Das Jahr 2019 brachte einige aufwühlende Literatur-Momente, Debatten, und schließlich großartige Bücher mit sich. Rückblickend fällt vor allem eines auf: Leser*innen und Autor*innen scheinen zunehmend sensibler zu werden.
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In seinem noch 2018 erschienenen Buch "Wie frei ist die Kunst" sprach Hanno Rauterberg in Bezug auf unsere Gegenwart von einer Affektgesellschaft, in der Affekte und "ungute Gefühle" nicht nur rasend schnell in die Öffentlichkeit gelangen, sondern tatsächlich zu einem prägenden Teil unserer Persönlichkeit werden. Diese These schien sich im Jahr 2019 zunehmend zu bestärken. Nicht zuletzt die Debatte um die Nobelpreisverleihung an den österreichischen Schriftsteller Peter Handke zeugte davon, dass sich die Öffentlichkeit zunehmend sensibilisierte. Rauterberg sprach sich in seinem Buch für die Freiheit der Kunst, und, weitestgehend, gegen vorschnelle Restriktionen aus. Doch die zunehmende Sensibilisierung hat, blickt man auf die Autor*innen und nicht darauf, wie ihre Bücher wahrgenommen werden, auch ihre positiven Seiten. Schriftsteller*innen wie Eduard Louis, Didier Eribon oder Nicolas Mathieu reisten in ihren Werken in die Provinzen, in denen sie aufwuchsen, um von dort aus rührende und beizeiten auch brutale Geschichten aus ihrem Leben zu erzählen. Bei Mathieu heißt es an einer Stelle etwa:
"Er spürte es in der Brust, im Bauch. Das Leben würde weitergehen. Das war das Schlimmste. Das Leben ging weiter. Er legte sich noch nass ins Bett und schlief sofort ein." ("Wie später ihre Kinder")
Louis erzählte in seinem Buch von einem Vater, der der Arbeiterklasse angehört; und davon, wie die diese ihn prägte. Er erzählt von Fremdenfeindlichkeit und Homophobie, von Ausgrenzung und ein sich über Jahre hinweg zunehmend zementierendes Männerbild. Das solcherlei Themen in der Literatur angesprochen werden und Platz finden ist mit Sicherheit nicht neu, in dieser Masse aber doch auffällig. Ein weiteres Thema, welches all diese Bücher verbindet (und man könnte die Liste mit Autor*innen wie Ocean Vuong und Annie Ernaux erweitern) ist die Darstellung der Herkunftsorte und den prekären Verhältnissen: "Ma, unsere Muttersprache zu sprechen heißt, nur teilweise auf Vietnamesisch zu sprechen, aber ganz auf Krieg" heißt es bei Vuong, der sich in seinem Bestseller "Auf Erden sind wir kurz grandios" auch mit der Sprache und dem Nicht-Sprechen-Können auseinandersetzt.
Ein Jahr der Autorinnen / Ein Jahr des Dorfes
In einem Gespräch mit dem Deutschlandfunk bemerkte die Literaturkritikerin Maike Albath eine weitere Besonderheit an dem Literatur-Jahr 2019. Albath spricht hier von einem Jahr der Autor*innen, ein Jahr des weiblichen Erzählens. Sie nennt beispielsweise die, unter der Handke-Debatte vollkommen untergegangene, Nobelpreisträgerin Olga Tokarczuk. Oder Barbara Honigmann, die in ihrem Roman "Georg" ein jüdisches Leben innerhalb der DDR beschrieb. Auch die Autorin Kenah Cusanit wird von der Kritikerin genannt, deren Buch "Babel" es auf Platz zwei der SWR-Bestenliste für den Monat April geschafft hatte. Hinzufügen könnte man noch Sybille Berg und ihren dystopischen Roman "GRM Brainfuck".
Auch Albath bemerkt eine deutliche "Tendenz zum Dorfroman", und nennt als "Buch des Jahres" hierzu den Roman "Ein Haus auf dem Land" von Jan Brandt. Dieser besitzt sowohl ein Haus auf dem Land, als auch eines in Stadt. In seinem Werk nehme er die sozialen Hintergründe in den Blick, und skizziert anhand dessen gewisse "Absurditäten". Auch diese Entwicklung - ebenfalls keine absolute Neuigkeit - hin zum Dorf, hat wohl mit der zunehmenden Sensibilisierung zu tun. Der Blick richtet sich hier zunehmend auf die sogenannten "Abgehängten", auf die Marginalisierten.
So versuchen viele im Jahr 2019 erschienene Bücher - die besten von ihnen von den oben genannten französischen Autor*innen geschrieben - den Zusammenhang von Bildung und Kultur, wie ihn Pierre Bourdieu einst beschrieb, abermals herauszustellen und zu beleuchten. Die Kultur blickt mit mit nicht unbedingt neuen, aber vergleichsweise offeneren und weitsichtigeren Augen auf die Welt. Das ist zu begrüßen, solange man mittels diesem Blick nicht damit beginnt, vorschnell zu Urteilen oder, um letztlich auf Hanno Rauterberg zurückzukommen, die Kunstfreiheit einzuschränken oder zu beschneiden.
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