In Beatenberg, hoch über dem Thunersee, lebte ein Mann, der glaubte, dass wir nicht allein sind. Erich von Däniken, Chronist des Unwahrscheinlichen, Sammler von Spuren, die andere übersahen oder übersahen wollten, ist im Alter von 90 Jahren gestorben. Einer, der sich das Unerklärliche erklären wollte – ist nun selbst auf eine unbekannte Reise gegangen.
Kartenlesen im Nebel
Von Dänikens Bücher sind keine Beweise. Sie sind Versuche. Versuche, dem Rätselhaften eine Sprache zu geben, dem Ungeordneten eine Form. In Erinnerungen an die Zukunft (1968) entwarf er eine Kartographie der Geschichte, die mehr aus Fragen als aus Fakten bestand. Warum ähneln sich Gottheiten verschiedener Kulturen? Wie konnte man in der Frühzeit tonnenschwere Steine bewegen? Wer schreibt Geschichte – und was bleibt ungeschrieben?
Er verband Mythen mit Maschinen, Bibelzitate mit Bauten, Visionen mit Vermutungen. Was dabei entstand, war weder Wissenschaft noch reine Spekulation. Es war ein hybrider Raum, durchzogen von Neugier, Misstrauen, Wunschdenken. Ein Raum, der für viele zu eng, für andere endlich weit genug war.
Bücher über das Mögliche
Von Däniken war kein Erzähler im klassischen Sinn, doch seine Bücher wirkten erzählend. Sie konfigurierten die Welt als ein System offener Zeichen. Die Außerirdischen – seine berühmtesten Figuren – waren Projektionsflächen. Sie standen nicht nur für das Fremde, sondern für das Möglich-Gewesene. Für eine andere Lesart der Geschichte.
Dass sich Millionen seiner Leser von dieser Vorstellung angezogen fühlten, ist nicht bloß als Faszination am Fantastischen zu verstehen. Es ist auch ein Symptom. Ein Ausdruck dafür, wie tief der Zweifel sitzt. An der offiziellen Chronologie. An der Erklärbarkeit des Weltgeschehens. An der Vernunft als einziger Instanz.
Der Mensch – von seiner steten Neugier getrieben, alles zu hinterfragen – trägt doch den Zweifel immer im Herzen.
In dieser Spannung lebte von Dänikens Werk. Nicht in der Behauptung, sondern in der Beharrlichkeit des Fragens. Nicht in der Antwort, sondern im Echo des Ungesagten.
Zwischen Reiz und Reibung
Dass die Wissenschaft seine Thesen überwiegend zurückwies, war erwartbar. Doch vielleicht war von Däniken nie als Wissenschaftler zu verstehen. Eher als Phänomen. Als einer, der zeigte, wie schmal die Grenze ist zwischen Aufklärung und Aberglaube, zwischen Weltdeutung und Weltsucht.
Er unterlief Kategorien. Ein ausgebildeter Koch, der Bücher über Raumfahrer schrieb. Ein YouTube-Denker, der sich über antike Götter ausließ. Einer, der in einem Atemzug von Cheops und künstlicher Befruchtung sprach – und das ernst meinte, ohne sich je ganz ernst zu nehmen.
Er sprach von Gott als dem „großen Geist des Universums“. Er stellte Fragen über die Geschlechtsorgane von Außerirdischen. Er blieb sich treu. Und widersprüchlich. Und genau damit sorgte er immer wieder für neue Leser – Anfang der 90er Jahre kam man kaum an ihm vorbei.
Abschied in alle Richtungen
Erich von Däniken war ein Suchender. Ein Vermittler zwischen Chronik und Chiffre, zwischen Aufbruch und Ahnenglaube. Seine Texte öffneten Räume, in denen sich moderne Zweifel und archaische Muster berührten. Vielleicht ist das der Kern seines Nachlasses: nicht das, was er sagte, sondern dass er sagte – immer wieder, unermüdlich, gegen Spott, gegen Stillstand.
