Zwei junge Menschen wachsen in der Nähe eines gräflichen Hauses auf und geraten mit ihrer Liebe an dessen Grenzen. Wezels Roman untersucht, wie Herkunft, Gunst und gesellschaftliche Erwartungen bis in die Gefühle hineinwirken.
Johann Karl Wezel: „Hermann und Ulrike“ – Wer lieben darf, bestimmt noch immer der Rang
An einem heißen Sonntag schreitet ein Graf in schwerem Prachtkleid durch die Allee. Die Untertanen schwitzen, die Livreen glänzen, niemand wagt den Schatten aufzusuchen, solange die Herrschaft gesehen werden möchte. Johann Karl Wezel beginnt seinen Roman mit einer Ordnung, die ihre Bedeutung auch daran zeigt, wie viel Unbequemlichkeit andere für sie hinnehmen müssen.
Der vierbändige „komische Roman“ erschien 1780. Wezel nennt die Gattung in seiner Vorrede eine „bürgerliche Epopöe“ und verbindet die Lebensgeschichte seiner Hauptfiguren mit Dialog, Gesellschaftssatire und psychologischer Beobachtung. Die Vorrede begründet dabei einen Roman, dessen Gegenstand das menschliche Leben in seiner gesellschaftlichen Verflechtung sein soll.
Hermann und Ulrike im gräflichen Haus
Hermann stammt aus kleinbürgerlichen Verhältnissen, wächst jedoch zeitweise auf dem Schloss des Grafen von Ohlau auf. Dort wird er gemeinsam mit Ulrike erzogen, einer armen adligen Verwandten des Hauses. Aus kindlicher Nähe entwickelt sich Liebe; mit ihr treten Stand, Vermögen und Erwartung auf den Plan.
Wezel führt die soziale Ungleichheit nicht als abstraktes Problem vor. Sie sitzt mit am Tisch, bestimmt die Ausbildung, beeinflusst jede Aussicht auf Heirat und verwandelt Wohltaten in Schuldscheine. Hermann verdankt dem gräflichen Haus seinen Aufstieg, soll dafür aber gefälligst keine Ansprüche entwickeln, die über die vorgesehene Dankbarkeit hinausgehen.
Schon die Benennung des jungen Hermann zeigt, wie verschieden ihn seine Umgebung wahrnimmt. Im gräflichen Haus bekommt er einen anderen Namen als bei den Eltern; im Städtchen wird seine Herkunft zum Gegenstand des Gerüchts. Die soziale Stellung haftet der Figur damit nicht nur als äußerer Umstand an. Andere Menschen entwerfen ein Bild von ihr, lange bevor sie selbst über ihren Weg entscheiden kann. Begabung führt keineswegs dazu, dass diese Deutungen verschwinden. Sie kann vielmehr neuen Anlass liefern, die Herkunft in Zweifel zu ziehen.
Wezel beobachtet diese Vorgänge mit einem Erzähler, der die Sicherheit der Urteile immer wieder anfasst. Eine vermeintliche Erklärung erscheint unter seinem Blick plötzlich als unzureichender Schluss. Das gesellschaftliche Wissen über den Knaben besteht zu einem erheblichen Teil aus Erzählungen über ihn. Wer seinen weiteren Weg verfolgt, muss deshalb auch darauf achten, welche Voraussetzungen ihm zugeschrieben werden und welche Ansprüche aus diesen Zuschreibungen entstehen.
Wezels „bürgerliche Epopöe“ und die Entwicklung des Charakters
Der Roman wendet sich ausdrücklich gegen Figuren, die nur Tugend oder Laster verkörpern. Hermann ist lebhaft, ehrgeizig und empfindlich; Ulrike leidenschaftlich, eigensinnig und keineswegs dazu geschaffen, still auf die Entwicklung des männlichen Helden zu warten. Ihre Liebe wird nicht durch ein einzelnes Missverständnis geprüft, sondern durch Erziehung, Herkunft und die Frage, welche Lebensform ihnen überhaupt offensteht.
Wezel beobachtet, wie Charaktere unter Umständen entstehen. Das macht den Roman moderner als manche empfindsame Geschichte seiner Zeit. Gefühle sind hier weder reine Natur noch moralischer Schmuck. Sie werden durch Abhängigkeit, Kränkung, Eitelkeit und Hoffnung geformt.
