Zum Jahresbeginn zeigt die SWR-Bestenliste, wie Literatur auf Gegenwart reagiert: analytisch, poetisch, oft auch trotzig. Zehn Neuerscheinungen stehen im Fokus, vier wurden im Rahmen einer öffentlichen Aufzeichnung im PrinzMaxPalais Karlsruhe / Literaturmuseum vertieft diskutiert. Jurorinnen wie Daniela Strigl, Beate Tröger und Hubert Winkelsanalysierten dabei literarische Verfahren ebenso wie gesellschaftliche Motive.
Platz 1: László Krasznahorkai – Zsömle ist weg
Ein zurückgezogen lebender Mann wird von Monarchisten als Symbolfigur entdeckt – die ironische Prämisse von Krasznahorkais neuem Roman ist Ausgangspunkt für eine Reflexion über politische Mythen und deren Wiederkehr. Die Jury würdigt die Verbindung aus surrealer Erzählweise und scharfer Zeitdiagnose.
Platz 2: Eva Schmidt – Neben Fremden
Eine Frau bricht mit einem Campingbus auf – und lässt ihr bisheriges Leben zurück. Eva Schmidts Roman bleibt bewusst vage, arbeitet mit leiser Spannung und präziser Sprache. Der Text thematisiert Autonomie, Alter und Orientierungslosigkeit ohne moralisierenden Ton.
Platz 3: Daniela Danz – Portolan
Ein Gedichtband als Weltkarte: Daniela Danz verwebt in „Portolan“ antike Bilder mit globalen Routen. Die Jury hebt die poetische Präzision und die formale Eigenständigkeit hervor. Eine Lyrik, die Vergangenheit und Gegenwart ins Gespräch bringt.
Platz 4: Nava Ebrahimi – Und Federn überall
In einer norddeutschen Kleinstadt treffen sechs Lebensgeschichten aufeinander – für einen Tag, ohne Erlösung. Ebrahimi beschreibt soziale Verhältnisse, familiäre Prägungen und die Unverfügbarkeit von Identität. Eine präzise Milieustudie mit literarischer Kraft.
Platz 5: Anna Seghers – Ich will Wirklichkeit. Liebesbriefe an Rodi 1921–1925
Ein literarischer Fund: über 400 Briefe der jungen Anna Seghers an ihren späteren Mann. Der Band zeigt eine werdende Schriftstellerin im Dialog mit sich und der Zeit. Historisch wertvoll, stilistisch dicht.
Platz 6: Sabrina Orah Mark – Happily. Eine persönliche Geschichte – mit Märchen
Essayistisch, erzählend, politisch: Die amerikanische Autorin reflektiert Mutterschaft, Märchen, Zugehörigkeit. Übersetzt von Esther Kinsky, verknüpft der Text eigene Erfahrungen mit literarischen Motiven – spielerisch und ernst zugleich.
Platz 7: András Visky – Die Aussiedlung
Ein autofiktionaler Roman ohne Punkt, aber mit langen Atemzügen: Viskys Familie wird 1958 in Rumänien enteignet und deportiert. Die Jury lobt die sprachliche Konsequenz und die ethische Tiefe des Textes.
Platz 8: Nora Gomringer – Am Meerschwein übt das Kind den Tod. Ein Nachrough
Ein Prosaband über Trauer, Familie, Kindheit und Verlust. Gomringer erzählt mit analytischem Blick und persönlichem Ton. Das Buch sei zugleich ein Abschied und eine poetische Vermessung des Privaten.
Platz 9: Helga Schubert – Luft zum Leben. Geschichten vom Übergang
Eine Autorin blickt zurück: 38 Texte aus sechs Jahrzehnten, die DDR, Nachwendebiografien und weiblichen Alltag beschreiben. Schuberts literarischer Stil bleibt konzentriert und klar – ein Rückblick ohne Nostalgie.
Platz 10: Natascha Wodin – Die späten Tage
Ein Roman über das Alter, den Schmerz, die Liebe – und den Krieg im Osten Europas. Wodin verbindet persönliche und politische Themen, ihre Prosa bleibt dabei nüchtern und eindringlich. Die Jury sieht darin einen wichtigen Beitrag zur Debatte über das Altern.
