Unter Wasser Unter Wasser 3

Vorlesen
- 3 Seiten -

Man kann sagen, dass sich das Erlernen des Schwimmens - ein für den Sohn auf ewig mit Panik und Überlebenskampf verbundenes, traumatisches Erlebnis - in stufenartigen Schüben ereignet. Kaskadenartig also. Ebenso wie das Kind kurzzeitig auftaucht und nach Luft schnappt, nur um anschließend wieder, vollkommen entkräftet, unterzutauchen, ebenso verarbeitete ich in diesen Tagen den Satz „Der Körper ist ja politisch“ stufenweise. Und es kann gesagt werden, dass diese kaskadenartige Verarbeitung der Sätze, die all die mich beinahe ertrinken lassenden Unbekannten mir gegenüber geäußert haben, dass sich diese Verarbeitung nirgends so gut verbildlicht wiederfand, wie in dem Bild des In-Den-U-Bahn-Schacht-Hinabsteigens. 3 Monate lang habe ich versucht, in ihren Sätzen das Schwimmen zu erlernen. Beinahe gelang es mir nicht. Es muss gesagt werden, dass ich beinahe gestorben wäre, in den U-Bahn-Schächten. 3 Monate lang todesangst, immer wieder. Es muss mir erlaubt sein zu sagen, dass ich mit jeder weiteres U-Bahn-Stufe flüchtig die Wasseroberfläche durchbrach, auftauchte, nur um von den wiederkehrenden Fragen ein weiteres Mal hinuntergestukt zu werden, und dass ich keinen Vater am Ufer wusste, der mir zur Not hätte helfen können, dass mir also in jeder Sekunde vollkommen bewusst gewesen ist, dass ich ertrinken werde, sollte ich es nicht schaffen, die Sätze aus eigener Kraft heraus zu bewältigen und also das Schwimmen zu erlernen. Der Körperpolitologe hatte mich an jenem WG-Abend ins Wasser gestoßen. Und während ich versucht habe, mich in den auf diesem Abend folgenden Monaten an der Wasseroberfläche zu halten, wurde mir immer klarer, dass ich mit Sicherheit nicht der letzte gewesen war, den er, der Körperpolitologe, auf dem Gewissen hat. Ich dachte daran, dass es eventuell tatsächlich bereits Todesopfer gab, Opfer, die im Nachklang des Satzes „Der Körper ist ja politisch“ und im Bewusst-Werden der Schwachsinnigkeit, die von diesem Satz und von dieser Person, und den meisten der auf dieser Person folgenden Personen - in erster Linie vom Großteil der Studierenden - ausging und ausgeht, ertrunken sind, da sie auf Dauer nicht die Kräfte aufbringen konnten, die notwendig gewesen wären, um sich über Wasser zu halten. Immer deutlicher wurde mir schließlich auch, dass jene Zucht der Körperpolitologen selbst nichts von ihrer Gewaltätigkeit wusste. Dass sie ihre Opfer nicht einmal vergessen konnten, da sie sie niemals als Opfer wahrnahmen. Dass sie blind mordeten und morden, und bis heut die Köpfe der tatsächlich an der Politik der Körper und den Fragementen der Welt Interessierten unnachgiebig ins Wasser tauchen, sie ertrinken lassen. Wissen sie darum, wie viel Menschenleben sie möglicherweise auf dem Geiwssen haben?, fragte ich mich in diesen Tagen. Wissen sie darum, dass sie Menschen in den Tod trieben und treiben? Wissen sie um das von ihnen in die Welt getragene Unglück? Ist es ihnen womöglich egal? Mit diesen Fragen brach allabendlich eine ungeheure Einsamkeit über mich herein. Diese Einsamkeit war keine Leere, war nicht das Gefühl des Nicht-Verstanden-Werdens. Es war vielmehr das ewige Ringen um Luft, als Einziger in einem tiefen Tümpel, umzingelt von Körper, die das Schwimmen bereits erlernt hatten. Mit vom Wasser verschwommenem Blick sah ich die ausgestreckten Arme und die spitzen Finger jener, die durchnässt am Ufer sitzend in der Sonne glänzten, tief Luft holend und selbstüberzeugt. Es waren Jene, die überlebt hatten, ohne jemals gewusst zu haben, worum es ging. Sie dachten nicht ans Ertrinken. Sie schwammen gleich nach dem Aufschlag, gleich nach dem Wurf ins Wasser, sie mussten es nicht erlernen, das Schwimmen, sie schnappten nicht nach Luft. Daher ihr Lachen. Das Lachen über die Ertrinkenen, die um ihr Leben kämpfen. Das Lachen aus einer einwandfrei funktionierenden Lunge heraus. Sie teilen nicht, die Lachenden. Sie waren nur zufällig die Stärkeren, und denken sich nun Gesetze aus. Der Ertrinkene blickt strauchelnd und um Hilfe bettelnd in ihre Augen, immer dann, wenn er sekündlich auftaucht, und sie strecken ihre Arme und ihre Zeigefinger aus, und lachen. Die Lautstärker ihres Lachens ist ihre Art der Machdemonstration.

