Alain Claude Sulzer - "Doppelleben" Was dem Künstlerblick entgeht

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In seinem Roman "Doppelleben" schreibt der Schweizer Schriftsteller Alain Claude Sulzer über die berühmten Brüder Edmond und Jules Goncourt, die alles sahen, nur nicht die Liebe, die in den Tod führte. Bild: Galiani Berlin

Der Schweizer Schriftsteller Alain Claude Sulzer zeigt in seinem Roman "Doppelleben", dass künstlerische Obsession häufig mit radikaler Ignoranz einhergeht. Er schreibt über die berühmten Brüder Goncourt, deren Tagebuchaufzeichnungen präzise, unerbittliche Beobachtungen der Pariser Gesellschaft bieten und nach denen heute der prestigereichste Literaturpreis Frankreichs benannt ist. Und er schreibt über Rose, dem Dienstmädchen im Hause Goncourt, deren physischer und psychischer Zerfall den Brüder - sonst pedantische Beobachter - entgeht. Ein großer Roman über blinde Flecken, über Selbstaufgabe und darüber, wie man Abschied nimmt.

Die Brüder Edmond und Jules Goncourt leben in einer ständigen, beinahe zwanghaften Symbiose. Sie wohnen zusammen, gehen gemeinsam aus, schreiben zu zweit ein Tagebuch und teilen sich die Geliebte. "Ein Gehirn, das mit vier Händen schrieb", bringt der Autor des Romans "Doppelleben", Alain Claude Sulzer, diese Beziehung auf den Punkt. Ihr Leben lässt sich anhand tausender Tagebucheinträge rekonstruieren, in denen die Brüder akribische genau ihre Beobachtungen niederschrieben, das aus ihren Augen Verachtungswürdige angriffen und das Schöne in den Himmel hoben. Ein Schriftsteller-Duo, welches sich mit ganzer Konsequenz ins Künstlerische warf, beinahe manisch die Bewegung ihrer Epoche - des Bürger- und Künstlertums, der Boheme und Salons - festzuhalten versuchte, um das Flüchtige in eine feste Form zu gießen. Was sie sehen und erleben, soll überdauern.

Der Versuch, im Fallen festzuhalten

Der Sehnsucht nach Unsterblichkeit steht die Krankheit gegenüber. Jules, der sieben Jahre jüngere Brüder, hat sich als junger Mann mit Syphilis infiziert. Sulzer beschreibt eindringlich, wie Jules gegen die voranschreitende Krankheit ankämpft, sich im jeden Preis fit zu halten versucht. Doch der Kampf ist aussichtslos. Wir erleben, wie sich der körperliche und psychische Zerfall unaufhaltsam ausbreitet, eine sich Dämmerung, die bald in völliger Finsternis endet. Edmond, der Ältere, glaubt bald nicht mehr an die Erzählung, es würde bald alles besser werden, sein Bruder würde überleben. So löst sich allmählich, was sich am Sterbebett der Mutter fest verband, wo der Jüngere dem Älteren anvertraut wurde. Nach Jules Tod wird Edmond die Tagebücher allein weiterführen.

Unentdeckt unter den Augen der Sehenden

Parallel zu dieser Geschichte der Einigkeit und Innigkeit, erzählt Sulzer das dramatische Leben des Goncourt-Hausmädchens Rose, die neben ihrer Beschäftigung bei den Brüdern ein zweites, sie vollkommen zersetzendes Leben führt. Rose trat noch vor dem Tod der Mutter Goncourt ihren Dienst im Hause an. Jules war zu dieser Zeit noch ein Kind, Edmond Heranwachsender. Aus ärmlichen Verhältnissen kommend, erfährt die Magd im Hause Goncourt schnell die Vorzüge eines bürgerlichen Lebens. Als die Mutter stirbt, richtet Rose die Tote her. "Als Edmond und Jules ihre Mutter wiedersahen, war ihr Haar ordentlich frisiert, ihre Stirn matt, ihre Wangen rosa gepudert und die Lippen geschminkt. Rose saß in einer Ecke und schlief. Ihre Schürze war noch nass." Spätestens in diesem Augenblick stellte sich eine enge Bindung zwischen Gebrüder und Hausmädchen her.

Doch Rose, gewissenhaft, zuverlässig und aufrichtig, führt ein exzessives, zweites Leben fernab der häuslichen Dienste. Es beginnt dort, wo sie sich in den Handschuhmacher Alexandre verliebt, der sie ausnutzen, hintergehen und schließlich in den Tot treiben wird. Sie verschuldet sich für den Geliebten, zieht blind vor Liebe durch die Straßen, nutzt den berüchtigten Namen Goncourt, um sich abzusichern. Und während Rose physisch und psychisch gen Abgrund treibt, vergnügt sich Alexandre mit jüngeren, hübscheren Frauen. Sie stellt ihm nach, beobachtet die Liebeleien, die Küsse und Umarmungen. Von all dem bekommen die Brüder nichts mit. Selbst Roses Schwangerschaft bleibt unbemerkt. Das Kind trägt sie allein aus. Als es stirbt, trauert sie wiederum in Einsamkeit. Alexandre, der Vater, scheint unberührt, als sie ihm die Nachricht des Todes später überbringt.

Verzweifelt wirft sich Rose wildfremden Männern an den Hals. Kurze, dreckige, widerwärtige Intermezzos sind das, tiefe Schnitte ins eigene Fleisch. Sie beginnt zu trinken, beklaut schließlich den goncourtschen Haushalt. Sulzer zeigt uns gen Ende dieser Amour fou eine abgemagerte, Lungenkranke Frau, der weder die Brüder Goncourt noch die ins Haus bestellten Ärzte helfen können.

Ein Roman

Von Roses Doppelleben erfahren Edmond und Jules erst nach ihrem Ableben. Nicht zuletzt sind es die ausstehenden Rechnungen und Schulden, die das Dienstmädchen hinterlassen hat und die nun vom Haushalt Goncourt beglichen werden müssen, die alles enthüllen. Trauer und Entsetzten mischen sich bald mit künstlerischer Neugierde. Sie, die sich als pedantische Beobachter der Gesellschaft verstehen, übersahen die tragischste aller Geschichten, die sich direkt vor ihren Augen abgespielt hat. Auf der Grundlage des tragischen Lebens ihrer Angestellten entsteht mit "Germinie Lacerteux" einer der besten Romane der Brüder.

So zeigt Sulzer in seinem Roman "Doppelleben", wie der künstlerische Blick suchend verfehlen kann. Im Kern trifft dabei der Versuch, die Zeitläufe und die damit einhegenden gesellschaftlichen Bewegungen literarisch festzuhalten, auf eine heillos Verliebte, die sich selbst verloren geht. Dabei bildet sich nicht zuletzt die Frage, inwiefern es der Kunst gelingen kann, tatsächlich Existenzielles abzubilden. Was uns bleibt sind Erzählungen und Aufzeichnungen. Diese aber, können nur Verweise sein.


Alain Claude Sulzer - "Doppelleben" / Roman / Galiani / 2022 / 304 Seiten / 23 €

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