Sie nennen sich selbst „die Geparkten“ – Frauen, ausgesetzt im vermeintlichen Paradies, ausrangiert wie Leasingwagen nach Ablauf der Vertragslaufzeit. Mit diesem Bild beginnt Monika ihre Geschichte. Es ist kein dramatischer Aufschlag, sondern ein leiser, kluger Einstieg in einen Roman, der auf den ersten Blick wie eine luftige Urlaubslektüre daherkommt. Und das ist er auch. Aber einer von der Sorte, die zwischen zwei Cocktails mit überraschend klarer Sicht auf innere Landkarten aufwartet.
Susanne Fröhlich hat mit Geparkt einen leicht verdaulichen, aber nicht belanglosen Roman geschrieben. Es ist genau das Buch, das man manchmal braucht: charmant, witzig, mit einem scharfen Blick für Alltagsabsurditäten – und mit der Fähigkeit, zwischen Poolboy und Partnerverlust eine kluge Geschichte über Selbsttäuschung und Neuanfang zu erzählen.
Eine Finca, ein Traum – und ein Brief vom Anwalt
Monika lebt auf Mallorca. Nicht als Tourist, sondern als Lebenspartnerin eines Mannes, der ihr versprochen hat, dass sie angekommen ist. Die Finca ist groß, der Pool glitzert, das Leben wirkt wie im Prospekt. Doch dann kommt der Umschlag. Ein Brief vom Anwalt. Sie solle gehen. Sofort. Ohne Erklärung, ohne Rückfahrkarte.
Was sich wie der Beginn einer Katastrophe liest, ist in Fröhlichs Tonfall eine humorvolle Bestandsaufnahme, in der Katastrophen durch Ironie gezähmt werden. In der Leseprobe beschreibt Monika ihren Absturz mit einem lakonischen Witz, der ins Mark trifft:
„Erst war ich eine Kurzzeitgeparkte, dann entpuppte sich Mallorca als Dauerparkplatz, und mit dem Ablauf der Parkzeit kam die Zwangsräumung.“
Das ist die Stärke dieses Buches: Situationen, die wehtun könnten, bekommen einen Dreh, der sie lesbar, nahbar, manchmal sogar befreiend macht.
„So was kommt von so was“
Nebenfiguren wie die Haushälterin Anneliese bringen die Pointen, aber auch die Wahrheit. Ihr trockener Kommentar – „Reißen Sie sich zusammen, Sie haben keinen Krebs. Es ist nur ein Mann.“ – mag herzlos wirken, trifft aber den Kern. Monika muss sich ihre Lebensentscheidungen anschauen, und Fröhlich lässt sie das mit Tempo, Selbstironie und einem untrüglichen Gespür für Komik tun.
Der Satz „So was kommt von so was“ wird zum Mantra – und zum Wendepunkt. Denn Monikas „So was“ heißt Sven. Der Mann, in den sie all ihre Hoffnung auf Sicherheit, Sinn und Zukunft gesetzt hat. Ein vermeintlicher Joker, der sich als simple Spielkarte entpuppt. Dass er sich verabschiedet, ist ein Schlag. Aber dass Monika ihn – und das System dahinter – hinterfragt, ist der eigentliche Gewinn.
Was Mütter sagen – und was bleibt
Besonders stark wird der Roman dort, wo er nicht nur vom Jetzt erzählt, sondern vom Davor. In Rückblicken entwirft Fröhlich das Erbe einer Generation, in der Frauen gelernt haben, dass Schönheit Kapital ist, und Männer die Lösung aller Lebensfragen. Monikas Mutter hat klare Vorstellungen: „Ohne gutes Aussehen, Monika, ist das Leben für Frauen kein Spaß.“
Diese Sätze sind so direkt wie überliefert, wirken vertraut – und gerade deshalb so entlarvend. Dass Fröhlich sie nicht mit moralischem Zeigefinger präsentiert, sondern als Teil eines Systems, das viele kennen, macht sie umso wirksamer. Es ist kein Aufbegehren gegen die Vergangenheit, sondern eine stille Abrechnung – mit einem Lebensmodell, das sich als dünnwandig erweist, wenn der Wind sich dreht.
Mallorca: Kulisse und Korrektiv
Mallorca ist in diesem Roman mehr als ein Ferienziel. Es ist eine Bühne, auf der Sehnsüchte und Realitäten aufeinanderprallen. Fröhlich nutzt die Insel, um den Kontrast zwischen äußeren Bildern und innerem Wandel sichtbar zu machen. Monikas neue Freundinnen – ein kleines, diverses Frauennetzwerk – sind keine Sidekicks, sondern Katalysatoren. Mit ihnen entdeckt sie neue Wege, zu sich selbst zu finden. Ohne Coach, ohne Erleuchtung – einfach durch Reden, Streiten, Lachen, Leben.
Ein Buch wie ein Gespräch auf dem Balkon
Geparkt ist kein schwerer Roman. Und das ist gut so. Er will nicht philosophieren, sondern erzählen. Ein Frauenroman im besten Sinne: warm, witzig, lebensklug – mit einem Blick für die Widersprüche, die wir alle mit uns herumtragen.
Susanne Fröhlich gelingt es, das Gewicht der Themen – Abhängigkeit, Selbstwert, weibliche Rollenbilder – so leicht zu verpacken, dass sie auch zwischen zwei Haltestellen gelesen werden können. Und trotzdem nachwirken.
Ein Buch für alle, die sich gern unterhalten lassen – und dabei mehr erkennen, als sie erwartet haben.
