Sarah Kuttner erzählt in Mama & Sam eine Geschichte, die gleichzeitig persönlich und gesellschaftlich relevant ist. Es geht um Online-Betrug – und damit vordergründig um Täuschung, Manipulation, Kontrollverlust. Doch eigentlich erzählt dieser Roman von viel tieferliegenden Dingen: Einsamkeit, Mutter-Tochter-Distanz, Schamgefühlen und dem verzweifelten Wunsch, gesehen zu werden. Dass die Geschichte autobiografische Züge trägt, macht sie nicht nur authentischer, sondern auch schmerzhaft aufrichtig. Kuttner gibt sich keine literarische Deckung – sie blickt hin, wo viele wegsehen.
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Zwischen Erinnerung und Entsetzen
Sarah, die Ich-Erzählerin, steht am Anfang der Handlung in der Wohnung ihrer verstorbenen Mutter. Was bleibt, ist ein „muttergroßes Loch“ im Dielenboden – sowohl physisch als auch symbolisch. „Also starre ich in ein muttergroßes Loch, das mit staubigem Schutt gefüllt ist.“ Dieser eine Satz trägt bereits die ganze Erzählung in sich: Der Mensch ist verschwunden, die Spuren sind schmutzig, unaufgeräumt, und was zurückbleibt, ist eine Mischung aus Verstörung, Ratlosigkeit und Erinnerung.
In Rückblenden erfahren wir, wie sich die Beziehung zwischen Mutter und Tochter entwickelt hat – mit all ihren Brüchen, Kränkungen, kleinen Versöhnungen. Die Mutter – einsam, suchend, liebebedürftig – gerät in die Fänge eines Romance Scammers. Ein Mann, der ihr Liebe verspricht, ihr Zuwendung suggeriert, während er gleichzeitig Geld fordert. Dass sie nicht erkennt, was wirklich geschieht, ist kein Zeichen von Naivität, sondern der Ausdruck eines dringenden Wunsches: nicht allein zu sein.
Sarah hingegen versucht zu verstehen – das Verhalten der Mutter, den eigenen Schmerz, die gesellschaftlichen Bedingungen, unter denen so etwas möglich wird. Dass sie dabei selbst an Grenzen stößt, ist Teil der Geschichte. Der Roman zeigt keine Heldinnen und keine Schuldigen. Er zeigt Menschen – mit all ihrer Widersprüchlichkeit.
Klar, klug, bitterkomisch
Kuttner schreibt in einem Stil, der scheinbar beiläufig wirkt, aber genau beobachtet ist. Der Ton changiert zwischen lakonischem Witz, ernster Reflexion und fast dokumentarischer Sachlichkeit. Der Schmerz wird nicht ausgestellt, sondern durch den Blick auf Details spürbar gemacht. Etwa wenn die Ich-Erzählerin beschreibt, wie die Wohnung ihrer Mutter riecht: „nicht nach: Hier ist jemand gestorben“, sondern nur nach „es müsste mal gelüftet werden und nach meinem neuen Freund, dem Schutt“. Das ist schwarzer Humor in seiner reifsten Form: Er schützt nicht vor der Wahrheit, aber er lässt sie sich ertragen.
Ein weiteres Beispiel für Kuttners sprachliche Souveränität ist eine Passage, in der sie über den Umgang mit überbordenden Emotionen spricht: „Wenn man sich machtlos ergibt, geht man unter. [...] Man muss üben, neben ihnen zu stehen, sie sich ruhig und freundlich anzusehen.“ Diese Sätze lesen sich wie aus einem psychologischen Ratgeber, wirken aber gerade deshalb so eindringlich – weil sie sich eben nicht in dramatischer Sprache verlieren, sondern die Kontrolle über das eigene Chaos thematisieren. Es sind Sätze, die hängen bleiben, gerade weil sie nicht um Aufmerksamkeit heischen.
Monatskapitel als Rhythmusgeber
Der Roman ist in Monatskapitel gegliedert – eine Struktur, die dem Text Rhythmus verleiht und die emotionale Entwicklung der Erzählerin unauffällig begleitet. Jeder Abschnitt steht für einen neuen Versuch, sich der Vergangenheit zu nähern: mal konfrontativ, mal versöhnlich, mal resigniert. Die Episoden wirken lose, sind aber fein verwoben. Der Lesefluss bleibt konstant, weil Sprache und Tempo präzise gesetzt sind.
Die Übergänge zwischen Erinnerung und Gegenwart, zwischen Beobachtung und Gefühl sind fließend. Es ist ein literarisches Erinnerungsprotokoll, das nicht chronologisch erzählt, sondern emotional geordnet ist. Dadurch entsteht kein klassischer Spannungsbogen – und genau das macht die Lektüre so glaubwürdig.
Das Private im Digitalen
Was Kuttner hier beschreibt, ist mehr als eine persönliche Tragödie. Es ist ein aufrüttelnder Blick auf unsere Gegenwart, in der digitale Nähe oft echte Einsamkeit überdeckt – oder sie ausbeutet. Romance Scams sind längst kein Randphänomen mehr, sondern Ausdruck einer Gesellschaft, die Menschen systematisch isoliert und dann im Netz mit einfachen Lösungen ködert.
Kuttner wertet nicht. Sie erklärt. Und das ist ihre große Stärke. Sie macht sichtbar, wie psychologische Verwundbarkeit funktioniert – ohne Pathos, ohne Schuldzuweisungen. Ihre Mutter ist keine naive Frau, sondern eine, die „wissen wollte, was Liebe ist“. Und einer, der genau das ausnutzte, hat es ihr gezeigt – auf eine Weise, die alles zerstörte.
Ein Buch, das nicht wehtun will – und gerade deshalb trifft
Mama & Sam ist ein Buch, das in keine Schublade passt. Es ist kein klassischer Roman, kein Ratgeber, kein Psychogramm – und doch ist es von allem ein wenig. Vor allem aber ist es mutig. Weil es einen zutiefst intimen Vorgang – den Zerfall einer Mutter – öffentlich macht, ohne sich dahinter zu verstecken. Weil es erklärt, ohne sich zu rechtfertigen. Und weil es eine Sprache findet für das, was oft nur stumm bleibt.
Das Buch ist traurig, ja – aber nicht sentimental. Es ist analytisch, aber nicht kalt. Es ist offen, ohne sich bloßzustellen. Kurz: Es ist sehr nah dran an dem, was gute Literatur leisten kann: Verstehen, was eigentlich unverständlich ist.
Zur Autorin Sarah Kuttner
Sarah Kuttner, Jahrgang 1979, lebt in Berlin und wurde durch ihre Arbeit als Moderatorin, Autorin und Kolumnistin bekannt. Mit Romanen wie Mängelexemplar und 180° Meer bewies sie früh ein Gespür für psychologische Tiefenschärfe. Mama & Sam ist ihr bisher persönlichstes Buch – und eines der relevantesten in Zeiten digitaler Vereinsamung.
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