Der französische Autor Michel Houellebeq provoziert und polarisiert immer wieder mit seinen Aussagen in seinen Büchern. Mit "Ein bisschen schlechter: Neue Interventionen" erscheint nun sein neuer Essayband auf deutsch. Foto: Fronteiras do Pensamento - Michel Houellebecq / Wikipedia

Michel Houellebecq - Interventions 2020 Ein Autor der Neuen Rechten?

Am dritten Dezember erscheint Michel Houellebecqs neuer Essayband "Interventions 2020" unter dem Titel "Ein bisschen schlechter: Neue Interventionen" auf deutsch. Der Band versammelt Zeitungsartikel, Vorworte und Interviewäußerungen, mit denen der umstrittene Bestsellerautor die letzten Jahrzehnte immer wieder aneckte. Doch auch nicht veröffentlichte Texte sind dabei. Mit dieser Veröffentlichung will sich Houellebecq zugleich aus der Öffentlichkeit zurückziehen. Hier galt er in den letzten Jahren verstärkt als ein Autor, der der Neuen Rechten Antriebsstoffe liefert.

 

Michel Houellebecq ist nach wie vor ein Stachel im Fleisch all jener, die sich unter Demokratie die Praxis des Streites und des Diskurses fernab jeglicher Unannehmlichkeiten vorstellen. Immer wieder fiel der französische Skandal- und Bestsellerautor mit Äußerungen und Bemerkungen auf, die, so sind seine Kritiker zunehmend überzeugt, Sprit in die Feuer der Neuen Rechten Lager kippten. Seinen Höhepunkt fand diese literarische Skandalkarriere wohl im Jahre 2015 mit dem Buch "Unterwerfung", in dem Houellebecq die "Islamisierung" des Westens literarisch verarbeitete. Auch der im letzten Jahr erschienene Roman "Serotonin" wurde hinsichtlich der Beschönigung misogyner Gedanken heftig diskutiert. Andererseits erkannten einige französische Zeitungen in diesem Roman prophetische Züge: Houellebecq hätte hier die "gilets jaunes", die Gelbwestenbewegung, vorhergesagt, hieß es etwa. Düsterer Prophet oder reiner Provokateur? Houellebecq spaltet das Publikum und ist nicht auf eine einfache Formel herunterzubrechen. Eben das macht ihn als Aut0r so ungeheuer interessant.

Tief im Rechten Lager?

Übereuphorisch könnte man gewiss schnell behaupten: Die Themen, mit denen sich Houellebecq im Laufe seiner Karriere beschäftigte, die ihn umtrieben, haben sich stark verändert. Mit einem etwas kritischeren Blick könnte man jedoch genau so gut sagen: Die gesellschaftliche Reizbarkeit, die politischen Narrative auf linker wie auf rechter Seite, die Art des Politisierens bestimmter Themenkomplexe, die Öffentlichkeitsarbeit der Parteien haben sich stark verändert - und Houellebecq ist ein Autor, der, ganz der Alte, auf diese neuartigen Phänomene lediglich reagiert. Prangerte er damals den Liberalismus an, feuert er heut verstärkt gegen ein Europa, in dem es, so ist der Autor überzeugt, keine gemeinsame Sprache, keine gemeinsamen Werte und kein geteiltes Interesse gibt.

Dass Menschen, die in Frankreich vor Jahren einmal mit absoluter Selbstverständlichkeit Links wählten, heut den Front National wählen, hatte bereits Didier Eribon in seinem Buch "Rückkehr nach Reims" genauer analysiert. Die selben gesellschaftskritische Tendenzen - und Houellebecq tendierte und tendiert stets zur Gesellschaftskritik - finden ihren Wiederhall in einem völlig konträren Wahlverhalten. Tatsache ist, dass nicht die Unzufriedenheit aus all diesen Menschen Neue Rechte gemacht hat, sondern, dass die Neue Rechte die Unzufriedenheiten all dieser Menschen besser auszuschlachten versteht. Anders gesagt: Michel Houellebecq wäre ohne die Öffentlichkeits-Bemühungen der Neuen Rechen, die es - auch in Deutschland - tatsächlich geschafft hat, eine bestimmte Art von Kritiker*in sogleich als Vertreter ihres eigenen Lagers erscheinen zu lassen, weitaus weniger Neurechts. Das heißt selbstverständlich nicht, dass man die Äußerungen des Skandalautors ohne weiteres hinnehmen sollte. Man sollte sie nur nicht vorschnell etikettieren und damit entschärfen. Wir müssen trotz Dauererregung literarisch erregbar bleiben, und das auch im analytischen Sinne.

