Wie lebt ein Mensch in einer Gesellschaft, deren Vorstellungen von Normalität zunehmend als fremd empfunden werden? Diese Frage steht im Zentrum von Weltzeituhr, dem neuen Buch der Psychotherapeutin und Autorin Helga Kurzchalia, das 2026 in der Friedenauer Presse erschienen ist.
Helga Kurzchalia: Weltzeituhr – Eine Spurensuche zwischen Psychologie, Familiengeschichte und Ostberlin
Ostberlin als Schauplatz einer persönlichen Suche
Die autobiografisch geprägte Erzählung führt in das Ostberlin der 1970er- und 1980er-Jahre. Im Mittelpunkt steht eine junge Psychologin, die ihre berufliche Arbeit ebenso wie ihr privates Leben von einer grundlegenden Frage begleiten lässt: Was ist eigentlich normal – und wer bestimmt darüber? Die gesellschaftlichen Verhältnisse der DDR erscheinen dabei nicht nur als politischer Rahmen, sondern als Kraft, die bis in das persönliche Denken und Fühlen hineinwirkt.
Begegnungen, die Geschichte sichtbar machen
Auf ihrer Suche nach Orientierung begegnet die Erzählerin Menschen, deren Lebensgeschichten unterschiedliche Kapitel der europäischen Geschichte berühren. Dazu gehört Magda, die während des Zweiten Weltkriegs Kinder aus dem jüdischen Ghetto schleuste und Jahrzehnte später mit autistischen Kindern arbeitet. Ebenso prägend ist die Arbeit in der psychiatrischen Klinik Herzberge, wo die Erzählerin einem ehemaligen Schulfreund begegnet, der inzwischen Patient geworden ist. Später führt ihre Tätigkeit in eine Beratungsstelle, in der sie gemeinsam mit Familien nach Möglichkeiten sucht, persönliche Veränderungen anzustoßen.
Diese Begegnungen verbinden individuelle Schicksale mit den politischen Umbrüchen des 20. Jahrhunderts. Das Buch fragt danach, wie Erfahrungen von Nationalsozialismus, Exil, jüdischer Geschichte und DDR-Gesellschaft in Biografien weiterwirken. Zugleich richtet es den Blick auf die Möglichkeiten und Grenzen psychologischer Arbeit: Kann Therapie gesellschaftliche Verhältnisse verändern, oder beginnt Veränderung immer beim Einzelnen?
Das Politische im Privaten
Nach der Verlagsankündigung zeigt Weltzeituhr, wie eng persönliche Biografien und gesellschaftliche Entwicklungen miteinander verflochten sind. Das Politische bleibt nicht auf staatliche Institutionen beschränkt, sondern prägt Beziehungen, Beruf, Selbstverständnis und den Blick auf die eigene Vergangenheit. Persönliche Erfahrungen werden so zum Ausgangspunkt einer Auseinandersetzung mit kollektiver Geschichte.
Die Weltzeituhr als Symbol
Der Titel verweist auf die Weltzeituhr am Berliner Alexanderplatz, eines der bekanntesten Wahrzeichen Ostberlins. Sie steht für einen Ort, an dem sich verschiedene Zeiten, Erinnerungen und Lebenswege kreuzen – ein passendes Bild für ein Buch, das persönliche Erfahrungen mit historischen Entwicklungen verknüpft.
Die Autorin Helga Kurzchalia
Helga Kurzchalia, 1948 in Ostberlin geboren, arbeitet als Psychotherapeutin und hat bereits mehrere literarische Werke veröffentlicht, darunter Im Halbschlaf, Lamaras Briefe oder vom Untergang des Kommunismus und Haus des Kindes. Mit Weltzeituhr setzt sie ihre Auseinandersetzung mit Erinnerung, Herkunft und gesellschaftlicher Prägung fort.
Ein Buch über Erinnerung und Orientierung
Weltzeituhr verspricht keine chronologische Geschichte der DDR. Stattdessen rückt das Buch die Wahrnehmung einer Frau in den Mittelpunkt, die ihren eigenen Platz zwischen familiärem Erbe, beruflicher Verantwortung und politischen Erwartungen sucht. Psychologie, Zeitgeschichte und autobiografisches Erzählen bilden dabei den gemeinsamen Resonanzraum und machen den Band zu einer interessanten Neuerscheinung für Leserinnen und Leser, die sich für literarische Erinnerungsarbeit und deutsch-deutsche Geschichte interessieren.
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