Jury-Empfehlung: Joshua Cohen – Mein Lager
Als persönliche Empfehlung außerhalb der Wertung stellt Jurorin Beate Tröger Joshua Cohens Text „Mein Lager“ vor (Übersetzung: Jan Wilm). Der amerikanische Pulitzer-Preisträger verarbeitet darin das Attentat der Hamas vom 7. Oktober in einer literarisch offenen, klugen und zugleich verstörenden Erzählweise. Ein Autor zieht sich in ein Haus auf dem Land zurück – und ringt mit politischer Realität, Erinnerung und literarischer Darstellung. Tröger lobt den Text als „traurig, witzig, hilflos und zugleich klug“ – ein Beispiel für das komplexe Potenzial der Literatur, Ambivalenzen auszuhalten.
Sendetermin
Die Diskussion zu den vier Hauptwerken der Bestenliste wurde am 16. Dezember 2025 im PrinzMaxPalais Karlsruhe / Literaturmuseum aufgezeichnet.
Die Sendung ist am Sonntag, 04. Januar 2026, um 17:04 Uhr in SWR Kultur zu sehen.
Topnews
Unser Geburtstagskind im Mai: Novalis - Die Blaue Blume und die Wiederverzauberung der Welt
Unser Geburtstagskind im April: Samuel Beckett
Unser Geburtstagskind im März: Heinrich Mann
Unser Geburtstagskind für den Wintermonat Februar: Gertrude Stein
Ein Geburtstagskind im Januar: Edgar Allan Poe – Dichter der Struktur und des Schreckens
Geburtstagskind im Dezember – Emily Dickinson
Ein Geburtstagskind im November: Astrid Lindgren
Geburtstagskind im Oktober: Benno Pludra zum 100. Geburtstag
Das Geburtstagskind im September: Roald Dahl – Der Kinderschreck mit Engelszunge
Ein Geburtstagskind im August: Johann Wolfgang von Goethe
Hans Fallada – Chronist der kleinen Leute und der inneren Kämpfe
Ein Geburtstagskind im Juni: Bertha von Suttner – Die Unbequeme mit der Feder
Ein Geburtstagskind im Mai: Johannes R. Becher
Ein Geburtstagskind im April: Stefan Heym
Ein Geburtstagskind im März: Christa Wolf
Bertolt Brecht – Geburtstagskind im Februar: Ein literarisches Monument, das bleibt
Wie Banksy die Kunst rettete – Ein überraschender Blick auf die Kunstgeschichte
Ein Geburtstagskind im Januar: Franz Fühmann
Zauberberg 2 von Heinz Strunk
Was der 50. Ingeborg-Bachmann-Preis über die deutschsprachige Literatur erzählt
Christoph Peters: Entzug – Die Flasche auf dem Tisch
Die SWR Bestenliste als Resonanzraum – Zehn Texte über das, was bleibt
Elisa Hoven: Feine Risse – Schuld, Wahrheit und die Grenzen des Urteils
Die Frauen, die bleiben – Rafik Schamis spätes Mosaik der Erinnerung
Oisín McKenna: Hitzetage – Wenn die Zukunft zu warm wird
Benjamin von Stuckrad-Barre: Udo Fröhliche
„Weißer Sommer“ von Eva Pramschüfer
Zwischen Liegestuhl und Weltpolitik: Der „Zauberberg“ als Labor der Gegenwart
László Krasznahorkais neuer Roman „Zsömle ist weg“
Die SWR-Bestenliste – Januar 2025
Laura Schätte gewinnt den Ingeborg-Bachmann-Preis 2026: Warum „Was wir tragen“ Jury und Publikum überzeugte
Fleur Jaeggy: Die letzten Tage von Ingeborg
Inga Hankas Little Hollywood erzählt vom Erwachsenwerden zwischen Videothek, Familienlast und den Versprechen der Neunziger
Die Mitternachtsreise von Matt Haig: Eine berührende Geschichte über Reue, Liebe und die Frage, was ein gelungenes Leben ausmacht
Aktuelles
Simone Buchholz: Über Söhne – Kleine Geschichten über das Großwerden
Geschlagen
The Executioners von John D. MacDonald: Der Roman hinter Cape Fear
Stolz
Laura Schätte gewinnt den Ingeborg-Bachmann-Preis 2026: Warum „Was wir tragen“ Jury und Publikum überzeugte
Was der 50. Ingeborg-Bachmann-Preis über die deutschsprachige Literatur erzählt
Chance
Leben
Fleur Jaeggy: Die letzten Tage von Ingeborg
Verdient
Iwan Heilbut: Zugvögel – Bevor die Welt zerbricht
Inga Hankas Little Hollywood erzählt vom Erwachsenwerden zwischen Videothek, Familienlast und den Versprechen der Neunziger
Nur ein kleiner Tropfen
Worte in der Wüste