Aus der Redaktion Jahresrückblick 2022: Die besten Bücher

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Ein angespanntes und aufgeregtes Jahr neigt sich dem Ende zu. Neben Offenen Briefen, überspitzter Kriegsrhetorik und mühseligen Grabenkämpfen, brachte das Jahr 2022 auch viele aufwühlende Neuerscheinungen hervor. Aus unseren diesjährigen Besprechungen haben wir zehn Sachbücher und belletristische Werke ausgewählt, die wir hier noch einmal empfehlen möchten.

Unser Jahresrückblick 2022: Welche Bücher haben uns in diesem Jahr besonders beeindruckt? Bild: Pixabay (Symbolbild)

Der Überfall Russlands auf die Ukraine überschattet das Jahr 2022. Hierzulande überschatteten uns in erster Linie die unterschiedlichen Reaktionen verschiedenster Akteure, die sich, je nach Gesinnung, für oder gegen die Lieferung schwerer Waffen an die Ukraine aussprachen, Offene Briefe unterschrieben und in den Analen der sogenannten Sozialen Medien aufgeregte aber doch recht gemütliche Kämpfe austrugen. Als "Sesellgeneräle" hatte die Schriftstellerin Nathalie Weidenfeld die plötzlich kriegsbegeisterten Pazifisten in einem lesenswerten SZ-Gastbeitrag treffend beschrieben. Wie unverhältnismäßig, parteiisch und überbordend Medien mit den Ereignissen der realen Welt umgehen, wurde in diesem Jahr zum Thema eines Buches, das großes Aufsehen erregte. "Die vierte Gewalt" von Richard David Precht und Harald Welzer erhitze die Gemüter, ließ jene aufschreien, die getroffen werden sollten, und regte dort zum Nachdenken an, wo die Hoffnung noch nicht ganz verloren war. Es ist eines der zehn Bücher, die uns in diesem Jahr besonders haben. Hier unser Jahresrückblick 2022.

1. Alain Claude Sulzer - "Doppelleben"

Der Schweizer Schriftsteller Alain Claude Sulzer zeigt in seinem Roman "Doppelleben", dass künstlerische Obsession häufig mit radikaler Ignoranz einhergeht. Er schreibt über die berühmten Brüder Goncourt, deren Tagebuchaufzeichnungen präzise, unerbittliche Beobachtungen der Pariser Gesellschaft bieten und nach denen heute der prestigereichste Literaturpreis Frankreichs benannt ist. Und er schreibt über Rose, dem Dienstmädchen im Hause Goncourt, deren physischer und psychischer Zerfall den Brüder - sonst pedantische Beobachter - entgeht. Ein großer Roman über blinde Flecken, über Selbstaufgabe und darüber, wie man Abschied nimmt. Weiterlesen...

2. John McWhorter - "Die Erwählten"

Der US-amerikanische Linguist John McWhorter entdeckt in der Haltung und Praxis "woker" Antirassisten fundamentalistische Tendenzen, die seiner Ansicht nach zur Spaltung der Gesellschaft führen. In seinem Buch "Die Erwählten" reiht er Beobachtungen aneinander, die seine These, es handle sich bei vielen Anhängern der "Black Lives Matter"-Bewegung eher um Anhänger einer neuen Religion als um progressive Aktivisten, untermauern. Wie viel Raum liegt zwischen integren Ansichten und ideologischer Zensur? Weiterlesen...

3. Reinhard Kaiser-Mühlecker - "Wilderer"

Reinhard Kaiser-Mühlecker schreibt mit seinem für den Deutschen Buchpreis 2022 nominierten Roman "Wilderer" nicht nur eine Geschichte über physische und psychische Stadt-Land-Gefälle, sondern auch ein Gleichniss auf die zuweilen rohe, radikale und immer unberechenbare Kraft des Künstlerischen. "Wilderer" unterscheidet sich fundamental von den vielen Dorfromanen, die uns in den vergangenen zwei, drei Jahren zuhauf vor die Füße geschmissen wurden. Hier ist die Tristesse nicht nur ein Vehikel, das nett, düster und verzweifelt beschrieben werden kann. Hier bekommt die Ödnis eine parabolische Funktion. Weiterlesen..

4. David Graeber und David Wengrow - "Anfänge"

Mit seinem letzten großen Werk "Anfänge" hat sich der 2020 verstorbene Wirtschaftsanthropologe David Graeber nicht weniger vorgenommen, als eine neue "Geschichte der Menschheit" zu schreiben. Verfasst hat er es gemeinsam mit dem renommierten Archäologen David Wengrow. Kernthese ihres Buches: Die oft als linear und unvermeidlich gedachte Entwicklung vom Wildbeutertum zur landwirtschaftlichen Zivilisation, auf deren Tableau sich Privatbesitztum, Verwaltung, Ausbeutung und Hierarchien bildeten, ist alles andere als natürlich und festgeschrieben. Im Gegenteil. Eine sich durch und durch auf die Konsequenz richtende Welt widerspricht dem Selbstbild vieler älterer Kulturen. Weiterlesen...