Er war ein Autor der Möglichkeitsform. Ein Mythenerzähler im Zeitalter der Daten. Und vielleicht gerade deshalb: ein Störgeräusch in der klaren Frequenz des Gewohnten.
Topnews
Ein Geburtstagskind im Januar: Edgar Allan Poe – Dichter der Struktur und des Schreckens
Geburtstagskind im Dezember – Emily Dickinson
Ein Geburtstagskind im November: Astrid Lindgren
Geburtstagskind im Oktober: Benno Pludra zum 100. Geburtstag
Das Geburtstagskind im September: Roald Dahl – Der Kinderschreck mit Engelszunge
Ein Geburtstagskind im August: Johann Wolfgang von Goethe
Hans Fallada – Chronist der kleinen Leute und der inneren Kämpfe
Ein Geburtstagskind im Juni: Bertha von Suttner – Die Unbequeme mit der Feder
Ein Geburtstagskind im Mai: Johannes R. Becher
Ein Geburtstagskind im April: Stefan Heym
Ein Geburtstagskind im März: Christa Wolf
Bertolt Brecht – Geburtstagskind im Februar: Ein literarisches Monument, das bleibt
Wie Banksy die Kunst rettete – Ein überraschender Blick auf die Kunstgeschichte
Ein Geburtstagskind im Januar: Franz Fühmann
Zauberberg 2 von Heinz Strunk
100 Jahre „Der Zauberberg“ - Was Leser heute daraus mitnehmen können
Oschmann: Der Osten: Eine westdeutsche Erfindung“ – Umstrittene russische Übersetzung
Überraschung: Autorin Han Kang hat den Literaturnobelpreis 2024 gewonnen
PEN Berlin: Große Gesprächsreihe vor den Landtagswahlen im Osten
Das Ungelehrte Wissen – Daoistische Spuren in Hesses Siddhartha
Das zersplitterte Selbst: Dostojewski und die Moderne
E.T.A. Hoffmanns „Der Sandmann“ als unruhige Studie über Wahrnehmung
Zum Tod von Helme Heine (1941–2025)
Frederick Forsyth (1938–2025) -Das letzte Kapitel eines kühlen Strategen
Edmund White ist tot
Abschied: Peter von Matt ist tot
Aktuelles
Die Rache trägt Prada von Lauren Weisberger – Was kommt nach dem „Traumjob“?
Der Teufel trägt Prada von Lauren Weisberger – Glamour als Arbeitsvertrag mit dem schlechten Gewissen
Box Hill von Adam Mars-Jones – Zärtlichkeit mit Stacheln
Die Burg von Ursula Poznanski – Mittelaltergemäuer, Hightech-Nervenkitzel
Alle glücklich von Kira Mohn – Wenn „alles gut“ zum Alarmsignal wird
Das Signal von Ursula Poznanski – Wenn das Smart Home zum Gegner wird
Half His Age von Jennette McCurdy – Ein Roman, der mit Unbehagen arbeitet
Das Ungelehrte Wissen – Daoistische Spuren in Hesses Siddhartha
Leykam stellt Literatur- und Kinderbuchprogramm ab 2027 ein
Fasching in der Literatur: warum das Verkleiden selten harmlos ist
Daniela Katzenberger, wie man sie kennt – unverstellt, direkt, motivierend
The Ordeals von Rachel Greenlaw – Eine Akademie, die Talente frisst
Leipzig liest: Von Alltäglichkeiten, Umbrüchen und der Arbeit am Erzählen
Es ist doch nur die Dunya von Murat Gülec – Ein leises Buch für laute Tage
Nicolas Mahler erhält 2026 Wilhelm-Busch-Preis und e.o.plauen-Preis
Rezensionen
Die vergessene Hausapotheke von Dr. Nicole Apelian – Alte Rezepte, neue Dringlichkeit