur. Der klassische Revolutionsgestus ist verschwunden. Übrig bleibt eine Form gesellschaftlicher Müdigkeit.
Besonders eindringlich bleibt Geißlers Antwort auf die Frage nach Wut. „Ungerechtigkeit“, sagt sie schlicht. Danach folgt ein Satz, der beinahe altmodisch wirkt: „Wir können doch alle ein bisschen aufeinander gucken.“ Gerade weil dieser Satz ohne Pathos formuliert wird, entfaltet er Wirkung. Er steht quer zu jener Verrohung, die der Roman beschreibt.

Spiegel-Bestsellerliste Sachbuch

Denis Schecks Vermessung der Gegenwart zwischen Erinnerung, Widerstand und Selbstoptimierung
Die Spiegel-Bestsellerliste Sachbuch wird bei Denis Scheck nie bloß heruntermoderiert. Auch diesmal liest er die Auswahl weniger als Verkaufsranking denn als Stimmungsbarometer einer Gesellschaft, die zwischen historischer Selbstbefragung, politischer Unsicherheit und dem Drang zur permanenten Selbstoptimierung schwankt.
Auf Platz zehn steht Gabriele von Arnims Abschied leben, ein Buch, das Scheck als „philosophisch verdichtet“, „lebensklug und klar“ beschreibt. Es ist auffällig, wie oft seine Wertschätzung an sprachlicher Präzision hängt. Von Arnim schreibt über Abschied und Verlust ohne sentimentale Überwältigung. Die Erfahrung wird nicht ausgestellt, sondern konzentriert.
Bojan Pancevskis Die Nord Stream-Sprengung auf Platz neun interessiert Scheck dagegen als Beispiel für präzisen Recherchejournalismus. Das Buch sei spannend, lehrreich und analytisch scharf. Bemerkenswert wirkt dabei seine beinahe ironische Bemerkung, wie gut deutsche Behörden in dieser Darstellung wegkämen. Politik erscheint hier als Erzählung konkurrierender Interessen und Unsicherheiten.
Mit Gustav Seibts Ein Sommer mit Goethe wird Bildung plötzlich zum Vergnügen. Das Buch sei „wissensprall“ und mache „sofort Lust auf Goethe“. Scheck verteidigt Literaturgeschichte nicht als kulturelle Pflichtübung, sondern als Form geistiger Gegenwart.
Giulia Enders’ Organisch lobt er für seinen warmherzigen Ton und die Fähigkeit, medizinisches Wissen verständlich zu erzählen. Familiengeschichten werden dabei zum Erkenntnisraum. Wissenschaft erscheint nicht abstrakt, sondern eingebettet in Alltag und Körpererfahrung.

Rüdiger von Fritschs Die Geschichte in mir nennt Scheck ein „packendes und gedankenreiches Buch“. Besonders interessiert ihn die Verbindung von persönlicher Erinnerung und historischer Verantwortung. Geschichte bleibt hier nichts Abgeschlossenes. Sie arbeitet weiter in Biografien und politischen Selbstbildern.
Mit Gisèle Pelicots Eine Hymne an das Leben verändert sich der Tonfall deutlich. Scheck spricht von einem „erschütternden Zeugnis“ und einem „Kampf um Würde und Sprache“. Entscheidend scheint ihm dabei, dass das Buch mehr ist als ein bloßer Leidensbericht. Sprache wird zur Möglichkeit, Gewalt nicht nur zu dokumentieren, sondern ihr Würde entgegenzusetzen.
Melanie Pignitters Wiedersehen mit mir selbst zwischen Pasta und Limoncello beschreibt Scheck als Mischung aus Italienklischees und „Coaching-Floskeln statt Literatur“. Seine Kritik richtet sich weniger gegen leichte Unterhaltung als gegen sprachliche Austauschbarkeit. Das Buch erscheint ihm wie emotionales Konsumdesign.
Benjamin von Stuckrad-Barres Udo Fröhliche behandelt er dagegen deutlich wohlwollender. Die „liebevolle Hommage“ an Udo Lindenbergs Sprachwelt funktioniert für Scheck offenbar deshalb, weil hier Pop nicht bloß reproduziert, sondern literarisch reflektiert wird.

