Gemälde werden abgehängt, Kunstwerke zensiert und zerstört. Museen und Künstler sind derzeit gleichermaßen bedroht: Ein neuer Kulturkampf entflammt unter der nicht ganz so neuen Frage: "Was darf die Kunst?"
Der künstlersiche Raum galt lange Zeit als ein rechtsfreier Raum. Produzent und Betrachter konnten sich hier in einer offenen (weil unkonkreten) Sprache über individuelle, vielleicht ungewöhnliche Weltanschauungen verständigen. Dieser "künstlerische Freiraum" bot die Möglichkeit zum Gegenentwurf, dessen Entwerfen nicht selten damit einherging, jene verdunkelten Ecken auszuleuchten, die man im Alltäglichen vielleicht allzu schnell übersah. Die Kunst provozierte durch das bewusste Überschreiten gewisser Grenzen, die man sonst gefälligst einzuhalten hatte: ein Freiraum also, der alles zuzulassen schien und eben dadurch so attraktiv wirkte. Diese Vorstellung der Freiheit - die in Wirklichkeit niemals Freiheit war, und immer nur Vorstellung blieb - wird nun erneut in aller Deutlichkeit Beschnitten. Auf welch´ eine Weise dies vor sich geht, und welche Beweggründe diesen Entwicklungen zugrunde liegen, darum geht es in Hanno Rauterbergs "Wie frei ist die Kunst? Der neue Kulturkampf und die Krise des Liberalismus".
Die "Unguten Gefühle"
Einer der zentralen Begriffe in Rauterbergs Analyse lautet dabei: "Affektgesellschaft". In der Digitalmoderne gewinnen die Affekte, von denen das Subjekt unter anderem geleitet wird, dadurch einen höheren Stellenwert, dass sie auf schnellerem Wege in die Öffentlichkeit gelangen können, als dies in anderen Gesellschaften zuvor der Fall gewesen war. Ängste, Verletzbarkeit und allgemein "ungute Gefühle" machen einen prägenden Teil unserer Persönlichkeit aus. Während diese "unguten Gefühle" bisher weitestgehend im Verborgenen gefühlt wurden, bzw. werden mussten, ist es in der Digitalmoderne möglich, sie per Mausklick der Öffentlichkeit preis zu geben ("Klicktivismus"). Diese Art der persönlichen Darstellung geht meist damit einher, öffentlich anzuklagen, was eben jene Gefühle affizierte. Insbesondere spielt hierbei der Begriff der Authentizität eine wichtige Rolle. Nur das "wahrhaft Empfundene" klingt an, und "als besonders geeigneter Authentizitätsbeleg erweisen sich [...] Emotionen von unabweisbarer Dringlichkeit, insbesondere Angst- und Verletzungsgefühle". Bereits in vielen Kunstwerken der Moderne gehorchte die Form dem Gefühl, um so die Subjektivität der Künstler*innen in den Vordergrund zu stellen. In der Digitalmoderne ist dieses "Künstlerverlangen" - unter den sich verändernden Selbstdarstellungs-Modalitäten - nun zu einem allgemeinen Bedürfnis geworden. Und nicht selten sind es ausgerechnet Kunstwerke, die auf viele Menschen verletzend, "unangebracht", oder in ihrer Präsens schlichtweg antiquiert wirken, und daher zunehmend angegriffen werden. Hier wird von einer moralischen Ebene aus versucht, die Ästhetische zu begrenzen. Häufig mit Erfolg. Die Problematiken, die dieses Aufeinandertreffen zwangsläufig entstehen lässt, werden im Laufe des Essays beleuchtet.
Beispiele der Intervention
Eines der wichtigsten und am häufigsten verwendeten Werkzeuge im "Kampf um die Sittlichkeit" ist die Petition. Die Unterschreibenden versammeln sich hier als Oppositions-Minderheit, um ihr Unbehagen gegenüber einer Mehrheit zum Ausdruck zu bringen. Ein erstaunlicher Paradigmenwechsel: Denn die zu bekämpfende Mehrheit sind nun ausgerechnet die Künstler*innen geworden, die ihrerseits lange als gegen die Regeln der gesellschaftlichen Mehrheit ankämpfende Minderheit begriffen wurden. Um die mannigfaltigen Ebenen zu verdeutlichen, die mit dieser Verschiebung im Zusammenhang stehen, führt Hanno Rauterberg unterschiedliche Beispiele der Kunstzensur an. Da wäre der Fall Dana Schutz, der Aufsehen erregte, da sich hier eine weiße Künstlerin einem Sujet bediente (die Darstellung eines von weißen ermordeten, schwarzen Kindes), welches, so die Kritiker*innen, nicht ihr gehöre. Ein weiteres Beispiel sind die 2017 an der Alice Salomon Hochschule in Berlin laut gewordenen Proteste, die sich auf die Entfernung/ - Ersetzung eines Gedichtes des Lyrikers Eugen Domringer bezogen, welches die Südfassade der Hochschule schmückte. In dem offenen Brief der drei Studentinnen hieß es: "Dieses Gedicht reproduziert nicht nur eine klassische patriarchale Kunsttradition, in der Frauen* ausschließlich die schönen Musen sind, die männliche Künstler zu kreativen Taten inspirieren, es erinnert zudem unangenehm an sexuelle Belästigung, der Frauen* alltäglich ausgesetzt sind."
Aushalten
Man ahnt die Komplexität dieses neuen Kulturkampfes, der der Frage: "Was darf die Kunst" mit Nachdruck die Frage: "Was darf der Künstler" an die Seite stellt. Existiert eine Art "Narrenfreiheit" im kulturellen Bereich, und wie wäre diese gegenwärtig zu definieren? Welche gesellschaftlich gesetzten Grenzen dürfen in der künstlerischen Auseinandersetzung überschritten werden? Die Narrative der Moderne jedenfalls, und dies wird im Essay noch einmal deutlich, tragen nicht mehr so bedenkenlos, wie sie es einmal taten. Albert Camus formulierte in einem 1957 gehaltenen Vortrag im Bezug auf den "Künstler in seiner Zeit" die Sätze: "Heute schaffen heißt gefährlich schaffen. Jede Veröffentlichung ist eine Tat, und diese Tat setzt uns den Leidenschaften eines Jahrhunderts aus, das keine Vergebung kennt." In dieser Hinsicht sind die gegenwärtigen, öffentlichen Diskurse, die Themen wie Sexismus (#MeToo) und Rassismus (#MeTwo) als unsere alltäglichen Begleiter offenbaren, auch ein Hinweis darauf, wie notwendig die stetige Selbstprüfung und die daraus resultierende Haltung uns selbst gegenüber ist. Da seit 1957 nämlich nichts einfacher, die Dinge im Gegenteil wesentlich vielschichtiger und unübersichtlicher geworden sind, ist es umso wichtiger sich diesen zuzuwenden und den Diskurs auszuhalten. Ansonsten besteht immer die Gefahr, allzu sehnsüchtig in den Rückspiegel zu schauen.
Hanno Rauterber: Wie frei ist die Kunst? Der neue Kulturkampf und die Krise des Liberalismus. Suhrkamp Verlag, Berlin, 2018; 141 S., 14€
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