Topnews
Unser Geburtstagskind im August: Mary Shelley
Unser Geburtstagskind im Juli: Franz Kafka und die Kunst, sich nicht zurechtzufinden
Unser Geburtstagskind im Juni: Thomas Mann und die brüchige Ordnung der Welt
Unser Geburtstagskind im Mai: Novalis - Die Blaue Blume und die Wiederverzauberung der Welt
Unser Geburtstagskind im April: Samuel Beckett
Unser Geburtstagskind im März: Heinrich Mann
Unser Geburtstagskind für den Wintermonat Februar: Gertrude Stein
Ein Geburtstagskind im Januar: Edgar Allan Poe – Dichter der Struktur und des Schreckens
Geburtstagskind im Dezember – Emily Dickinson
Ein Geburtstagskind im November: Astrid Lindgren
Geburtstagskind im Oktober: Benno Pludra zum 100. Geburtstag
Das Geburtstagskind im September: Roald Dahl – Der Kinderschreck mit Engelszunge
Ein Geburtstagskind im August: Johann Wolfgang von Goethe
Hans Fallada – Chronist der kleinen Leute und der inneren Kämpfe
Ein Geburtstagskind im Juni: Bertha von Suttner – Die Unbequeme mit der Feder
Ein Geburtstagskind im Mai: Johannes R. Becher
Ein Geburtstagskind im April: Stefan Heym
Ein Geburtstagskind im März: Christa Wolf
Bertolt Brecht – Geburtstagskind im Februar: Ein literarisches Monument, das bleibt
Jules Verne und die Zukunft, die längst begonnen hat
Die Psychiaterin von Freida McFadden: Ein Haus voller Stimmen – und keine davon sagt die ganze Wahrheit
Bernhard Kegel: Rettung durch schnelle Evolution. Warum Arten unerwartet überleben – Die Natur antwortet
Ulf Poschardt: Bückbürgertum – Die Republik im Rückzug
Petra Morsbach: Orion
Warum man diesen Sommer Günter Grass lesen sollte – und warum seine Bücher bleiben
Über Rilke stolpern – Karwoche ohne Gewissheit
Kafka am Strand von Haruki Murakami: Zwischen Traum, Identität und Wirklichkeit
Karen W. – Eine Resonanz des Alltags
„Ein Faden, der sich selbst spinnt“ – Jon Fosses Vaim und der Rhythmus der Abwesenheit
Krieg in der Sprache – wie sich Gewalt in unseren Worten versteckt
Wie der Grinch Weihnachten gestohlen hat von Dr. Seuss
So ein Struwwelpeter von Hansgeorg Stengel & Karl Schrader
Salman Rushdie: Die elfte Stunde
Astrid Lindgren: Die Brüder Löwenherz
Aktuelles
MONOFUTURIS – Vom Fortschritt zum Verlust der Vielfalt von Konstantin Schamber
Shida Bazyar: „Die Lücken“ – Was ein Dorf nicht vergessen kann
Karosh Taha: „Gulistan“ – Wenn selbst ein Name gefährlich wird
Pocket FM wird Sponsor des Selfpublisher-Verbandes
Eunike Grahofers „Wurzeln – Apotheke aus der Erde“
Sarah Elena Müller: „Unwucht“ – Die offene Seite der Liebe
Giuliano Musio: „Aus anderem Holz“ – Der Mensch, der eine Puppe blieb
Brecht, Gleiwitz und die Sprache des 1. September
Das Literarische Quartett am 4. September 2026
1999 Meter über dem Meer von Caroline Wahl: Wie frei ist ein Leben, das ständig eine neue Rolle braucht?
Alles wird Asche von Nele Neuhaus: Die Zukunft ist neu, die Abgründe sind es nicht
Tractatus-Preis 2026: Maria-Sibylla Lotter gewinnt mit „Opfer“
MONOFUTURIS: Dr. Konstantin Schamber im Interview
Jules Verne und die Zukunft, die längst begonnen hat
Jules Verne: „Reise um die Erde in 80 Tagen“ – Die Welt wird zur Uhr
Rezensionen
Jules Verne: „20.000 Meilen unter dem Meer“ – Der Mann, der aus der Welt verschwindet
Clemens Böckmann: „Das richtige Leben des Alvaro Maderholz“
Annie Ernaux und Marc Marie: „Auf den Bildern“ – Was vom Begehren übrig bleibt
Vom Wollen und Sollen – Gerti Tetzners „Gegen Wind“
Karolyn Ciseau: „… to Kill a Monster. Dragonblood Academy“ – Wenn Vertrauen gefährlicher wird als ein Drache
Kräutertee und Wadenwickel – Wenn die Hausapotheke wieder in die Küche zieht
„Parasiti“ von Alisha Gamisch: Was sich in einer Familie einnistet
Tony Tulathimutte: „Fiasko“ – Jeder ist die Hauptfigur seiner Zurückweisung
Erin A. Craigs „Ein Haus aus Salz und Tränen“ zwischen Märchen, Gothic Horror und weiblicher Selbstbehauptung
Ada Caine: „Eine echte Komtess“ – Ein Sommer zwischen den Ständen
Böse Stunde von Catherine Shepherd – Wenn die Zeit zur Tatwaffe wird
Als wir träumten von Clemens Meyer
Die Psychiaterin von Freida McFadden: Ein Haus voller Stimmen – und keine davon sagt die ganze Wahrheit
Nachtschatten von Kristina Ohlsson: Ein atmosphärischer Schwedenkrimi zwischen Familiengeheimnissen und tödlichen Wahrheiten