5. Andreas Stichmann - "Eine Liebe in Pjöngjang"

In seinem für den Deutschen Buchpreis 2022 nominierten Roman "Eine Liebe in Pjöngjang" erzählt Andreas Stichmann von einer ungewöhnlichen Begegnung in Nordkorea, auf deren Grundlage sich kulturelles Interesse, verstaubte Germanistik und irrationales Verliebtsein auf wunderbare Weise verschränken. Eine Liebesgeschichte, die zunächst unmöglich und magisch, gegen Ende jedoch ungeheuer nah erscheint. Weiterlesen...

6. Richard David Precht und Harald Welzer - "Die vierte Gewalt"

Der in den vergangenen Jahren rasant zunehmenden Angst, diese oder jene Aussage könnte von der "falschen Seite" vereinnahmt und instrumentalisiert werden, folgte schnell ein stumpfes Erstarren in Unmissverständlichkeit. Bevor ich Mehrdeutiges zu sagen wage, wiederhole ich lieber jene Parolen, die innerhalb meines eigenen, verfestigten Lagers rauf und runtergebetet werden. Um geschützt zu bleiben. Um den befeindeten Lagern bloß keine Munition zu liefern. Um nicht von den Meinigen ins Lager der Einseitigen geschoben zu werden, vereinseitige und radikalisiere ich mich. Wer diesen Lager-Rigorismus kritisiert oder öffentlichkeitswirksam in Frage stellt, muss in Kauf nehmen, alspotenzieller "Querdenker", "Schwurbler" oder Ähnliches bezeichnet und also abgewatscht zu werden. Wie erschreckend schnell solche Urteile gefällt werden, haben wir unlängst am Beispiel der Ankündigung des Buches "Die vierte Gewalt" von Harald Welzer und Richard David Precht erleben können. Darin kritisieren die Autoren die Strukturen der gegenwärtigen Medienmaschinerie und unterscheiden zwischen "öffentlicher" und "veröffentlichter" Meinung. Weiterlesen...


7. Werner Herzog - "Jeder für sich und Gott gegen alle"

Werner Herzog, einer der herausragendsten und originellsten deutschen Filmemacher, hat seine Erinnerungen in Buchform gebracht. Unter dem Titel "Jeder stirbt für sich und Gott gegen alle" versammelt Herzog Bilder und Erlebnisse aus der Kindheit, Gedanken über Filme und Dokumentationen, Abenteuer und Anekdoten. All diese Fragmente zusammengenommen, ergibt sich der ebenso empfindsame wie radikale Blick eines stillen Exzentrikers, dessen Schweigsamkeit bisweilen beängstigend wirken kann. Ein Unermüdlicher, ein Grenzgänger des Films, der, wie es im Buch heißt, "aus völliger Unkenntnis des Kinos", Kino auf seine Weise selbst erfunden hatte. Weiterlesen...

8. Heinz Strunk - "Ein Sommer in Niendorf"

Der Roman „Ein Sommer in Niendorf“ entwickelt sich von einer eher belanglosen Erzählung eines Aussteigers hin zu einer bizarren Seelenwanderung. Wer von unserem Durchschnittshelden Georg Roth, der seine Ruhe in Niendorf sucht, am Anfang eher gelangweilt ist, der sollte das Buch keineswegs zur Seite legen. Spätestens ab dem Ausflug ins Spirituosengeschäft seines Vermieters Breda entwickelt sich die Erzählung zu einem wahren Horrortrip mit einem Ende, das das Blut in den Adern gefrieren lässt. Weiterlesen...

9. Susanne Götze und Annika Joeres - "Klima außer Kontrolle"

Für ihr Buch "Klima außer Kontrolle" wurden die Journalistinnen Annika Joeres und Susanne Götze mit dem NDR Sachbuchpreis ausgezeichnet. In ihrer Laudatio lobte die Juryvorsitzende Katja Marx den Ansatz des Buches, "wissenschaftliche Analyse zum Klimawandel mit dessen spürbaren Folgen" zu verbinden. In der Tat: Götze und Joeres ist hier ein eindrucksvolles Werk gelungen. Ein Resümee, das zugleich Appell ist; ein Appell, der immer notwendiger zu werden scheint. Denn mit und nach der Lektüre von "Klima außer Kontrolle" wird uns noch einmal - beinahe schmerzhaft - vor Augen geführt, dass es wir es nicht mit Erkenntnisproblemen zu tun haben. Nur bei der Umsetzung haperte es gewaltig. Weiterlesen...

10. Toril Brekke - "Ein rostiger Klang von Freiheit"

In "Ein rostiger Klang von Freiheit" erzählt die schwedische SchriftstellerinToril Brekke eine Coming-of-Age-Geschichte, die uns ins Oslo der 1968er Jahre führt. Freiheitsbegehren und die Sehnsucht nach Selbstbestimmung treffen dabei auf familiäre Verluste und die Verpflichtung, Verantwortung zu übernehmen. Ein Roman, der zeigt, dass sich die wirklich großen Reformen im Schatten der öffentlichen Proteste vollziehen. Weiterlesen...

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