Dörte Hansen - Mittagsstunde Die Ruhe, die man ihnen nahm

Dörte Hansens Bestseller "Mittagsstunde" erzählt von der Marginalisierung des fiktiven Dorfes Brinkebüll. Es ist auch ein Erzählen über die vernichtende Kraft des Fortschrittes.

Buch
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  	  	Penguin Verlag
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  	  	Sozialisierung
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  	  	Literatur
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  	  	Redaktionelle Empfehlung
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  	  	Dörte Hansen
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  	  	ISBN 978-3328600039
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  	  	Rezension
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  	  	Bestseller
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  	  	Marginalisierung
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Foto: Penguin Verlag Dörte Hansen schreibt in ihrem Roman "Mittagsstunde" über das Schicksal eines Dorfes.

Wenn Großstädter von einem ruhigen Leben auf dem Dorf träumen, stellen sie sich meist idyllische Landschaften, Kuhweiden und Bauernhöfe vor. Ein Selbst-Versorger-Leben, in dem man den Sonnenaufgang während des Weges vom Stall ins Haus beobachten, kurz innehalten, und über die schönen und schweren Seiten des Lebens fabulieren kann. Es sind dies utopische Vorstellungen, die sich auf ein Leben beziehen, welches erstens wohl kaum so stattgefunden hat, und zweitens, sollte es denn wenigsens im Anzatz so gewesen sein, ausradiert wurde. In ihrem zweiten Roman "Mittagsstunde" berichtet Dörte Hansen von einem fiktiven Dorf namens "Brinkebüll" und dessen Marginalisierung.

Als die Landvermesser kamen

Brinkebüll war einst ein Vorzeige-Dorf. Ein kleines Örtchen mit einer Kirche, einer Schule, einem Gasthaus, umgeben von Wäldern und Wiesen. Innerhalb weniger Jahre jedoch, ist dieser ruhige Fleck im Nordfriesland zu einem Rückzugsort für Touristen geworden. Diese Umwandlung begann mit dem Eintreffen der Landvermesser in den 60ern, die mit der Flurbereinigung begannen. Aus Feldern wurden Ackerflächen. Industrielle Anlagen, die eher auf Gewinn als auf ein friedlichen Leben abzielten. Die Tiere verschwanden, flohen, vom Maschienenkrach getrieben, in menschenärmere Gebiete. Der Kopfsteinpflasterweg wurde zu einer asphaltierten Straße; eine gerade Strecke, effizienter, zeitsparender, funktioneller.

Diese ökonomische Verwandlung, die man tatsächlich auf viele deutsche Dörfer anwenden kann, schimmert stets im Hintergrund der Geschichte, die uns Dörte Hansen nun zu erzählen beginnt. An ihrem Anfang steht die Rückkehr ins Dorf.

Die Kraft der Sozialisation

Ingwer Feddersen, fast 50 Jahre alt, Archiologe an einer Uni in Kiel, beschließt für ein Jahr lang in sein Heimatdort Brinkebüll zurückzukehren, um dort seine Großerltern zu pflegen. Der Großvater, Sönke Feddersen, hält trotz Altersschwäche an seinem Gasthof fest; die Großmutter ist dement. Mit Ingers Besuch beginnt der Roman, der sich in zwei Zeitebenen aufteilt: Das Dorf der in der Vergangenheit und das Dorf aus der Perspektive der Gegenwart. Somit kann Dörte Hansen einen Vergleich ziehen, und die allmähliche Veränderung des Dorfes als soziologisches Fundament ihres Erzählens setzen.

Wir erfahren mehr über die Charakterzüge der verschiedenen Dorfbewohner*innen, die sich allesamt untereinander von klein auf kennen. Das Dorf selbst erscheint dabei wie eine große Familie. "Mittagsstunde" erzählt von dem Miteinander und den Macken dieser Familie; und von den verändernden Eingriffen in ihrem Beisammen-Sein.

Was prägt einen Menschen? Wie manifestieren sich welche Ereignisse in der Persönlichkeit? Veränderungen und Monotonie, davon erzählt dieses Buch, dessen Kapitel mit Schlagersong-Titel überschrieben sind, die Ingwer Feddersens Kindheit und frühe Jugend prägten. Zum stdieren verlässt er das Dorf, zieht nach Kiel, wohnt dort, gemeinsam mit einer Frau und einem Mann, in einer Wohngemeinschaft. Es ist eine Lebensweise, die im Dorf nicht nachvollzogen werden kann, die fremd ist. Am Beispiel von Ingwer beschreibt Dörte Hansen die Kraft der Sozialisation. Im Alter von beinahe 50 Jahren kehrt Ingwer als ein Mensch in das Dorf zurück, der er, währe er damals hier geblieben, niemals hätte werden können. Der an einer Uni arbeitende Archiologe erscheint plötzlich selbst wie ein Einschnitt in das dörfliche Leben, wie ein das Weltbild störender Partikel, der die Veränderungen wahrnehmen, und ihre Folgen abschätzen kann.

"Mittagsstunde" beschreibt einen ethnologischen Blick. Jedoch nicht aus einer Perspektive, die von vornherein Draufsicht bedeutet. Es ist kein "fremder Blick" der hier geworfen wird. Gewissermaßen betrachtet Ingwer eine Lebensweise, deren Konsequenzen er selbst entflohen ist. Diese Art und Weise der Betrachtung ruft Komplikationen hervor, die der Nährboden einer wunderbar melancholischen Erzählung sind.

Dörte Hansen: Mittagsstunde, Roman, Penguin Verlag, 2018, 320 Seiten, 22 Euro




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