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Donald Trump, ein guter Präsident

Was also dachte und denkt dieser Autor, womit haben wir es hier zu tun, wogegen oder wofür müssen wir uns positionieren? Da ist eine Äußerung aus dem Frühjahr 2019, die für große Empörung sorgte. Houellebecq schreibt in der amerikanischen Monatszeitschrift Harpers´s Magazine: "Donald Trump ist ein guter Präsident." Trump, so Houellebecq, spricht sich, ebenso wie er selbst, gegen die europäische Konstruktion aus, die nicht als Grundstein einer möglichen Demokratie geeignet sei. Der Präsident sehe im freien Welthandel nicht das Maß aller Dinge, konzentriere sich eher auf sein eigenes Land und sei stets darum bemüht, für die Interessen der USA einzustehen. Auffällig ist, dass Houellebecq Trump für all das lobt, was er mit ihm gemeinsam hat: Scheinbar krankhafte Fixierung auf die eigene Person; der Schriftsteller schreibt, der Präsident "führt" egoman. Doch wo Houellebecq aufgrund dieser Egomanie mit seinen Aussagen lediglich Kritiker erzürnt, setzt Donald Trump Menschenleben aufs Spiel.

Auch als Gegner der Sterbehilfe ist Michel Houellebecq in Erscheinung getreten. In einen Text über den Wachkoma-Patienten Vincent Lambert, der nach einem langjährigen Prozess im Juli 2019 durch einem vom Gericht verordneten Behandlungsstop starb, schreibt Houellebecq: "Niemand kennt die Gedanken, die sich in ihrem Gehirn bilden. Sie wechseln zwischen Wachheit und Schlaf, aber niemand weiß, ob sie Träume haben; und ein Leben aus Träumen verdient es in meinen Augen, gelebt zu werden.". Die Sterbehilfe ist für den Skandalautor nur ein weiterer Schritt hin zu einer Welt, die das Unerwünschte und Schwere, das Schreckliche ausblendet und entfernt.

Zwiespältig und unfasslich

Wie sollte man also mit diesem, sich selbst als konservativ bezeichnenden, Autor umgehen? Wie ist er zu fassen? Houellebecq spricht in seinem neuen Essayband davon, dass er selbst ebenso zwiespältig sei, wie es seine Romanfiguren sind. Und gerade hier wird es - mit Blick auf den Anfang dieses Beitrags - schwierig. Geäußerte Meinungen sofort in die linke oder rechte Ecken zu stellen, ist mit Sicherheit ungenügend. Seine eigenen Äußerungen damit zu rechtfertigen, dass man selbst eine zwiespältige Persönlichkeit ist, allerdings auch. Michel Houellebecq, der sich nach eigener Aussage mit "Interventions 2020" aus den öffentlichen Debatten zurückziehen will, erscheint auch in diesem Buch als etwas, was immer seltener in Erscheinung tritt: Eine Konstante, an der man sich abarbeiten kann; ein Gegenspieler, der als konträre Figur im besten Fall dazu zwingt, die eigenen Überzeugungen zu überprüfen und so den Blick zu schärfen.

Der Essayband "Interventions 2020" erscheint unter dem Titel "Ein bisschen schlechter. Neue Interventionen" am dritten Dezember bei dem Kölner Verlag "Dumont" auf deutsch.


Michel Houellebecq, Ein bisschen schlechter. Neue Interventionen, Dumont Verlag, 2020, 200 Seiten, 23,00 Euro

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