Ein Buch wie ein Dia-Abend im Kopf: kein Vortrag, keine Linie, kein roter Faden, sondern ein Leuchten, ein Flackern, ein Rhythmus aus Bildern und Sätzen. Margaret Atwood, Jahrgang 1939, beginnt ihr Memoir mit dem, was sich nicht festhalten lässt: ein Leben, das nicht chronologisch erzählt, sondern seismografisch vermessen wird. Sie nennt es nicht „Autobiografie“, sondern Book of Lives. Der Plural ist kein Versehen.
768 Seiten. Zwei Übersetzer:innen. Ein Hardcover, das wie ein Archiv aussieht. Man geht nicht hinein wie in einen Roman. Man tastet sich vor wie durch eine Erinnerungswolke. Atwood schreibt nicht: Das war ich. Sie schreibt: Das war auch ich.
Kindheit: Wälder, Insekten, Improvisation
Gesichert ist: Atwood wächst in Kanada auf, oft fernab der Städte. Ihr Vater ist Entomologe – ein Insektenforscher, der seine Familie mitnimmt in die borealen Wälder. Kein Strom, kein Telefon, keine Nachbarn. Die Schule ist für den Winter. Der Rest: Natur, Beobachtung, Stille. In Interviews beschreibt Atwood diese Kindheit als eine Zeit des Improvisierens. Man lernt, mit dem zu arbeiten, was da ist. Diese Lektion prägt ihr Schreiben.
Es ist kein sentimentaler Rückblick. Die Wildnis ist weder romantisch noch bedrohlich. Sie ist Bedingung. Man merkt: Wer so aufwächst, erzählt später anders. Nicht linear. Nicht gefällig. Nicht zum Mitfühlen. Sondern mit Distanz – und einem genauen Blick.
Erinnerung als Material, nicht als Beweis
Atwood lässt Erinnerungen nicht für sich sprechen. Sie spricht über sie. Sortiert Fotos, beschreibt Moden, Bräuche, Dinge, die verschwunden sind: Milchklappen, Eishäuser, Tanzveranstaltungen in Turnhallen. Doch das Memoir verweigert jede Nostalgie. Die Vergangenheit bleibt unfertig. Atwood macht keine Geschichte daraus. Sie zeigt: Erinnerung ist nicht das, was war – sondern das, was bleibt, wenn man versucht, es zu erzählen.
Kritiker nennen das „ein Privatmuseum“ (Kirkus Reviews). Die New York Times spricht von einem „intellektuellen Landschaftsbild“, das kein Bekenntnis sein will. Atwood selbst sagt, das Buch sei aus der Notwendigkeit entstanden, bevor es zu spät sei. Nicht, weil etwas geklärt werden müsse – sondern weil etwas offen bleiben darf.
Identität: kein Porträt, sondern ein Prisma
Book of Lives versammelt Leben, nicht ein Leben. Atwood schreibt nicht aus einem Zentrum. Sie schreibt aus Rändern. Aus Rollen. Aus Blicken, die auf sie geworfen wurden. Schriftstellerin, Tochter, Frau, Mutter, Feministin, Ikone, Hexe, Witzfigur. Keine wird ausgespielt. Keine bleibt unberührt. Die Zuschreibungen stehen im Raum – sie nennt sie, ordnet sie nicht. Das Ich ist hier kein Kontinuum, sondern ein Resonanzkörper. Was bleibt, sind Spiegelungen.
Wer dieses Memoir liest, sollte keine Konturen erwarten. Es geht nicht um Wahrheit, nicht um Geständnis. Es geht um Blickregime, um Sprache, um das Verhältnis von Innen und Außen. Manchmal ist es leise wütend. Meistens: lakonisch. Und immer: durchdacht.
Schreiben: Zwischen Welt und Werk
Atwood reflektiert über das Schreiben – nicht als Beruf, sondern als Zustand. Sie beschreibt, wie Lebenszeit und Literatur ineinandergreifen, ohne dass das eine zum Rohstoff des anderen wird. Ihre Bücher entstehen nicht aus Bekenntnissen, sondern aus Beobachtungen. Politisch, ja – aber nie plakativ. In ihren Memoiren bleibt sie dieser Haltung treu.
„Autoren haben keine Armee“, sagt sie im Interview. Aber sie haben Worte. Und manchmal, so lässt sich herauslesen, reicht das schon, um Widerstand zu leisten – gegen Zensur, gegen Einengung, gegen das Schweigen.
Ein Buch der Stimmen, nicht der Antworten
Book of Lives ist kein Schlüssel zu Atwoods Werk. Es ist kein Vermächtnis, kein letzter Satz. Es ist ein Nachdenken über das eigene Leben im Angesicht der Zeit. Die Form ist lose, manchmal sprunghaft, nie zufällig. Keine Pose. Kein Pathos. Nur: ein Schreiben gegen das Verschwinden.
Wer Atwood nur als Autorin dystopischer Romane kennt, findet hier: die vielen Leben dahinter. Wer Literatur nicht als Selbstoffenbarung, sondern als Denkbewegung versteht, wird dieses Buch lesen wollen. Nicht, um sie zu verstehen. Sondern um zu sehen, wie eine schreibt, die sich nicht festlegen lässt.
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