Buchrezension: "Federico Temperini" von Theres Essmann Hochkultur im Taxi

In Theres Essmanns Debüt "Federico Temperini" stößt der Taxifahrer Jürgen Krause auf den mysteriösen Federico Temperini. Foto: klöpfer, narr Verlag

In Theres Essmanns Debüt, der Novelle "Federico Temperini", treffen zwei Außenseiter aus unterschiedlichen Schichten aufeinander: Der Taxifahrer Jürgen Krause und der mysteriöse, von Dunkelheit umwobene Federico Temperini. Was zwischen den beiden Protagonisten im Laufe dieser Geschichte entsteht, zeugt von der verbindenden Kraft der Kunst.

 

Der Taxifahrer Jürgen Krause ahnt nichts Böses, als eines Tages sein Handy klingelt und er den Anruf nach dem ersten Läuten entgegennimmt. Doch die Geschichte, die sich an das nun folgenden Gespräch knüpft, ist eine, die der Taxifahrer nicht so schnell vergessen wird. Der Anrufer meldet sich knapp mit den Worten: "Federico Temperini", die Stimme so dunkel, wie auch ihr Sprecher im Laufe dieser Novelle wiederholt am Straßenrand erscheinen wird. Nach längerem Nachhaken stellt sich heraus: Der mysteriöse Anrufer verlangt nach einem Chauffeur. "An ein oder zwei Abenden im Monat" Krause sagt zu, und zwei Wochen später beginnt die erste Fahrt.

Der Teufelsgeiger

Es wird nicht der letzte Auftrag gewesen sein, den Temperini bei Krause ordert. In wöchentlichen Abständen klingelt dessen Telefon, immer wieder nennt eine tiefe, geheimnisvolle Stimme Datum und Uhrzeit, und von wenigen Ausnahmen abgesehen, bleibt es auch stets bei ein und demselben Fahrziel: Die Kölner Philharmonie. Hier genießt Temperini virtuoses Geigenspiel und komplexe Kompositionen. Nahezu fanatisch spricht der sonst wortkarge alte Herr von dem "Teufelsgeiger" Niccolò Paganini, der bereits zu Lebzeiten als eine Legende gefeiert wurde. Nach anfänglichem Unverständnis beginnt sich auch Jürgen Krause, der sonst eher für Rock- und Popmusik zu begeistern ist, mit klassischer Musik zu beschäftigen. Er kauft sich eine Paganini-Biografie, stöbert im Leben des Teufelsgeigers, der allmählich zu einer Art Schnittstelle zwischen Krause und Temperini wird.

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Die sich im Laufe dieser Novelle anbahnende Bekanntschaft - vielleicht sogar Freundschaft? - mit Temperini, reißt Jürgen Krause aus einem Alltag heraus, der als phantasielos und dröge beschrieben werden kann. Abgesehen vom täglichen Fahrdienst trifft sich Krause ab und an mit seinen Freunden Klaus und Wolfgang in Marias Taverne auf Bier und Gyros. Nur wenige Tage im Monat verbringt er mit seinem 16-jährigen Sohn Leo, der mit seiner Mutter, Krauses Ex-Frau, in einer anderen Stadt lebt. Taxi fährt er seit 15 Jahren.

Das väterliche Ideal

Über Temperini erfahren wir indessen nicht allzu viel. An einer Stelle klingt an, dass der alte Herr selbst einmal Geiger gewesen war, genauere biografische Angaben jedoch, bleiben im Dunkeln. Aus dieser Dunkelheit tritt dafür verstärkt der bereits benannte "Teufelsgeiger" Paganini hervor, als Vermittler Temperinis und Vertreter der Hochkultur.

Bei genauerem Hinsehen, kann man - ein gelungener Kunstgriff der Autorin - erkennen, dass es durchaus Analogien zwischen den Biografien Krauses und Paganinis gibt. So erfahren wir recht früh, dass Jürgen Krauses Vater, wie der Sohn jetzt auch, als Chauffeur tätig war, und in der Ausübung dieses Amtes oft im Auftrag prominenter Größen fuhr. Krause erinnert sich oft an seinen Vater, an die Autogramme, die dieser von seinen angesehen Gästen bekam und voller Stolz mit nach Hause brachte. Dieses väterliche Ideal übt allerdings auch Druck auf den Sohn aus, Krause, so kann man sagen, fährt im Schatten des Vaters, des großen Chauffeurs. Dieser väterliche Druck nun, ist auch in der Biografie Niccolò Paganinis zu vorzufinden. Paganini ist bereits von frühster Kindheit an und in aller Strenge von seinem Vater unterrichtet worden, der ihn zum stundenlangen Üben zwang. War der Sohn nicht fleißig genug, bekam er nichts zu essen. Egal ob nun Vorbild (bei Krause) oder Tyrann (bei Paganini), hier wie dort spielte der Druck, der von dem Vater ausgeht, eine entscheidende Rolle.

Fazit

Theres Essmann erzählt leicht verständlich in einfachen Sätzen. Dass die Autorin hier eher auf die - durchaus interessante - Komposition ihrer Geschichte als auf eine sprachliche Virtuosität setzt, ist schade. Etwas Musikalität in der Ausführung hätte dem Ganzen einen letzten Schliff gegeben, und das Paganini Thema auf andere, vielleicht noch passendere Weise, aufgefangen. Die uns hier gebotene Komposition jedoch, ist durchaus gelungen und weist eine Vielzahl an parabolischen Elementen auf. Nicht zuletzt zeugt die Novelle "Federico Temperini" auf wunderbare Weise davon, wie Kulturgüter als Vermittler auch immer etwas tröstendes haben können.


Theres Essmann - Federico Temperini; Klöpfer, Narr, 2020; 164 Seiten, 18 Euro


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