Bewahren, vergessen, verlieren. Die vergebliche Suche spielt auch in dem jüngsten Roman des Literaturnobelpreisträgers Patrick Modiano die zentrale Rolle. Foto: Hanser Verlag

Einer, der das Verschwinden begehrt

Der Roman "Unsichtbare Tinte" des französischen Autors und Literaturnobelpreisträgers Patrick Modiano steht in diesem Monat auf Platz 1 der SWR Bestenliste. Ein Buch, welches zeigt, dass letztlich nichts vollends zu bewahren ist; zugleich jedoch daran erinnert, dass es Lust im Verlust gibt.

 

Auch das jüngste Werk des Literaturnobelpreisträgers Patrick Modiano, zielt auf die schreckliche Schönheit des Verschwundenen. Die in die Erinnerung verfrachtete Abwesenheit ist ein Thema, welches Modiano nun bereits über 20 Jahre umtreibt. Eine zentrale Rolle spielt dabei immer wieder das verschwundene, verwandelte Paris seiner Kindheit. Ein stetiger, tagtäglich vor Augen geführter Verweis auf die Vergänglichkeit. In "Unsichtbare Tinte" wird diese Stelle von einer jungen Frau Namens Noelle Lefebvre besetzt, der der Ich-Erzähler - Jean Eyben - vor 40 Jahren auf der Spur war. Nun erinnert er sich zurück, und schreibt seine Suche nieder.

Auch das ist üblich bei Modiano: Es gibt nur wenig Anhaltpunkte, die auf die Existenz der jungen Frau verweisen. Dass diese Suche eine Suche ins Blaue hinein werden wird, erfahren wir bereits im Auftakt des Romans, im ersten Satz, der lautet: "Es gibt Leerstellen in diesem Leben, Leerstellen, die man errät, sobald man das "Dossiert" aufschlägt: ein schlichtes Karteiblatt in einer himmelblauen Mappe, ausgebleicht mit der Zeit"

Verschwinden und Bewahren

Die in seinen Notizen nachempfundene Suche, wird auch für uns Lesende zu einem Vexierspiel. Wir erfahren, wie der Ich-Erzähler Eyben Freunde, Bekannte, den vermeidlichen Ehemann der Suchenden trifft, um sich ein genaueres Bild ihrer Existenz zu machen. Immer wieder vergeblich. Unzählige Fäden werden uns hier an die Hand gegeben, keinen können wir länger verfolgen. Was anhand dieser unzähligen Anfänge früher oder später doch deutlich wird, ist, dass es biografische Überschneidungen zwischen dem Suchenden (Eyben) und seinem Ziel (Lefebvre) gibt. Diese vermeidliche Übereinstimmung, diese sich aus zwei Leben ergebene Nähe allerdings, ist wenig überraschend für den, der das Vorwort dieses Romans - ein Zitat Maurice Blanchots - genauer gelesen hat. Dort heißt es: "Wer sich erinnern will, muss sich dem Vergessen anheimgeben, dieser Gefahr, die vollkommenes Vergessen ist, und diesem schönen Zufall, denn aus ihm wird Erinnerung."

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Die Suche schließt stets die Möglichkeit mit ein, selbst zu verschwinden; zu verschwinden, um gesucht zu werden. Hier wird Modianos existenzielles Grundthema ein weiteres Mal unterstrichen: Wem daran gelegen ist, etwas zu bewahren, sieht sich in diesem seinen Versuch unmittelbar mit dem konfrontiert, was verschwunden ist oder sein wird. Es gibt in diesem Sinne streng genommen keinen Besitz; höchstens die Absicht, zu besitzen. Diese aber, einmal in den Kopf gesetzt, führt uns all die Verluste vor Augen, die uns - oft nur schlummernd - begleiten. Das Fundament unseres Alltags ist wage, brüchig und voller Gefahren.

So mannigfaltig wie die Ansätze sind, denen Modianos Ich-Erzähler hier nachgeht, um sich ein genaueres Bild der verschwundenen Noelle Lefebvre zu machen, so mannigfaltig sind ist auch der Zugang zu diesem Roman. Sicher könnte man hier, auch auf politischer Ebene, auf den Konservativismus zielen, deren Grundterm es schließlich ist, zu bewahren. Die sich am ehesten aufdrängende - und also alltäglichste - Lesart wäre die existenzielle, die mit Nachdruck auf die Verluste aufmerksam macht, die uns allen in stärkerer oder schwächerer Form bekannt sind. Darüber hinaus aber, wäre auch ein psychoanalytischer Zugang, in Bezug auf Jacques Lacan, möglich. Demnach ist es das Begehren, das begehrte Objekt (in diesem Fall Lefebvre), was unseren Alltag strukturiert. und passiert nicht genau dies in diesem Roman? Hat nicht der vergebliche Versuch, etwas festzuhalten, dieses Buch geschrieben?


Patrick Modiani, "Unsichtbare Tinte"; Hanser, 2021, 144 Seiten, 19 Euro

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