Ein unverkrampftes, mutiges Buch – eines, das das Thema Schuld ohne Angst angeht. Nicht frontal. Nicht mit erhobenem Zeigefinger. Sondern mit einer Frage.
„Was hinterlasse ich?“, fragt die Mutter. Und antwortet: nichts.
Der Satz steht im Raum wie ein Möbelstück, das immer schon da war. Kein Pathos. Keine Verteidigung. Eine beiläufige Selbstverneinung. Und doch beginnt hier alles. Denn es bleibt nicht nichts. Es bleiben Dokumente in einer kleinen Holzkiste. Urkunden. Fotografien. Eine Handschrift, die niemand zuordnen kann. Und die Erinnerung an eine Tätowierung unter dem linken Arm des Vaters. Blassblau. Blutgruppe. SS.
Das Schweigen der Mutter ist kein dramatisches. Es ist strukturell. Die Erinnerungen sind widersprüchlich. Einmal sieht sie die Tätowierung zum ersten Mal am Sterbebett. Später sagt sie, sie habe immer davon gewusst. „Das ist, was du daraus machst“, sagt sie zur Tochter. Gemeint ist: Du erzählst.
Hier öffnet sich der Denkraum des Buches. Wer verfügt über die Vergangenheit? Wer darf Bedeutung erzeugen? Die Mutter beharrt auf der Sache. Die Tochter sucht die Geschichte. Zwischen beiden verläuft kein Bruch, sondern eine leise Verschiebung. Erinnerung ist hier kein Besitz, sondern ein Aushandlungsprozess.
Der Großvater als Systemstelle
Geboren 1904 in Berlin. 1932 Eintritt in die NSDAP. Mitglied der Waffen-SS. 1941 in Radom. Eine Blutgruppen-Tätowierung als sichtbares Zeichen der Zugehörigkeit. Mehr geben die Akten kaum her.
Judith Hermann fährt ins Bundesarchiv. Eine dünne Mappe. Mitgliedskarte. Besitzschein für Waffe und Holster. Gestellungsaufforderung. Entlassungsschein aus der Kriegsgefangenschaft. Verwaltungssprache. Kein Motiv. Keine Innensicht.
Der Großvater erscheint nicht als Figur, sondern als Funktion. Er ist weniger Charakter als Teil eines Apparats. Gerade darin liegt die Zumutung. Es gibt kein psychologisches Material, an dem sich Literatur sich wärmen könnte. Nur Zugehörigkeit. Und Verantwortung.
Das Buch widersteht der Versuchung, diese Leerstelle auszuschmücken. Es zeigt sie als Struktur.
Radom: Ort ohne Antwort
Radom ist kein Symbol, sondern ein Ort. Zwischen Warschau und Krakau. 1941 Teil der deutschen Besatzungsrealität. Ghetto. Deportationen. Vernichtung.
Hermann mietet sich ein. Geht durch Straßen. Sucht den Platz eines Fotos, das ihren Großvater auf einem Motorrad der SS zeigt. Sie findet ihn.
Der Moment ist nicht erlösend. Nicht dramatisch. Er ist sachlich. Der Ort existiert. Die Fotografie stimmt. Die historische Präsenz ist bestätigt. Mehr nicht.
Diese Nüchternheit ist die eigentliche Haltung des Buches. Schuld wird nicht inszeniert, sondern lokalisiert. Kein großes Wort. Nur Koordinaten.
Körperliche Resonanz
In der zweiten Hälfte des Aufenthalts kippt die Wahrnehmung. Schlaflosigkeit. Angst. Die Vorstellung, jemand könne die Wohnung betreten haben. Das Wasser im Kühlschrank vergiftet.
Hier verschiebt sich die Ebene. Die Recherche bleibt fragmentarisch, doch der Körper reagiert. Schuld erscheint nicht als moralischer Begriff, sondern als atmosphärischer Druck. Hermann beschreibt diese Zustände ohne Selbstdramatisierung. Keine Metaphernketten. Nur genaue Beobachtung.
Die Vergangenheit wirkt nicht als Bild, sondern als Unruhe.
Neapel und das Zeittäschchen
Der zweite Teil führt nach Neapel zur Schwester. Ein Ortswechsel, der auch ein Perspektivwechsel ist. Licht, Kinder, Alltag. Und der Satz der Schwester: „Es ist nicht immer alles traurig.“ Eine Korrektur, die nicht widerlegt wird.
Das letzte Kapitel trägt den dänischen Titel „Tidslomme“ – Zeittäschchen. Ein Wort für einen eingeschobenen Moment, in dem Zeit sich sammelt. Das Buch selbst funktioniert so. Es schafft einen begrenzten Raum, in dem Vergangenheit befragt werden kann, ohne abgeschlossen zu werden.
Literatur als Haltung
„Ich möchte zurückgehen in der Zeit“ ist kein Enthüllungsbuch. Es ist auch kein Selbstentlastungsbuch. Es ist eine Bewegung in Richtung Verantwortung. Ohne Pose. Ohne Angst.
Die Sätze sind kurz bis mittellang. Die Adjektive sparsam. Die Moral schweigt, aber sie ist anwesend. In der Entscheidung, nicht wegzusehen. In der Bereitschaft, eine familiäre Tätergeschichte nicht zu relativieren und nicht zu dramatisieren.
Der Großvater bleibt ein „Cold Case“.
Doch das Schweigen bleibt nicht unangetastet.
Und das ist wirklich großartig gelungen.
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