Der Literatur-Nobelpreisträger Abdulrazak Gurnah hat auf die Defizite innerhalb der Aufarbeitung der deutschen Kolonialgeschichte verwiesen. Die Verbrechen in Deutsch-Ostafrika seien nahezu vergessen, sagte der Autor am Sonntag in seiner Schiller-Rede im Literaturarchiv in Marbach.
Literatur-Nobelpreisträger Abdulrazak Gurnah: Lückenhafte Aufarbeitung deutscher Kolonialgeschichte
Der Literatur-Nobelpreisträger Abdulrazak Gurnah verwies in der diesjährigen Schiller-Rede im Literaturarchiv Marbach auf die Defizite der deutschen Erinnerungskultur und Aufarbeitungsbemühungen. Deutschland solle seine Kolonialgeschichte auf dem gesamten afrikanischen Kontinent stärker in den Blick nehmen, so der Autor. Während die Verbrechen in Deutsch-Südwestafrika, dem heutigen Namibia, hierzulande bekannt seien, seien die in Deutsch-Ostafrika (heute Tansania, Burundi und Ruanda) seien nahezu vergessen.
Dass die Verbrechen in Ostafrika an eine breitere Öffentlichkeit gelangten, ist laut der Baden-Württembergischen Wissenschaftsministerin Petra Olschowski auch Gurnahs Verdienst. Deutschland müsse Verantwortung für seine Kolonialgeschichte tragen, so die Politikerin. Dazu würden nicht nur Geschichtsbücher, sondern auch Literatur beitragen.
Abdulrazak Gurnah
Abdulrazak Gurnah wurde 1948 auf Sansibar geboren. Im Alter von 18 Jahren emigrierte er nach England. Bis 2017 lehrte er als Professor für Englisch und postkoloniale Literatur in Kent. 2021 wurde er mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet. In seinem literarischen Werk thematisiert Gurnah vordergründig Migrationsgeschichten und Kolonialismus.
Schillerrede in Marbach
Seit 1999 wird mit der alljährlichen Schillerrede an den am 10. November 1759 in Marbach geborenen Friedrich Schiller erinnert. Gurnah folgte in diesem Jahr auf den deutsch-österreichischen Autor Daniel Kehlmann. Weitere Sprecher der Veranstaltung waren ehemalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker, der Virologe Christian Drosten, der Grünen-Politiker Cem Özdemir sowie der EX-Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU).
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