In der ARD-Literatursendung „Druckfrisch“ vom 18. Oktober 2026 begrüßte Denis Scheck die Schriftstellerin und Historikerin Andrea Wulf sowie den Schriftsteller Lutz Seiler. Im Mittelpunkt standen Wulfs Biografie über den Weltreisenden und Aufklärer Georg Forster und Seilers neuer Roman „Das tickende Herz“. Außerdem stellte Scheck die zehn meistverkauften Bücher vor und kommentierte sie in gewohnt pointierter Weise.
Druckfrisch: Denis Scheck spricht mit Andrea Wulf und Lutz Seiler über ihre neuen Bücher
Von Marcel Reich-Ranicki zu Wolfram Siebeck
Zum Auftakt der Sendung erinnerte Denis Scheck an den Einfluss, den Marcel Reich-Ranicki auf sein eigenes Verständnis von Literaturkritik hatte. Eine vergleichbar prägende Wirkung schrieb er dem 2016 verstorbenen Gourmetkritiker Wolfram Siebeck zu, dessen Leben der Journalist Christoph Wirtz in seiner neuen Biografie „Wolfram Siebeck: Ein sattes Leben“, erschienen im Verlag Zabert Sandmann, nachzeichnet.
Scheck empfahl das Buch als Porträt eines Mannes, der die deutsche Esskultur über Jahrzehnte kritisch begleitet und mit seinen Urteilen geprägt hatte.
Andrea Wulf über Georg Forster und die Entdeckung der Menschlichkeit
Im ersten Gespräch stellte Andrea Wulf ihre Biografie „Der Reisende. Georg Forster und die Entdeckung der Menschlichkeit“ vor, die bei C. Bertelsmann erschienen ist. Im Mittelpunkt steht der Naturforscher, Schriftsteller und Revolutionär Georg Forster (1754–1794), der bereits als Kind seinen Vater Johann Reinhold Forster auf Reisen begleitete und später an der zweiten Weltumsegelung von James Cook teilnahm.
Auf Schecks Frage, weshalb Georg Forster heute vergleichsweise wenig bekannt sei, verwies Wulf auf dessen politische Überzeugungen. Seine Unterstützung der Französischen Revolution und sein Engagement für die Mainzer Republik hätten ihm in Deutschland lange den Ruf eines Verräters eingebracht. Erst in den 1950er-Jahren sei er insbesondere durch Historiker in der DDR wieder stärker ins öffentliche Bewusstsein gerückt.
Wulf schilderte Forsters ungewöhnlichen Bildungsweg, der weniger durch regelmäßigen Schulunterricht als durch Reisen, Beobachtungen und unmittelbare Begegnungen mit Menschen unterschiedlicher Kulturen geprägt war. Seine Erfahrungen ermöglichten ihm einen vergleichsweise unvoreingenommenen Blick auf indigene Gesellschaften. Scheck stellte diesen Ansatz den zeitgenössischen Vorstellungen Immanuel Kants über menschliche Unterschiede und vermeintliche Rassenhierarchien gegenüber.
Auch Forsters politische Entwicklung kam zur Sprache. Als die französischen Revolutionstruppen 1792 Mainz besetzten, unterstützte er die revolutionären Ideen und engagierte sich für die Mainzer Republik.
Die zehn meistverkauften Bücher im Urteil von Denis Scheck
In seiner Sendung „Druckfrisch“ vom 18. Oktober 2026 nahm Denis Scheck die zehn meistverkauften Bücher unter die Lupe. Seine Kommentare reichten von ausdrücklicher Anerkennung bis zu scharfer Kritik.
Platz 10 – Caroline Wahl: „1999 Meter über dem Meer“
Der Roman erzählt von einer jungen Frau, die zur Hochstaplerin wird und sich eine andere Identität erschafft.
Scheck lobte die Autorin: Sie „schreibt mit Drive und Witz so wie Vicky Baum vor 100 Jahren“.
Platz 9 – Christoph Kramer: „Wolkenberührpunkt“
Im Mittelpunkt des Romans stehen die psychischen Schwierigkeiten eines adoptierten Kindes und die Suche nach dem eigenen Platz im Leben.
Den Erfolg des Buches schrieb Scheck ausschließlich der Tatsache zu, dass Kramer zur „Männerverblödungsindustrie namens Fußball“ gehört.
Platz 8 – Dana Vowinckel: „Anton und Alma“
Der Roman erzählt eine Berliner Liebesgeschichte zwischen einem jüdischen jungen Mann und einer Frau, die zum Judentum konvertiert, und verknüpft ihre Beziehung mit Antisemitismus, Familiengeschichte und nationalsozialistischer Vergangenheit.
