"Meine Homère ist tot..." ist ein Buch über das Verschwinden. Damit ist nicht nur das Verschwinden der Mutter gemeint, deren Körper die Welt verlässt, sondern ebenso sehr das Verschwinden der Worte, die notwendig wären, um diesen Verlust zu beschreiben. Die Schriftstellerin Hélène Cixous versucht in ihrem Buch jeden noch so kleinen sprachlichen Rest festzuhalten und niederzuschreiben. Das Ergebnis ist überwältigend.
Ein Text der leise Abschied nimmt...
Nichts an diesem Buch ist einfach. Die Mutter - „mère“ - ist hier nicht einfach Mutter, sondern zugleich auch Grundlage und Voraussetzung des Erzählens, wie bereits der Titel des Buches - "Meine Homère ist tot..." - deutlich macht. "Homère“, so wird der griechische Epiker Homer auf Französisch genannt. Und was Hélène Cixous uns in ihrem Leidens-Tagebuch offenbart, ist tatsächlich eine Odyssee, die irgendwo zwischen Leben und Tod beginnt, auf einem Meer des Erzählens, der Erzählversuche.
Die 1937 in Algerien geborene Schriftstellerin Hélène Cixous ist seit jeher eng mit ihrer Mutter Eve verbunden. Als ihre letzte Krankheitsphase anbricht, ist die Mutter 103 Jahre alt. Cixous steht (oder besser: sitzt) ihr bei, zieht zu ihr, pflegt sie und beginnt zu schreiben. Sie protokolliert seltsame Szenen, komsiche und tragische Momente, die immer wieder von Kindheitserinnerungen und Ausflügen in die Vergangenheit unterbrochen und erweitert werden. Es sind dies auch sprachliche Entlastungen, denn die unmittelbaren Umstände verwehren den Worten oft den Zutritt. Sie reichen nicht aus. Es ist die letzte Reise einer selbstbestimmten Frau, deren Körper von der Krankheit regelrecht befallen wird. Insgesamt drei Jahre lang begleitete Hélène Cixous diesen Zerfall, der schließlich mit dem Tod endet.
Die Sprache als Umarmung
Der Körper der 103-jährigen Eve ist mit Blutnarben, Blasen und Wunden überseht. Berührungen erträgt sie nicht mehr. Wörter müssen die sanften Berührungen, die Umarmungen ersetzen, Sätze den zerfallenden Körper umhüllen. Und so hat man während der Lektüre (Claudia Simma hat hier überragene Übersetzungarbeit geleistet) das Gefühl, so nahe an der Mutter zu sein, wie die Tochter es selbst ist. Man bewegt sich, gemeinsam mit den Umschreibungsversuchen, sachte fort, tastet ab. Kommt er der - aufgrund ihrer Krankheit hochempfindlichen - Mutter dabei zu nahe, scheint der Text aufzuschrecken, zu fliehen, sich in vergangene Kindheitserinnerungen zurückziehen. Hochempfindlich wie die Mutter selbst, sind die phonetischen, philosophischen Einlagen; der selbst immer zu zerfallen droht.
Ihre Odyssee sei ein Zementtunnel, schreibt Hélène Cixous. Ihr in dieses Tunnelsystem hinein zu folgen gleicht zeitweise einer Tortur, doch gerade dies spricht für die Qualität des Textes, der hier lebendig aufspielt und dort wieder im Sterben liegt. Dessen Weg die Zeit ist, die für einen solchen Abschied niemals genügt.
Hélène Cixous: Meine Homère ist tot...; Passagen Verlag, Wien 2019, 208 Seiten, 25,60 Euro
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