Einst waren literarische Salons Orte, an denen Frauen gesellschaftliche Debatten prägten, Schriftsteller zusammenführten und kulturelle Grenzen überwanden. Mit den FrauenRouten entsteht zwischen Berlin, Leipzig und Weimar ein Netzwerk, das an diese Tradition anknüpfen will und Literatur, Kunst, Geschichte und persönliche Begegnungen miteinander verbindet.
Von Rahel Varnhagen bis heute: Wie die FrauenRouten die Salonkultur neu beleben
Als Frauen dem gesellschaftlichen Gespräch einen Raum gaben
Lange bevor Frauen gleichberechtigt am politischen und akademischen Leben teilnehmen konnten, schufen sie sich eigene Räume für den geistigen Austausch. In den literarischen Salons des ausgehenden 18. und beginnenden 19. Jahrhunderts begegneten sich Schriftsteller, Philosophen, Künstler und Vertreter unterschiedlicher gesellschaftlicher Schichten. Hier wurden Bücher diskutiert, politische Entwicklungen hinterfragt und Gedanken formuliert, die außerhalb dieser Kreise nicht immer willkommen waren.
Eine der bekanntesten Gastgeberinnen dieser Zeit war Rahel Varnhagen, deren Berliner Salon zu einem wichtigen Treffpunkt des geistigen Lebens wurde. Als jüdische Frau bewegte sie sich in einer Gesellschaft, die ihr aufgrund ihrer Herkunft und ihres Geschlechts erhebliche Grenzen setzte. Gerade deshalb besaßen ihre Zusammenkünfte eine besondere Bedeutung. Das Gespräch konnte zumindest zeitweise gesellschaftliche Schranken überwinden, ohne dass damit die bestehenden Unterschiede tatsächlich aufgehoben gewesen wären.
In Leipzig wiederum steht Henriette Goldschmidt für eine andere, stärker bildungsreformerische Tradition weiblichen Engagements. Die Frauenrechtlerin und Pädagogin setzte sich im 19. Jahrhundert für die Bildung und gesellschaftliche Teilhabe von Frauen ein. Ihr Wirken zeigt, dass weibliche Kulturgeschichte nicht allein in den literarischen Salons geschrieben wurde, sondern ebenso in Bildungsvereinen, sozialen Initiativen und der Auseinandersetzung um gesellschaftliche Rechte.
An diese unterschiedlichen Traditionen möchte ein neues Netzwerk anknüpfen, das unter dem Namen FrauenRouten Berlin, Leipzig und Weimar miteinander verbindet.
Drei Städte und die Idee eines gemeinsamen Kulturraums
Hinter den FrauenRouten stehen Christine Klauder vom Heimatgenuss Mitteldeutschland e. V., Sabine Kalinke, Direktorin des Victor’s Residenz-Hotels Leipzig, und Claudia Wießner, Geschäftsführerin der Hotels Carolinenhof in Berlin und Amalienhof in Weimar.
Ihre Idee besteht darin, kulturelle Begegnungen nicht auf einen einzelnen Veranstaltungsort zu beschränken, sondern Literatur, Kunst, Handwerk und regionale Geschichte über Stadt- und Landesgrenzen hinweg miteinander zu verknüpfen.
Dabei entstehen drei unterschiedliche Erlebnisformate. In Berlin führt eine Kiezflaneurin-Tour zu historischen Schauplätzen und Orten der heutigen Kunst- und Kulturszene. In Leipzig verbindet eine FrauenGenussRoute neun Stationen, darunter Galerien, Ateliers, Manufakturen, das Café Wagner und die Bahnhofsbuchhandlung Ludwig. Rund um Weimar wiederum soll ein Weinbus regionale Weinkultur mit der Geschichte der Klassikerstadt verbinden.
Nicht jede dieser Unternehmungen ist im engeren Sinne eine Fortsetzung des historischen Salons. Doch gemeinsam ist ihnen der Gedanke, Menschen über kulturelle Interessen zusammenzuführen und Begegnungen zu ermöglichen, die über einen gewöhnlichen Museumsbesuch oder eine Stadtführung hinausgehen.
