Annie Ernaux - Die Scham Die Sprache entspringt der Todesnähe

Annie Ernaux zählt zu den einflussreichsten und prägendsten französischen Autorinnen der Gegenwart. Nachdem Bücher wie Die Jahre, Der Platz und Erinnerungen eines Mädchens auch hierzulande große Erfolge gefeiert haben, liegt nun endlich ein weiterer autobiografischer Komplex in deutscher Übersetzung vor: Die Scham

Buch
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  	  	Literatur
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  	  	Redaktionelle Empfehlung
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  	  	Annie Ernaux
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  	  	Suhrkamp Verlag
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  	  	Rezension
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  	  	Frankreich
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  	  	Lesetipp
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  	  	Die Scham
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  	  	ISBN 978-3518225172
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  	  	Die Jahre
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  	  	Erinnerungen eines Mädchens
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  	  	Sprache
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  	  	Autobiografisch
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  	  	Buchempfehlung
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  	  	Roman
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  	  	Reflexion
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  	  	Lesen
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Foto: Suhrkamp Verlag Zweieinhalb Jahrzehnte nach der Erstveröffentlichung erscheint Annie Ernaux´"Die Scham" endlich auf Deutsch.

„Das große Gedächtnis der Scham ist sehr viel klarer und erbarmungsloser als jedes andere. Es ist im Grund die besondere Gabe der Scham.“, stellt Annie Ernaux in ihrem Buch Erinnerungen eines Mädchens fest, welches rund 20 Jahre nach Die Scham erschienen ist. Ernaux, die als beispielslose Ethnologin ihrer selbst gilt, hat die Gräben innerhalb ihrer eigenen Biografie zum Material ihres Schreibens gemacht. Im Grunde, so könnte man einwerfen, tuen das alle guten SchriftstellerInnen; doch selten tun sie es so schonungslos, klar und prägnant wie diese Autorin. Die Scham, bereits 1997 in Frankreich erschienen, liegt nun endlich in deutscher Übersetzung vor. Und wieder raubt die stilistische Brillanz, mit der Annie Ernaux dieses Bruchstück ihrer Biografie nachzuempfinden versucht, den Leserinnen und Lesern den Atem.

 

Der Mordversuch

Die kleine Annie war keine zwölf Jahre alt, als sie mit ansehen musste, wie ihr Vater versuchte ihre Mutter umzubringen. Der stets der Mutter unterlegende Vater erhob das Beil, drohte zuzuschlagen, ließ aber davon ab. Es blieb bei der schrecklichen Geste; einer Geste, die sich tief ins Bewusstsein jener Schriftstellerin einbrannte, die erst Jahrzehnte später zum Stift greifen wird, um sich dieser zu stellen. Beinahe ein halbes Jahrhundert also, wütete die Erinnerung, das Bild des drohenden Vaters, der Moment seines Mordversuches, der "Akt des Wahnsinns" als schmerzliche Momentaufnahme flackernd und halb bewusst hinter der Tätigkeit des Schreibens. Tatsächlich dahinter, denn an einer Stelle ihres Buches äußert die Autorin den Verdacht, dass es dieser Augenblick im Angesicht des Todes war, der sie stets zum Schreiben bewegte.

Es ist ein einfaches Foto, dessen Betrachtung jene lang vergangene und doch niemals ruhende Szene mit aller Brutalität ins Bewusstsein befördert. Und so beginnt Annie Ernaux ihre archäologische Schreibarbeit, beginnt zu graben: Milieu-Studien, Schule, Familie, Herkunft, sozialer Umgang, Sprache. Sie durchleuchtet gewissermaßen die 1950er Jahre, und zieht den Kreis um jenen väterlichen Gewaltakt immer enger. Es sind soziale Riten, „in denen ich gefangen war und die, ohne dass ich mir ihrer Widersprüche bewusst gewesen wäre, mein Leben beherrschten“.

Die Verhältnisse formten das Schreiben

Annie Ernaux wuchs unter einfachen Umständen auf. Sie beschreibt den Alltag in der Familie, das Resteessen, den Garten, die stumme Enge. Wie wichtig doch das Kriterium "Höflichkeit" war, wie groß die Befürchtung, die Nachbarn denken schlecht über einem. "Was sollen die Leute von uns denken". Immer wieder versucht die Familie aufzusteigen, ihren Lebensstandard zu verbessern, "aufzusteigen". Und immer wieder scheitert sie dabei und fällt umso tiefer.

Ostsee-Urlaub auf Usedom


Jene Einfachheit, unter und mit der die Familien ihren Nachwuchs erzogen, prägte, so Ernaux, maßgeblich ihr literarisches Schaffen. Doch freilich reichen Umstände allein oft nicht aus, um zum Stift zu greifen. Es braucht einen externen Initiator. Ernaux verlässt die Provinz, studiert und taucht in akademische und intellektuelle Kreise ein. Und genau hier, in der Verzahnung von provinzieller Herkunft und akademischen Kontext, beginnt die titelgebende Scham zu wirken. Ernaux schämt sich allerdings nicht nur ihrer Herkunft. Sie schämt sich darüber hinaus, sich ihrer Herkunft zu schämen. Sie schämt sich ihrer Gefühle, mit denen sie zurück auf die gescheiterten Aufstiegsversuche ihrer Eltern blickt, und vermutet hinter ihren Empfindungen eine Art Verrat an die eigene Herkunft.

Fast scheint es dabei so, als sei die Scham - so undefinierbar diese in Ernaux selbstreflexiven Ausführungen auch zu seien scheint - das notwendige Mittel, um Vergangenheit und Gegenwart, Provinz und Intellektualität zu verbinden. Denn kaum tritt die erste - die einfache und vielleicht provinzielle - Scham auf, kann sie nicht lang bestehen, ohne mit einer nächsten - der reflexiven und vielleicht intellektuellen - Scham zu kommunizieren. Und so führt uns auch Die Scham in ein Laboratorium der Selbstbefragung, in dem nichts sicher, aber alles wissens- und lesenswert ist.


Annie Ernaux, Die Scham; Suhrkamp Verlag, 2020, 111 Seiten, 18 Euro

 

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