Es beginnt mit einem Halt. Nicht mit einer Schlacht, nicht mit einem König, nicht einmal mit einer Liebeserklärung. Sondern mit einer Aufforderung.
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„Freunde, wir wollen halten und weinen,
in Erinnerung an die Geliebte und ihre Zelte.“
Vor dem Dichter liegt nichts als Sand. Keine Mauern, keine Ruinen. Nur die Spuren eines verlassenen Lagers. Doch gerade aus dieser Leere entsteht Literatur.
Stefan Weidners Der arabische Diwan. Die schönsten Gedichte aus vorislamischer Zeit ist weit mehr als eine Anthologie. Er hebt eine Welt ans Licht, die älter ist als nahezu jede Dichtung in den europäischen Volkssprachen und dennoch erstaunlich gegenwärtig wirkt. Seine Übersetzungen holen die vorislamischen Kassiden aus dem Museum der Orientalistik zurück in den Raum lebendiger Literatur.
Wer beim Stichwort „altarabische Poesie“ trockene Philologie erwartet, erlebt schon nach wenigen Seiten eine Überraschung. Diese Gedichte wollen nicht erklärt werden. Sie wollen gehört werden.
Die Wüste ist kein Ort – sie ist ein Denkraum
Weidners große Leistung beginnt bereits in seiner Einleitung. Mit ruhiger Präzision beschreibt er die alte arabische Dichtung als „Quellcode der Poesie“. Das ist keine provokante Formel, sondern eine Einladung, Literatur neu zu betrachten. Denn diese Verse erzählen nicht nur von Beduinen, Karawanen oder Stammeskriegen. Sie handeln von Erinnerung und Macht, von Begehren und Verlust, von Gastfreundschaft, Gewalt und Vergänglichkeit.
Vor allem aber erzählen sie von einer Welt, in der Mensch und Natur noch nicht voneinander getrennt sind.
Das Pferd besitzt Charakter. Die Gazelle wird zur Schwester der Geliebten. Der Sturm ist kein meteorologisches Ereignis, sondern eine handelnde Kraft. Landschaft ist niemals Dekoration. Sie denkt mit.
Gerade darin wirken diese Gedichte überraschend modern. Während heutiges Nature Writing den verlorenen Zugang zur Natur sucht, schreiben diese Dichter aus einer Welt heraus, in der dieser Zugang selbstverständlich war.
Weidner macht daraus kein kulturpolitisches Programm. Er vertraut der Literatur selbst. Und sie trägt.
Zwischen Windhauch und Hufschlag
Ein Dichter steht vor den Spuren eines verlassenen Lagers und beginnt zu weinen. Ein anderer prahlt mit seinen Liebschaften. Wieder ein anderer denkt über Besitz nach, als wäre er ein Hirte und ein Stoiker zugleich. Ein vierter wünscht sich nichts sehnlicher als einen Boten, dessen Wahrheit niemand anzweifelt.
Erst allmählich erkennt man, dass Stefan Weidner diese Stimmen nicht übersetzt hat, um sie zu erklären. Er übersetzt sie, damit sie wieder selbst sprechen können. Seine Sprache drängt sich nie zwischen Leser und Gedicht. Sie räumt den Weg frei. Jede Stimme behält ihren eigenen Ton: der Liebende, der Krieger, der Spötter, der Weise.
Imru al-Kais erscheint zunächst als melancholischer Liebender. Vor den Spuren eines verlassenen Lagers trauert er um eine vergangene Liebe. Doch kaum hat man sich auf den elegischen Ton eingestellt, schlägt das Gedicht eine völlig andere Richtung ein.
„Lass mich nur ran
an deine üppige Frucht,
aber bild dir nichts ein!
Schwangere wie dich
hab ich viele besucht!“
Solche Verse besitzen eine Frechheit, die jeder Vorstellung ehrwürdiger Altertumsliteratur widerspricht. Hier spricht kein marmorner Klassiker. Hier spricht ein Mensch, der gefallen, verführen und provozieren will. Die Ironie sitzt tief, der Humor ist bisweilen derb, und doch verliert die Sprache nie ihre poetische Präzision.
Gerade diese Wechsel machen den Reiz der Sammlung aus. Ein Liebesabenteuer geht fast unmerklich in eine Meditation über die Nacht über. Aus der Stille wächst eine Jagd, aus der Jagd ein Gewitter, das Himmel und Erde gegeneinander antreten lässt. Die Gedichte kennen keine lineare Erzählung. Sie folgen den Bewegungen des Denkens und Erinnerns. Sie springen, ohne beliebig zu werden, und öffnen mit jedem Bild einen neuen Horizont.
Mal streichen sie wie ein Windhauch über die Haut. Dann wieder treffen sie mit der Wucht eines galoppierenden Pferdes.