Eine Salonkultur, die bereits seit fast zwanzig Jahren wächst
Ganz neu ist die Idee nicht. Das moderne Salondinner wurde 2007 von Susanne Ritzenhof in Köln gegründet und seit 2008 von Christine Klauder in Mitteldeutschland weiterentwickelt. Nach Angaben der Initiatorinnen nahmen seither mehr als 800 Gäste aus ganz Deutschland an den unterschiedlichen Veranstaltungen teil.
Zu den bisherigen Formaten gehörten unter anderem ein Bauhaus-Salondinner im Neuen Museum Weimar, ein Leipziger Wagner-Genusswochenende und literarisch-kulturelle Begegnungen in historischen Gebäuden und Manufakturen.
Mit dem neuen Netzwerk soll diese gewachsene Veranstaltungskultur nun stärker überregional ausgerichtet werden. Mehr als 70 Frauen aus Wirtschaft, Literatur, Kunst, Tourismus, Weinbau und Handwerk sind nach Angaben der Organisatorinnen bereits in die Zusammenarbeit eingebunden.
Bemerkenswert ist dabei vor allem die Verbindung zwischen kulturellem Engagement und unternehmerischer Initiative. Während die historischen Salons häufig von einzelnen Gastgeberinnen und ihrem persönlichen Umfeld geprägt waren, setzt das heutige Konzept auf ein Netzwerk unterschiedlicher Akteurinnen und Institutionen.
Wenn Literatur wieder zum gesellschaftlichen Ereignis wird
Für die literarische Ausrichtung der FrauenRouten spielen Autorinnen und Verlage eine besondere Rolle. Beteiligt sind unter anderem der Mitteldeutsche Verlag sowie die Autorinnen Petra Durst-Benning, Ute Cohen und Ulrike Gastmann. In Leipzig gehört auch die Bahnhofsbuchhandlung Ludwig zu den Stationen des Netzwerks.
Eine historische Verbindung zwischen Berlin und Leipzig bringt Manuela Vobach ein, die Urenkelin des jüdischen Verlegers Willy Vobach. Dessen Verlagshaus war einst in beiden Städten ansässig und erinnert daran, wie eng die deutsche Verlags- und Kulturgeschichte mit den Biografien jüdischer Unternehmerfamilien verbunden ist.
Die ersten angekündigten Literaturveranstaltungen zeigen, wohin sich das Format entwickeln soll. Am 17. Januar 2027 wird Ute Cohen im Victor’s Residenz-Hotel Leipzig aus ihrem Buch Glamour lesen. Am 7. März folgt dort Ulrike Gastmann mit Lessons for Life. Für Juni sind zwei Literatur-Salondinner mit Petra Durst-Benning in Thüringen und Sachsen-Anhalt vorgesehen.
Damit rückt eine Form literarischer Begegnung in den Mittelpunkt, die im klassischen Veranstaltungsbetrieb gelegentlich zu kurz kommt: das Gespräch zwischen Autoren und ihrem Publikum, das nicht mit der letzten vorgelesenen Buchseite enden muss.
Zwischen historischem Anspruch und gegenwärtiger Wirklichkeit
Natürlich lässt sich die gesellschaftliche Bedeutung der Berliner Salons um 1800 nicht ohne Weiteres auf heutige Kultur- und Genussveranstaltungen übertragen. Rahel Varnhagens Salon entstand unter Bedingungen gesellschaftlicher Ausgrenzung, während die FrauenRouten in einer Gegenwart agieren, in der weibliches Unternehmertum und kulturelle Netzwerke längst selbstverständlicher geworden sind, wenngleich keineswegs alle strukturellen Unterschiede verschwunden wären.
Gerade diese historische Differenz macht das Vorhaben interessant. Denn die Salonkultur war nie nur eine Frage gepflegter Gastlichkeit. Ihre eigentliche Bedeutung lag darin, Menschen miteinander ins Gespräch zu bringen, unterschiedliche Perspektiven zuzulassen und geistige Auseinandersetzungen jenseits festgelegter Institutionen zu ermöglichen.
Ob die FrauenRouten diesem Anspruch gerecht werden, wird sich deshalb weniger an der Zahl ihrer Stationen oder Veranstaltungen entscheiden als an der Qualität der Begegnungen, die dort entstehen.
Die Verbindung von Literatur, regionaler Geschichte und persönlichem Austausch bietet dafür jedenfalls einen Ansatz, der über das übliche touristische Erlebnisprogramm hinausreichen kann.
Weitere Informationen und Veranstaltungstermine: www.frauengenussroute.de