aus ES WAREN ZWEI LICHTER von TORBEN FELDNER
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Friedmanns Erkundungen
Montag, 13. Oktober 2008 um 16 Uhr 50
Herbstblätter und Kies knirschten unter ihren Schuhen. Andre Devening zog einen blassblauen Bollerwagen mit großen Gummireifen hinter sich her. Darauf: zwei starke Handscheinwerfer mit leichtem Lampenstativ, seine Stirnlampe, den Werkzeugkasten sowie Hebel- und Stemmeisen unterschiedlicher Größe. Max Friedmann hingegen verstaute gerade wieder sein Mobiltelefon in der Tasche.
In ungebremster Vorwärtsbewegung befindlich, schaute der Steinmetzmeister zu ihm herüber. „Und?“
„Ja, es geht in Ordnung. Ich konnte meinen Schweigert-Termin von heute 17 Uhr 30 auf morgen Mittag verschieben. Lass uns die wenige Zeit nutzen, die ich jetzt gewonnen habe.“
„Wie gesagt: Ich schätze deine Gesellschaft, aber du musst nicht mit. Ich würde dich sowieso auf dem Laufenden halten.“
„Bist du verrückt?“, zwinkerte Max seinem Gegenüber zu. „Du hast mich ganz neugierig gemacht. Ich will wissen, ob wir etwas herausfinden können. Was genau ist das Geheimnis der Skulptur, ihrem Gönner und dessen Mausoleum? Schließlich hat das auch Daniel brennend interessiert. Er war ja anscheinend auch dort. Warum ist er seitdem krank gemeldet? Es mag seltsam klingen, aber gibt es da eventuell einen Zusammenhang?“
„Ja, alles sehr merkwürdig“, murmelte Andre Devening vor sich hin.
„Und da können wir jetzt einfach so rein und herumwerkeln?“
„Ja und nein. Ich bin ja hier auch mitverantwortlich für die historisch wertvollen und denkmalgeschützten Grabstätten. Instandhaltung und Pflege, und das bei stets knappem Budget. Wie so oft gibt es auch hier keine Nachfahren mehr, die sich selbst kümmern könnten. Nennen wir das Ganze einfach mal einen Inspektionsbesuch. Wir werden schon nichts kaputt machen.“
Am Mausoleum angelangt, hatte Max Friedmann wenig Zeit, die beeindruckende Grabstätte von außen genauer in Augenschein zu nehmen. Zielsicher zog Andre Devening den passenden Schlüssel hervor.
Nach dem Öffnen bat er Max um Hilfe beim Hereintragen der mitgebrachten Utensilien.
„Lass uns erstmal alles richten. Dann kannst du weitere Fragen stellen. Dann reden wir wieder.“
Der Angesprochene folgte über den Treppenabgang in die Gruft. Für den Moment wurde diese lediglich durch den flackernden Lichtschein der eingeschalteten Stirnlampe des Steinmetzmeisters erhellt. Das Stativ war schnell aufgebaut und die Lampen darauf zügig montiert. Fast jede Ecke des Raumes wurde nahezu taghell ausgeleuchtet. Lediglich der große Sarkophag vor ihnen warf harte Schatten.
„Schau dir den Totenschrein mal genauer an. Fällt dir da etwas auf?“
„Der ist aus einem ganz anderen Stein gehauen als alles andere hier im Raum“, stellte Max fest. „Der Glanz, die Färbung, vermutlich auch der Härtegrad. Er erscheint in allem um Klassen besser.“
Andre nickte. „Ich habe knapp hundertfünfzig unterschiedliche Steinsorten auf Lager, aber keine davon ist dem hier verwendeten ähnlich. Ich glaube nicht, dass dieses Hartgestein aus unseren Breitengraden stammt.“
Er erklärte weiter, dass er bereits eine Gesteinsprobe entnommen und zur Analyse weitergegeben habe. Gerade nach der Sache mit Daniel bekomme alles eine andere Qualität.
Sie versuchten gemeinsam, den Deckel des Sarkophags zu bewegen – vergebens. Nichts rührte sich.
Zurück in der Werkstatt stärkten sie sich bei Kaffee.
„Kannst du etwas mit dem Namen Trachmann anfangen?“
„War das nicht mal eine hier ansässige Familienbrauerei?“
Andre bestätigte es. Das Mausoleum sei das Familiengrab der Trachmanns. Die Linie sei erloschen. Der letzte, Artur Trachmann, starb 1977 in den Vereinigten Staaten und wurde überführt.
„Und meine innere Stimme sagt mir, in dieser Sache ist es spätestens jetzt an der Zeit, Licht ins Dunkel zu bringen.“
Am nächsten Morgen war Max Friedmann früh unterwegs, auf dem Weg zu seinem Mitarbeiter Daniel.
Kaum hatte er die ersten Treppenstufen des Gründerzeithauses betreten, hörte er von oben ein furchterregendes Geschrei. Eine junge Frau stolperte ihm entgegen, während sie noch bemüht war, ihre Garderobe in Ordnung zu bringen. Ihr Schluchzen war nicht zu überhören.
„Lass dich hier nicht mehr blicken!“, bellte es von oben.
Max blickte hinauf und erkannte Daniel Mink – wutentbrannt, kaum wiederzuerkennen. Kurz zeigte sich Verwunderung in seinem Gesicht, dann kehrte der Groll zurück.
„Leckt mich doch alle am Arsch“, rief er, bevor er die Wohnungstür zuschlug.
Max blieb allein im altehrwürdigen Stiegenhaus zurück.
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