Die Philosophie der Hirten
Zwischen den großen Bildern finden sich Verse von erstaunlicher Lakonie.
Alkama schreibt:
„Besitz ist wie Wolle von Schafen:
Die Leute spielen damit.
Manche von ihnen sind geschoren,
andern steht die Wolle hoch.“
Mehr braucht es nicht.
Kein moralischer Zeigefinger. Keine Predigt über Reichtum. Nur das Bild einer Herde. Besitz wächst, wird abgeschoren und wächst erneut. Reichtum erscheint nicht als dauerhaftes Eigentum, sondern als Zustand auf Zeit.
Man glaubt, einem Hirten zuzuhören. Tatsächlich begegnet man einem Philosophen.
An anderer Stelle formuliert ein Dichter einen Wunsch, der kaum aktueller sein könnte:
„Doch lassen wir das!
Was ich eigentlich will,
ist ein reitender Bote, den,
wenn kundtut er Wahrheit,
niemand der Lüge zeiht.“
Was für ein Satz.
Nicht Geschwindigkeit zählt. Nicht Macht. Nicht Lautstärke.
Sondern Glaubwürdigkeit.
Plötzlich wird deutlich, dass diese Dichtung nicht nur von einer vergangenen Welt erzählt. Sie fragt nach den Voraussetzungen jeder Gesellschaft. Wer darf sprechen? Wem wird geglaubt? Was geschieht mit einer Wahrheit, wenn niemand ihrem Überbringer vertraut?
Es sind Fragen, die älter sind als jede soziale Plattform.
Eine Literatur voller Überraschungen
Dieses Buch widerlegt nebenbei ein hartnäckiges Vorurteil. Die vorislamische arabische Dichtung ist weder monoton noch ausschließlich heroisch.
Sie kennt Zärtlichkeit und Obszönität.
Sie lacht.
Sie trauert.
Sie übertreibt.
Sie philosophiert.
Vor allem aber überrascht sie immer wieder durch ihre Bildkraft. Da wird eine Fliege beobachtet, bis aus ihrem Summen plötzlich das Bild eines einarmigen Mannes entsteht, der vergeblich Feuer schlagen will. Da verwandelt sich ein Gewitter in ein Schauspiel kosmischer Gewalt. Da steht mitten in einer Kamelbeschreibung auf einmal ein Palast oder ein Schiff auf dem Tigris.
Diese Gedichte denken in Bildern. Und jedes Bild öffnet eine neue Welt.
Eine Wiederentdeckung der Weltliteratur
Die eigentliche Leistung Stefan Weidners besteht darin, diese Stimmen nicht einzudeutschen, sondern im Deutschen neu zum Klingen zu bringen. Seine Sprache ist klar und gegenwärtig, ohne die Fremdheit der Originale zu glätten. So begegnet man diesen Gedichten nicht als historischen Zeugnissen, sondern als lebendiger Literatur.
Dass dies gelingt, ist kein Zufall. Stefan Weidner gehört seit Jahrzehnten zu den bedeutendsten Vermittlern arabischer Literatur im deutschsprachigen Raum. Seine Übersetzungen von Adonis, Mahmud Darwish oder Ibn Arabi haben gezeigt, dass philologische Genauigkeit und literarische Kraft einander nicht ausschließen. Mit dem Arabischen Diwan setzt er dieser jahrzehntelangen Arbeit einen vorläufigen Höhepunkt.
Gleichzeitig erzählt der Band eine zweite Geschichte: die einer beinahe vergessenen Verbindung zwischen Europa und dem Orient. Goethe wusste noch, dass Weltliteratur ohne den Blick nach Osten nicht denkbar war. Heute ist dieses Bewusstsein weitgehend verblasst. Weidners Anthologie erinnert daran, dass die Geschichte der Literatur nie an den Grenzen eines Kontinents endete.
Dieses Buch verlangt Aufmerksamkeit. Manche Gedichte erschließen sich auf Anhieb, andere erst bei einer zweiten oder dritten Lektüre. Gerade darin liegt sein Reichtum. Es widersetzt sich der Hast, ohne je schwerfällig zu werden.
Am Ende bleibt weniger das Gefühl, einer fremden Kultur begegnet zu sein, als einer Literatur, die den Menschen in seiner ganzen Widersprüchlichkeit zeigt – mit einer Sprache, die manchmal wie ein Windhauch über die Haut streicht und im nächsten Moment trifft wie der Huf eines galoppierenden Pferdes.
Der arabische Diwan ist deshalb weit mehr als eine außergewöhnliche Anthologie. Er ist die Wiederentdeckung eines poetischen Ursprungsraums – und eine Einladung, den Begriff der Weltliteratur wieder wörtlich zu nehmen.