100. Geburtstag Friedrich Dürrenmatt: Welten erdenken, gegen die Welt

Am 5. Januar 2021 wäre der Schriftsteller Friedrich Dürrenmatt 100 Jahre alt geworden. Ein Autor, der vielen zum ersten mal innerhalb des Schulunterrichtes als Pflichtlektüre begegnete, vielleicht aufgezwungen wurde. Und in der Tat, Begriffe wie Pflicht und Zwang lagen dem Autor Dürrenmatt nicht allzu fern.

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Foto: Metzger, Jack - ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Wikipedia Die Schweizer Schriftsteller Friedrich Dürrenmatt und Max Frisch beim Gespräch in der Kronenhalle in Zürich.

 

Etwas böswillig könnte man sagen, dass den Werken des Autors Friedrich Dürrenmatt die Schule nicht erspart geblieben ist. Hört man heut den Namen des großen Schweizer Schriftstellers, so folgen, stakkatoartig aufgesagt, Titel wie "Besuch der alten Dame", "Die Panne" oder "Die Physiker". Bis in die späten achtziger Jahre hinein, waren die Werke Friedrich Dürrenmatts Pflichtlektüre an deutschen Gymnasien. Gewiss drang Dürrenmatts literarisch aufgearbeiteter Weltzweifel auf diese Weise in die ein oder andere jugendliche Seele. Ebenso sicher ist aber, dass er in vielen Fällen als aufgezwungen und verkompliziert zur Seite geschoben wurde.

Nicht nur in der Schule feierte der 1921 in der Emmenthaler Gemeinde Stalden geborene Autor große Erfolge. Seine Dramen begeisterten Menschen weltweit, sein Werk galt als fester Bestandteil des literarischen Kanons. Das beste Drama nach 1945, sagte sein Freund und Kontrahent Max Frisch einmal, sei "Der Besuch der alten Dame" von Friedrich Dürrenmatt. Eine Aussage, die der Literaturkritiker Marcel Reich Ranicki als einzigartig bezeichnete, der (vor allem) von den Dramen des Schweizers überzeugt war. Zerfressene, zweifelnde und sich mehr oder minder an ihren existenziellen Abgründen entlang bewegende Figuren stehen im Mittelpunkt dieser Stücke: Eine von Rachelust überkommende alte Dame, drei verrückte (?) Physiker, Richter und Henker in diversen Konstellationen. Hinter nahezu all diesen Geschichten steht die Machtfrage. Wie sich positionieren, wie handeln, im Angesicht einer apokalyptischen Welt?

Die Welt ist ein Bordell

Das Fundament hierfür legte, wie bei allen Nachkriegsautoren, die Erfahrung des Zweiten Weltkrieges. Als Schweizer erfuhr Dürrenmatt diesen aus der Perspektive eines Landes, welches in der Defensiven verharrte. Während der Krieg bereits tobte, erstarrte die Schweiz aus Angst vor dem Einmarsch der Nationalsozialisten. Aus dieser Defensive heraus, greift Dürrenmatt zu Stift und Papier, gewissermaßen, um sich jedenfalls im nachhinein (endlich) in irgendeiner Weise schuldig zu machen. "Die Welt machte mich zu einer Hure, nun mache ich sie zu einem Bordell."

Ostsee-Urlaub auf Usedom


Später, in seinem "Stoffe"-Projekt, welches die Art und Weise der Themenfindung und Bearbeitung literarisch versucht nachzuvollziehen, stellt Dürrenmatt den Punkt des Verschontseins noch einmal deutlich heraus: "Diese Groteske des Verschontseins stellte mich endlich vor eine Aufgabe: die Welt, die ich nicht zu erleben vermochte, wenigstens zu erdenken, der Welt Welten entgegenzusetzen."

Diese Welt reicht nicht

Hier wird deutlich, welch einschneidende und - warum nicht - lebensnotwendige Bedeutung das Schriftstellerische für den Autor Dürrenmatt hatte. An einer Welt zu werkeln, sie umzudenken, umzudichten, sich ihr mit aller Entschiedenheit entgegenzustellen und sich ihr so zu widersetzen - das war Ziel seines Schreibens. Diese Dissidenz zog sich durch alle Bereiche seines Lebens. In dieser ihm gegebenen Welt, erschien Dürrenmatt, gerade in seinen späten Jahren, zunehmend behäbig; rauchte eine Zigarre nach der anderen, trank täglich literweise Wein, aß ausladend und dekadent, später nur von seinem Diabetes im Zaum gehalten. Ein Schriftsteller, der konsequent und unbedingt denkt, und währenddessen, so hat man den Eindruck, mit Anlauf auf ein möglichst frühes Lebensende zustürmt. Das Leben auf dieser Welt war nur in der Abfolge ihrer Genüssen zu ertragen. Die Welt als ganze aber, reichte ihm nicht.

Drang zur Umgestaltung

Dieser innere Drang zur Umgestaltung der wahrnehmbaren Welt begründet auch Dürrenmatts Neigung zur Malerei. Auch hier ist die Unbedingtheit, mit der er sein literarisches Werk ausführte, wiederzufinden. So heißt es in einem Brief, den er 1941 an seinen Vater schrieb: „Es handelt sich nicht darum zu entscheiden, ob ich ein ausübender Künstler werde oder nicht, denn da wird nicht entschieden, sondern das wird man aus Notwendigkeit ..." In Dürrenmatts Bildern finden sich oft mythologisch-religiöse Themen, Szenen, die in gewisser Weise auf eine Frage zusteuern, die geschrieben so klang: "... wozu Mensch überhaupt?"

Der Mensch ist ein furchtbarer Zufall. Die Natur, so schreibt Dürrenmatt, "wird die Dummheit, Primaten zu schaffen, kaum wiederholen". Vom Urknall bis zum sich selbst bewusst wahrnehmenden Subjekt - diese Welt ist so unwahrscheinlich, dass sie von einem Künstler erdacht worden sein könnte. Hier setzt Dürrenmatt an. Wenn alles Zufall ist, war und ist alles möglich. So setzt er der Wirklichkeit die ständige Möglichkeit entgegen, wertet die selbst erdachten, möglichen Welten auf, um sie auf eine Stufe mit der wirklichen Welt zu setzen.

Vielleicht ist es möglich, von dem Drang, unter dem Dürrenmatt andere Welten erschaffen musste, eine moralische Pflicht abzuleiten. Vielleicht können wir aus dem Werk dieses Autors gerade heute lernen, dass Veränderungen auch fernab der uns pausenlos aufoktroyierten Angebote möglich sein können. Eine andere Welt zu denken, ist jedenfalls ein erster notwendiger Schritt. Der Wirklichkeit Möglichkeiten entgegenstellen.


 

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