Die Vorrede gibt dieser Figurenführung einen poetischen Rahmen. Wezel möchte den Roman der Biografie und dem Lustspiel annähern. Die Lebensgeschichte liefert Entwicklung und Zusammenhang, die dramatische Nähe zu den Personen macht ihre Rede und ihr Handeln sichtbar. Aus beidem soll die „bürgerliche Epopöe“ entstehen. Ihre Würde liegt im menschlichen Leben, das keine idealen Helden benötigt, um erzählenswert zu sein. Die Komik kann gerade jene Unebenheiten erhalten, die eine beispielhafte Tugendgeschichte glätten müsste.
Das Wunderbare verschwindet dabei nicht vollständig. Es liegt nach Wezels Überlegung in einer ungewöhnlichen Verbindung von Begebenheiten und Beweggründen, die einzeln möglich bleiben. Entscheidend ist also die Verknüpfung. Ein Charakter handelt aus mehreren Motiven, eine Folge kann sich aus verschiedenen Bedingungen ergeben. Der Roman sucht nach dem Besonderen innerhalb des gewöhnlichen Lebens. Seine Psychologie gewinnt dort an Überzeugung, wo er weder alles dem Zufall noch alles einer einzigen Eigenschaft der Person überlässt.
Liebe unter den Bedingungen von Stand und Aufsicht
Rund um das Paar entfaltet sich ein breites Gesellschaftsbild. Das Schloss des Grafen ist ein kleiner Hof und damit ein sehr großes Gerücht. Intrigen, Rangfragen und Beobachtungslust bestimmen den Umgang. Diener, Beamte, Geistliche, Gelehrte und Adlige sprechen in unterschiedlichen Registern; der Roman hört ihnen genau zu.
Diese Fülle kostet Zeit. „Hermann und Ulrike“ ist kein Buch, das sich mit einem einzigen Handlungsfaden zufriedengibt. Es geht durch Nebenräume, bleibt bei Gesprächen stehen und kennt Menschen, die eine Seite betreten, als hätten sie Anspruch auf ein eigenes Werk. Doch die Weitläufigkeit gehört zu Wezels Vorhaben: Er will nicht bloß ein Liebespaar retten, sondern die Gesellschaft zeigen, die dessen Glück beinahe verhindert.
Ulrikes Lage führt besonders deutlich vor, wie diese Bedingungen praktisch wirksam werden. Die Beaufsichtigung reicht bis in die Frage hinein, wen sie sehen und welche Nachricht sie weitergeben kann. Die räumliche Bewegung einer jungen Frau wird damit zum Gegenstand fremder Entscheidung. Das macht die Liebe abhängig von Zugängen, Gelegenheiten und Umwegen. Ein Gefühl ist vorhanden; die Möglichkeit, ihm entsprechend zu handeln, muss erst gewonnen werden.
Dabei ist Hermann nicht außerhalb der gesellschaftlichen Ordnung angesiedelt. Seine Hoffnungen und seine Empfindlichkeit entstehen auch durch die Anerkennung, die er sucht. Der Roman kann deshalb weder die Gunst des Adels als bloße Wohltat noch das Aufstiegsbegehren als reine Befreiung behandeln. Beide binden die Figuren an Erwartungen. Ihre Nähe zueinander muss gegen diese Bindungen bestehen, ohne von ihnen unberührt zu bleiben.
Die Länge des Werks ist dafür zugleich Stärke und Belastung. Nebenwege machen das Umfeld eines Handelns sichtbar, können aber die Entwicklung des Paars aus dem Blick rücken. Wezel fordert Geduld für eine Gesellschaft, deren Verfahren sich nicht in einer einzigen Intrige erschöpfen. Das Glück gewinnt seine Bedeutung aus dieser langen Vorgeschichte. Es muss in einer Welt möglich werden, die den Liebenden schon vor ihrer Entscheidung Rollen zugeteilt hat.
Das Glück der beiden beseitigt die Rangordnung nicht. Es zeigt, wie viel ein eigenes Leben innerhalb dieser Ordnung kosten kann.
Quellen und Werkhinweise
- Volltext mit Vorrede: TextGrid Repository
- Digitalisat des ersten Bandes von 1780: Landesbibliothek Coburg / Internet Archive
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