Matthias Brandts Nein sagen wirkt schließlich wie das politische Zentrum dieser Liste. Scheck nennt das Buch ein „kluges kleines Buch“ über Widerstand und Mitläufertum und verbindet es direkt mit der Gegenwart der AfD. Geschichte erscheint hier nicht museal, sondern als demokratische Gegenwartsfrage.
Am schärfsten fällt sein Urteil über Ildikó von Kürthys Alt genug aus. Das Buch sei „brillante Selbstvermarktung“, literarisch jedoch nicht überzeugend. Schließlich folgt jener Satz, der fast härter klingt als jede ausführliche Kritik: eher ein „Fanartikel von Ildikó von Kürthy“.

Darin zeigt sich vielleicht am deutlichsten, wie Denis Scheck Literatur versteht. Bücher dürfen populär sein, leicht sein, unterhaltsam sein. Aber sie müssen mehr erzeugen als Selbstbestätigung. Gute Literatur erweitert Wahrnehmung. Schlechte Literatur bestätigt nur das eigene Spiegelbild.

Gianrico Carofiglio und die Kunst des Zweifels

Mit Gianrico Carofiglio verschiebt sich die Sendung erneut. Sein Roman Der Horizont der Nacht beginnt, wie er erzählt, mit einem Schatten und der Idee eines Gerichtsprozesses, bei dem die Fakten klar scheinen und dennoch Unsicherheit bleibt.
„Nichts ist wie es scheint“, sagt Scheck. Doch bei Carofiglio wird daraus keine bloße Krimiformel. Der Zweifel bildet das Zentrum seines Erzählens.
Dass er selbst Richter und Staatsanwalt war, prägt seine Perspektive sichtbar. Carofiglio beschreibt den Zweifel als das stärkste Instrument der Erkenntnis. Wahrheit entsteht nicht durch Gewissheit, sondern durch die Fähigkeit, Unsicherheit auszuhalten.
Dadurch verschiebt sich der Kriminalroman beinahe unmerklich ins Philosophische. Der Gerichtssaal wird zum Ort konkurrierender Erzählungen. Jede Aussage trägt die Möglichkeit des Irrtums in sich.
Besonders interessant wird das Gespräch, als Scheck auf die Jung-Analyse des Protagonisten eingeht. Der Held entdeckt seinen „Schatten“ – jene verdrängten dunklen Seiten der Persönlichkeit, die Carl Gustav Jung beschrieben hat.
Carofiglio formuliert daraus eine stille Anthropologie. Menschen verdrängen ihre dunklen Seiten oder setzen sich mit ihnen auseinander. Erlösung verspricht der Roman nicht. Nur Bewusstsein.
Bemerkenswert bleibt dabei die Lakonie, mit der Carofiglio über Literatur spricht. Er schreibe, weil er gerne Geschichten erzähle. Die therapeutische Wirkung sei lediglich ein „Sideeffekt“. Gerade diese Nüchternheit verhindert jede Selbstüberhöhung.

Literatur als Seismograph

So entsteht aus dieser Druckfrisch-Ausgabe ein erstaunlich geschlossenes Bild. Leonie Swanns Schafe untersuchen Gemeinschaft als Herdenmechanik. Heike Geißlers Michaela verweigert gesellschaftliche Ordnung vollständig. Gianrico Carofiglio sucht Wahrheit im Zweifel. Matthias Brandt erinnert an Widerstand. Gisèle Pelicot kämpft um Würde und Sprache.
Denis Scheck moderiert diese Bücher nicht als bloße Neuerscheinungen. Er liest sie als Denkmodelle und Seismographen gesellschaftlicher Zustände. Literatur erscheint dabei nicht als moralische Instanz, sondern als Instrument genauer Wahrnehmung.
Die interessantesten Bücher dieser Sendung beruhigen nicht. Sie machen sichtbar, wie brüchig Gegenwart geworden ist – in ihren Wahrheiten, Gemeinschaften und Selbstbildern.

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