Auch heute wieder, dröhnt dieses Lachen in meinen Ohren. Es ist allgegenwärtig. Ja, auch heut ist wieder ein Tag des Hinabtauchens. Einer der vielen Tage der Wiedererinnerung, an denen ich durchnässt aufwache, und mich in einem, vom jahrelangen im Wasser Dahintreiben, völlig aufgeqollenden Körper wiederfinde. Der halb-ertrunkende Sohn ist zu einem fortan halb-ertrinkenden Menschen geworden, der sich, auf der Wasseroberfläche um sein Leben ringend, fast hilf- und wehrlos den millionen Ertränkenden gegenübersieht. Ständig strauchelt er, der Halb-Ertrunkene, schnappt nach Luft und kämpft um Atem. Und immer wieder kommt ein stumpfer Körperpolitologe oder Poststrukturalist oder Diskursiver, und schmeißt sich - scheinbar aus Spaß - auf den aufgeqollenden Körper, um ihn mit seinem ganzen Gewicht bis auf den Grund des Tümpels hinunterzudrücken. Der Satz „Der Körper ist ja politisch“ vergeht nicht. Auch die unzähligen anderen Sätze vergehen nicht. Man kann sagen: Die Sätze selbst tauchen auf und ab, begleiten mich, kleben an mir, sind eine mir auf den Rücken geschnallte Last geworden. Mit der Stupidität und Stumpfheit dieser Sätze muss man durch die Welt treiben. Mit der Gewissheit, dass die Mörder nicht um ihre Taten wissen, dass sie niemals zur Rechenschaft gezogen werden, dass sie gewissermaßen vor der Selbsterkenntnis geschütz sind. Damit muss man durch die Welt treiben. Niemand wird sie von ihren Gräueltaten abhalten, niemand kommt ihnen in die Quere. Und man muss eines Tages aufschreiben: Es ist genug. Man muss schreiben: Es ist genug. Man muss aufwachen, vor den Spiegel treten, in sein aufgequollendes Gesicht sehen und sagen: Es ist genug. Und wenn auch nur ein einziger Halb-Ertrunnkender an einem sonderbaren Morgen die Kraft findet zu sagen: Es ist genug, dann beginnt mit diesem Halb-Ertrunkenen an jenem Morgen ein Kampf gegen die Stumpfsinnigkeit, beginnt ein künstlerischer Akt, erweckt die Kunst in der Welt. Für einen kurzen Augenblick. Denn es sind – entgegen der landläufigen Meinung – ständig nur die Halb-Ertunkenen, niemals die nur Ertränkenden gewesen, mit denen die Kunst in die Welt kam. Es ist, genauer genommen, der Umschlag vom Verneinen zum Bejahen, die Verwandlung, das Erwachen der jahrelang gequälten und niedergedrückten Natur. Das Auflehnen gegen die Stupidität ALLER Körperpolitologen, ALLER Nacharmenden und sich in dieser Nacharmung sicher Glaubenden, ein Aufschrei, eine Vernichtung des Begriffe-Gestripps, ein Durchtrennen der Sicherungsgurte, ein Zerschlagen der intellektuellen Rückschlüsse, ein freier Fall, ein freiwilligen Tauchen. Schallendes Gelächter tritt an jenem Morgen zutage, ein Gelächter des „Es ist genug“. Es ist wichtig zu sagen, dass nur die jahrelang Halb-Ertrunkenden die Möglichkeit haben, gegen den Stumpfsinn anzukämpfen. Nur jene, die den Grund des Gewässers erfahren haben können sich, sollten sie es bis dort hin schaffen, solidarisch zeigen am Ufer. Nur Jene mit weit aufgerissenen, adrigen Augen. Mann muss sich das Ertrinken schon gewünscht haben, um frei atmen zu können. Nur dann ist man davor geschützt, ins Fahrwasser der Ertränkenden zu geraten. Denn es ist verlockend, das Hinunterstuken. Das stille Morden läd ein. Es ist genug!

