Krieg in der Ukraine Intellektuelle fordern: "Waffenstillstand jetzt!"

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Rund 20 Wissenschaftler, Publizisten und Prominente fordern in einem am Mittwoch in der Wochenzeitschrift "Die Zeit" veröffentlichten Brief an den Westen eine "Strategie zur möglichst raschen Beendigung des Krieges" in der Ukraine. Unterzeichner sind unter anderem Jakob Augstein, Svenja Flaßpöhler, Harald Welzer, Alexander Kluge und der Philosoph Richard David Precht.

Der Sozialpsychologe Harald Welzer war Mitunterzeichner des im April im "Emma"-Magazin veröffentlichten offenen Briefes. Sein Name steht auch unter dem Appell "Waffenstillstand jetzt!" der am Mittwoch in der "Zeit" erschienen ist. Rund 20 Wissenschaftler, Publizisten und Intellektuelle fordern darin vom Westen, Bedingungen zu schaffen, die Friedensverhandlungen zwischen Russland und Ukraine ermöglichen. Bild: Martin Kraft - Eigenes Werk (Wikipedia)

Inhaltlich erinnert der am Mittwoch in dem Wochenmagazin "Die Zeit" veröffentlichte offene Brief - "Waffenstillstand jetzt!" - an das Schreiben, welches Intellektuelle und andere Prominente im April diesen Jahres in der Emma veröffentlicht hatten. Damals sprach man sich strikt gegen die Lieferung schwerer Waffen an die Ukraine aus, was einen Gegenbrief zur Folge hatte, deren Unterzeichnerinnen und Unterzeichner sich für solche Lieferungen stark machten. Viele Namen, die man im April unter dem ersten Brief lesen konnte, tauchen auch jetzt wieder unter dem neuen "Zeit"-Brief auf. Zu den Unterzeichnern gehören unter anderem der Sozialpsychologe Harald Welzer, die Schriftstellerin Juli Zeh, der Intellektuellen Alexander Kluge und der Philosoph Richard Davis Precht. Wie der Titel des Schreibens bereits vermuten lässt, verlangt man vom Westen diplomatische beziehungsweise Diplomatie fördernde Maßnahmen, die den Frieden in der Ukraine, nicht die Fortführung eines im Grunde ziellosen Krieges als Ziel hat.

"Internationale Gemeinschaft" muss alles tun, um Verhandlungen zu ermöglichen

Bislang habe sich die Ukraine "dank massiver Wirtschaftssanktionen und militärischer Unterstützungsleistungen aus Europa und den USA" bislang gut gegen Russland behaupten können. "Je länger die Maßnahmen fortdauern, desto unklarer wird allerdings, welches Kriegsziel mit ihnen verbunden ist". Ein "Sieg der Ukraine mit der Rückeroberung aller besetzten Gebiete" gelte unter Experten als "unrealistisch". Daher wäre es nun die Aufgabe der westlichen Länder, die die Ukraine gegenwärtig mit Waffen unterstützen, zu fragen, welches Ziel man genau verfolge "und ob (und wie lange) Waffenlieferungen der richtige Weg sind". Für die Unterzeichner ist dies offensichtlich nicht der Fall. Sie setzen auf eine nicht näher bestimmte "internationale Gemeinschaft". Diese müsse "alles dafür tun, Bedingungen zu schaffen, unter denen Verhandlungen überhaupt mög­lich sind. Dazu gehört die Bekundung, dass die westlichen Akteure kein Interesse an einer Fortführung des Krieges haben und ihre Strategien entsprechend anpassen werden."

Die Frage nach dem eigentlichen Kriegsziel der Ukraine oder des Westens hatte man bereits mehrere Male in Talkshows und anderen Formaten aufgeworfen. Ohne befriedigende Antwort zu erhalten. Auch hatte man wiederholt versucht zu erklären, dass es früher oder später Verhandlungen mit Putin geben müsse und das ein kompletter Ausschluss Russlands unmöglich das Ziel sein kann.

Krieg fördert "humanitäre, ökonomische und ökologische Notlagen"

Die Autoren verweisen indessen darauf, dass der Krieg "massive humanitäre, ökonomische und ökologische Notlagen auf der ganzen Welt" produziere und vorantreibe. Hunger in Afrika, Düngemittelknappheit, steigende Preise - Es sei mit einer "Destabilisierung der globalen Lage zu rechnen".

Selbstverständlich müsse man sich der russischen Aggression geeint entgegenstellen. Auch will man der Ukraine weder eine Kapitulation diktieren, (wie es diverse Akteure aus dem ersten offenen Emma-Brief absichtlich falsch herausinterpretiert hatten) noch über die Köpfe der beteiligten hinweg entscheiden. Ziel müsse sein, wirtschaftliche Sanktionen und militärische Unterstützung in eine politische Strategie einzubinden, "die auf schrittweise Deeskalation bis hin zum Erreichen einer Waffenruhe gerichtet ist". Europa stehe vor der Aufgabe, den Frieden auf dem Kontinent wiederherzustellen und ihn langfristig zu sichern.

Ukrainischer Botschafter Andrij Melnyk: "what a bunch of pseudo-intellectual loosers"

Der ukrainische Botschafter Andrij Melnyk reagierte auf den Brief in mittlerweile gewohnt harscher Form. Am Donnerstag twitterte er: "Nicht schon wieder, what a bunch of pseudo-intellectual loosers Ihr alle Varwicks, Vads, Kluges, Prechts, Yogeshwars, Zehs & Co. sollt euch endlich mit euren defätistischen „Ratschlägen“ zum Teufel scheren. Tschüß". Melnyk war zuletzt mit dem Sozialpsychologen Harald Welzer - auch jetzt wieder Mitunterzeichner - in der Talkshow Anne Will aneinandergeraten. Dort hatte Melnyk dem Soziologen "moralische Verwahrlosung" vorgeworfen. In dem Podcast "Bosbach & Rach - Die Wochentester"stellte Welzer fest: "Herr Melnyk ist ja in vollkommener Unkenntnis über meine Arbeit, hat auch kein Interesse daran, überhaupt verstehen zu wollen." Melnyks rhetorische Methode sei die "Diskreditierung", so Welzer.

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