Scheck bezeichnete den Roman als „voller akuter Einsichten in Fragen von Identität und Zugehörigkeit“.
Platz 7 – Marah Woolf: „Falling Midgard“
Die Fantasygeschichte greift die nordische Götterwelt auf und erzählt von gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen mächtigen mythologischen Figuren.
Scheck bezeichnete das Buch als „brachial Romantasy“ und ließ mit sarkastischen Einwürfen kein gutes Haar daran.
Platz 6 – Rachel Gillig: „The Knave and the Moon“
In der Fantasygeschichte treffen eine Weissagerin, ein geheimnisvoller Krieger ohne Erinnerung und ein machtbesessener junger König aufeinander, während Religion als Mittel der Herrschaft und Unterdrückung eine zentrale Rolle spielt.
Scheck sprach von einem „woken Fantasy Roman“ und von „US-amerikanischem Fantasy Fastfood“.
Platz 5 – Nele Neuhaus: „Alles wird Asche“
Im zwölften Fall von Oliver von Bodenstein und Pia Sander führen die Ermittlungen unter anderem zu einem Verbrechen am Mount Everest, dem Einsatz Künstlicher Intelligenz bei der Mordplanung und einem tödlichen Vorfall an einer Windkraftanlage.
Schecks Urteil: „Deutscher Plastiklokalkrimi“.
Platz 4 – Volker Klüpfel und Michael Kobr: „Blendwerk“
Kommissar Kluftinger ermittelt im Zusammenhang mit dem Mord an einer Influencerin im Eistobeltal, wobei auch Künstliche Intelligenz und kommunalpolitische Verwicklungen eine Rolle spielen.
Platz 3 – Charlotte Link: „Kalte Tage“
Der in Großbritannien angesiedelte Kriminalroman handelt von einem psychopathischen Täter, einer entführten 22-jährigen Frau und einem Verbrechen, bei dem Gewalt gegen Frauen eine zentrale Rolle spielt.
Scheck bezeichnete den Roman als „deutschen Retortenkrimi, der wie immer in England spielt“.
Platz 2 – Dörte Hansen: „Broder“
Der Roman erzählt von der lebenslangen Rivalität zweier Brüder auf einem norddeutschen Bauernhof, von familiären Erwartungen und enttäuschten Lebensentwürfen vor dem Hintergrund des landwirtschaftlichen Strukturwandels.
Scheck beschrieb den Roman als „Kain und Abel neuerzählt in den Kulissen eines norddeutschen Bauernhofes“, bis hin zur Strukturwende der Landwirtschaft.
Platz 1 – Rebecca Yarros: „Threshing Day“
Das Buch führt in die Fantasywelt der „Fourth Wing“-Reihe zurück, in der Drachen, Gewalt und Machtkämpfe das Geschehen bestimmen.
Scheck erklärte, dass er eigentlich Drachengeschichten liebe, bezeichnete das Buch jedoch als „triste Phantasielosigkeit“.
Lutz Seiler über „Das tickende Herz“
Den Abschluss der Sendung bildete das Gespräch mit Lutz Seiler über seinen neuen Roman „Das tickende Herz“, erschienen bei Suhrkamp. Darin greift Seiler die Figur Carl Bischoff wieder auf, die den Lesern bereits aus seinem bisherigen Romanwerk bekannt ist.
Im Gespräch ging es unter anderem um eine Liebeserfahrung, die zunächst neue Möglichkeiten eröffnet, schließlich jedoch in festgelegte Verhaltensmuster und Erwartungen gerät.
Scheck beschrieb die Lektüre von Seilers Roman zum Ende des Gesprächs als einen beinahe schamanistischen Vorgang, bei dem das Gelesene in die eigene Gedankenwelt aufgenommen und dort zu einem Bestandteil der persönlichen Erfahrung werde.
Die Ausgabe von „Druckfrisch“ vom 18. Oktober 2026 ist in der ARD Mediathek abrufbar.
