Romeo muss sterben

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Prüfende Blicke. klagend, sahen sie von oben auf sie herab. Aus ihren alten Rahmen beobachteten sie jeden ihrer Schritte. „Ausgestoßene.“, „Unerwünscht.“, „Unsichtbar.“, „Bastard.“, flüsterten sie dem armen Mädchen im Vorbeigehen zu. Öl verschmierte Hände griffen nach ihr, wollten sie festhalten doch sie rannte. Rann durch den ihr einst so bekannten Flur im Hause ihrer Eltern. Vorbei an den vielen Gemälden die sie verspotteten. Durch die Dunkelheit und den lauter werdenden Klagerufen der Wände. An einer großen Tür hielt sie inne. Stimmen. Vertraute Stimmen drangen von der anderen Seite an ihr Ohr und übertönten die gemeine Kunst. Eine Stimme stach besonders hervor. Eine, welche Romana schon so lange nicht mehr vernommen hatte. Mutter?“, sie klopfte an die schwere Holztür doch das massive Holz verschlang jeden Ton. Mit zitternden Händen ergriff sie die Messingklinke und drückte mit aller Kraft die große Tür auf. Licht strömte ihr entgegen. Warmes, strahlendes Licht des Tages erfasste sie und verdrängte die Schatten. Doch der Gang hinter ihr lag noch immer im dunkel. Selbst die unverhüllten Fenster trieften vor schwärze. Wie war das möglich? Hinter ihr die undurchdringliche Dunkelheit und der Raum vor ihr geflutet von Sonnenlicht. Einzig die Tür schien Tag und Nacht zu trennen. Als sie diese durchschritt war es als würde sie in eine andere Zeit treten. Sie ließ den Blick durch den offenen Raum schweifen und sah eine Leinwand vor der ein Künstler dabei war ein neues Gemälde zu erschaffen. Eines dieser Kunstwerke, die das arme Mädchen vor wenigen Sekunden noch schikaniert hatten. Als sie näher an das Geschehen herantrat erkannte sie das Motiv, erkannte die bekannten Gesichter die zum Maler blickten. Ihr Vater saß auf einem aufwendig verzierten Stuhl in seinem schönsten Anzug. Er wirkte so zufrieden und lächelte. Ein echtes Lächeln, dass Romana schon so lange nicht mehr gesehen hatte. Als sie die Frau neben ihn entdeckte, blieb ihr fast das Herz stehen. Sie konnte ihren Augen nicht trauen. Es musste in trügerisches Spiel der Sonne sein. Neben ihrem Vater stand ihre längst verstorbene Mutter. Sie hatte ihre Hand auf der Schulter ihres Mannes liegen und strahlte übers ganze Gesicht. So viele Jahre war es her, als Romana sie das letzte Mal gesehen hatte. Sie war noch so jung das sie sich kaum noch an sie erinnern konnte. Und nun war sie so nah, wieder vereint mit ihrem Vater. Ein Traum. Ein Ereignis einer längst vergangenen Zeit, so glaubte Romana zumindest. Doch das makabere an diesen Anblick erkannte sie erst, als sie den jungen Knaben in der Mitte ihrer Familie sah. Ein Fremdkörper in ihrem Bildnis. Aber sie wirkten glücklich und vollständig. Die perfekte kleine Familie. Als wäre es stets so gewesen. Vater, Mutter und ihr „Sohn“. Doch das war Falsch! Das Gemälde nahm unter dem Pinsel des Künstlers immer mehr Gestalt an. Romana erkannte wie der Knabe auf dem Bild mit jedem weiteren Strich zu dem Dieb wurde der sie um ihr Leben brachte. Romeo. Trauer und Wut stiegen in ihr auf. Hass auf den Jungen in der Mitte ihrer Familie. Auf diesen Schuft der sie aus ihrem Selbst verdrängte. Wie war das möglich? Wie konnte er dort stehen und getrennt von ihr existieren? Fassungslos stand sie dort, gelähmt von diesem falschen Anblick der sich ihr bot. Jeglicher Versuch auf sich aufmerksam zu machen, zu schreien oder auf diese scheinheilige Familie zu stürmen war vergeben. Sie konnte nur mit ansehen wie der Knabe ihr nun endgültig das Leben stahl und wohlbehütet zwischen ihren Eltern stand. Wie er in ihre Richtung sah und höhnisch grinste. Sie kämpfte und wehrte sich mit aller Kraft gegen eine unsichtbare Macht. Eine, die ihr die Stimme raubte, sie festhielt und sie mit dem Anblick folterte. Je mehr sich das Mädchen auflehnte umso glücklicher schienen die 3 zu werden. Als würden sie sich an ihrem Leid ergötzen. Tränen rannen heiß über ihr bebendes Gesicht und mit ihnen auch der letzte Funken Leben aus der geschwächten Seele. Kraftlos gaben ihre Beine nach und sie fiel. Kam quälend langsam dem harten Dielenboden näher und wartete auf den Aufprall. Auf ein erlösendes Ende dieses Theaters. Doch anstatt des kalten Holzes spürte sie die Warme Hand ihrer Mutter auf ihrer Schulter. Romanas gesamter Körper zuckte zusammen und verkrampfte sich unter dieser Berührung. Sie sah ihren Vater neben sich sitzen und stolz zum Künstler blicken und hinter ihr stand ihre geliebte Mutter. Sie lächelte liebevoll. „Still halten, Romeo.“, flüsterte ihre sanfte Stimme in Romanas Ohr. Romeo!, hallte es immer wieder in ihrem Kopf. Das konnte nur ein Streich sein. Ein schrecklicher Alptraum. Wie in Trance blickte das eingeschüchterte Mädchen an sich herab und zu ihrem entsetzen trug sie doch tatsächlich die vornehme Kleidung eines jungen Knaben. Sie wollte fliehen. So weit rennen bis ihr Leben wieder Sinn ergab. Weit weg von diesem Trugbild. Doch die kräftige Hand ihres Vaters hielt sie am Arm fest. „Enttäusch' mich nicht, mein Sohn“, ermahnte er sie mit tiefer Stimme und ließ ihr keine Chance zu entkommen. Sie versuchte zu schreien, doch wie zuvor war ihre Stimme verstummt. Sie wollte ihren Eltern entgegen brüllen das sie ein Mädchen war. Das sie Romana war und Romeo nicht existierte. Wollte sie anflehen ihre Tochter zu erkennen. Das sie mit dem Schauspiel aufhörten. Doch ihrer Kehle entkam kein Laut. Nur erdrückende Stille und die stolzen Eltern die in ihr bloß den Sohn sahen. Sie war wieder nur ein Geist gefangen in ihrem Leben, dass jedoch ein anderer lebte.

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