Topnews
Erich Lejeune: „Lebe ehrlich, werde frei!“ – Ein Leben sucht seine Ordnung
H. G. Wells zum 160. Geburtstag: Mit der Zeitmaschine zurück zu ihrem Erfinder
Unser Geburtstagskind im August: Mary Shelley
Unser Geburtstagskind im Juli: Franz Kafka und die Kunst, sich nicht zurechtzufinden
Unser Geburtstagskind im Juni: Thomas Mann und die brüchige Ordnung der Welt
Unser Geburtstagskind im Mai: Novalis - Die Blaue Blume und die Wiederverzauberung der Welt
Unser Geburtstagskind im April: Samuel Beckett
Unser Geburtstagskind im März: Heinrich Mann
Unser Geburtstagskind für den Wintermonat Februar: Gertrude Stein
Ein Geburtstagskind im Januar: Edgar Allan Poe – Dichter der Struktur und des Schreckens
Geburtstagskind im Dezember – Emily Dickinson
Ein Geburtstagskind im November: Astrid Lindgren
Geburtstagskind im Oktober: Benno Pludra zum 100. Geburtstag
Das Geburtstagskind im September: Roald Dahl – Der Kinderschreck mit Engelszunge
Ein Geburtstagskind im August: Johann Wolfgang von Goethe
Hans Fallada – Chronist der kleinen Leute und der inneren Kämpfe
Ein Geburtstagskind im Juni: Bertha von Suttner – Die Unbequeme mit der Feder
Ein Geburtstagskind im Mai: Johannes R. Becher
Ein Geburtstagskind im April: Stefan Heym
Meistverkauften Bestseller 2025
BookTok-Bestseller 2026: Rebecca Yarros führt Europa an, Caroline Wahl liegt in Deutschland vorn
Amazon-Charts – Woche bis zum 11. Januar 2026
Denis Scheck über Fitzek, Gewalt und die Suche nach Literatur im Maschinenraum der Bestseller
Druckfrisch vom 12. Oktober 2025 László Krasznahorkai, Anja Kampmann, Katerina Poladjan – und Denis Scheck mit der SPIEGEL-Bestsellerliste
Denis Scheck über die Spiegel-Sachbuch-Bestseller: Zwischen Epos und lahmer Ente
Amazon-Rezensionen: Die FAZ über Caroline Wahls „Die Assistentin“
Friedrich-Perthes-Preis für Denis Scheck: Ein Abend über Lesewut, Literatur und literarische Abrissarbeiten
SWR-Bestenliste Mai 2025 – Küchenmeister an der Spitze
Drachen, Drama, Desaster: Denis Scheck rechnet mit den Bestsellern ab
Die Bestenliste mit Augenzwinkern – Denis Scheck kuratiert die literarische Wirklichkeit
Denis Scheck über die Spiegel-Bestsellerliste
lit.COLOGNE spezial 2026: Zwischen literarischer Weltläufigkeit und Kölner Heimatgefühl
Stuttgarter Buchwochen 2026 setzen auf Bestseller, Leseförderung und neue Formate
Amazon Charts: Wenn Bestseller zu Dauergästen werden
Aktuelles
Die Regenschwimmerin von Romy Fölck – Rezension: Drei Frauen, eine alte Freundschaft und der Mut, neu anzufangen
Jede Seite an dir von Jana Crämer – Zwischen Buchliebe, Social Media und der Angst, sichtbar zu werden
Druckfrisch: Denis Scheck spricht mit Andrea Wulf und Lutz Seiler über ihre neuen Bücher
Played by the Piper – Die Unbeugsame von Raven Kennedy: Rezension über eine Welt voller Plagen und eine Liebe, die zur Gefahr wird
Richard David Precht: „Auserzählt?“ – Über die Kultur und die Freiheit, selbst zu denken
Friedrich Nicolais „Sebaldus Nothanker“ – Was eine freie Überzeugung zum Leben braucht
Von Rahel Varnhagen bis heute: Wie die FrauenRouten die Salonkultur neu beleben
Die Kate-Linville-Reihe von Charlotte Link: Alle Bücher in der richtigen Reihenfolge – mit Rezensionen
Giuliano Musio im Interview: „Dabei ist mit ihm doch eigentlich alles in Ordnung“
Was, wenn alles gut wird? von Lia Morgenstern – Rezension: Über die Angst vor dem Glück
Aprikosenkind von Judith Merchant: Wenn Mutterliebe zur gefährlichen Gewissheit wird
Salzwind von Miriam Georg: Wenn Freiheit einen Preis bekommt
Sturmland von Miriam Georg: Eine Liebe zwischen Freiheit, Geheimnissen und der rauen Nordsee
lit.COLOGNE spezial 2026: Zwischen literarischer Weltläufigkeit und Kölner Heimatgefühl
Alexander Puschkin: Eugen Onegin – Von der Liebe und der merkwürdigen Unfähigkeit, das Richtige zu tun
Rezensionen
John Steinbeck: East of Eden – Wie viel Freiheit bleibt dem Menschen?
Herders „Fragmente“ zur deutschen Literatur – Eine Sprache sucht ihre eigene Bewegung
Hippels „Über die bürgerliche Verbesserung der Weiber“ – Wenn Ausschluss sich Natur nennt