Nun streift er diese Sätze ab, schält sie sich von der Haut: „Der Körper ist politisch“ für „Der Körper ist politisch“ schabt er sich frei. Es sind vielleicht noch 2000, 3000 „Der Körper ist ja politisch“, deren Idiotie auf ihm lastet, 2000 bis 3000 bis heut immer wieder von jenem ihm unbekannten rücksichtslos in die Welt getragene Sätze, gegen denen er ankämpfen will, ankämpfen muss.


Gefällt mir
4
 

Weitere Freie Texte

Freie Texte

Stille

Elsa Raiß

Einen Schritt mehr, und noch einen, ein bisschen weniger. Doch dann…. ….Stille. Der Boden wurde mein Freund. Schmerzen? Ich fühle nichts. Ich sehe meine Liebsten, einen Garten voller Blumen und eine Welt, die nicht meine ist. Ich gehe und alles ist frei, so leicht. Ein Gesicht, so fröhlich und freundlich. Keine Worte, nur Zeichen. Ein Lächeln und die Aufforderung, mitzukommen. Ich denke nicht, sondern bewege mich. Fast geschafft. Doch dann… …Stille. Ich frage, „wo bin ich“. Doch keine Antwort, ...
Freie Texte

Geschlagen

Elsa Raiß

Ich wurde nie geschlagen. Stimmt doch, oder? Aber warum trafen mich die Worte „du bist zu viel“, wie ein Schlag ins Gesicht, so dass ich krank wurde. Warum stach es mich, wenn jemand sagte „Du bist nichts“, wie ein Messer im Herz, denn jetzt weiß ich nicht, wer ich bin. Ich wurde nie geschlagen, aber die Kugeln trafen, sodass nichts mehr übrig war, außer meine Narben. Auch mein Körper, dem ging es nicht gut, doch wurde ich ja nie geschlagen, nur so lange fertig gemacht, bis ich nichts sah außer ...
Freie Texte

Stolz

Elsa Raiß

Was bedeutet es, Stolz zu sein? Heißt es, genug Leistung zu erbringen? Andere Erwartungen zu erfüllen? Von der Gesellschaft? Von einem selbst? Was heißt es, Stolz zu sein? Heißt es, über seine Grenzen zu gehen? Perfekt zu sein? Alles richtig zu machen? Was heißt es überhaupt, Perfekt zu sein? Ich weiß es nicht und auch nicht, was es heißt Stolz zu sein. Aber…. …ich weiß, was es nicht heißt. Wir sind Menschen. Wir machen Fehler. Und wir lernen. Wir sind nicht perfekt. Aber wir wollen es sein. Der ...
Freie Texte

Chance

Elsa Raiß

Ich weiß, ich hätte mich mehr anstrengen sollen. In verschiedenen Rollen hätte ich gewollt, wäre es anders gelaufen. Ich weiß, ich hätte mehr gekonnt, wäre mein Kopf nicht zerbombt von Schuldgefühlen, Qualen, Reue. Und ich weine und schreie. Denn „was wäre wenn“, wäre ich am Gewinnen. In diesem Moment tue ich nichts außer verlieren. Doch ich sah ein Licht, was in mir blitzt, wie ein Schlag des Schicksals, welches mir sagt: „Geh deinen Weg“. Und ich gehe und ich renne, bis mir meine Füße vom Leib ...
Freie Texte

Leben

Elsa Raiß

Ist es das wirklich, so erstrebenswert? Der Sinn, hinter alldem? Ich weiß es nicht. Und doch sitze ich hier, so nah und doch so fern, von alldem, was ich habe gern. Ich bin noch jung, muss viel erleben. Aber kann ich nicht einfach, so führen, das Leben? Was ich immer wollte, die Freiheit, die Gestaltung meines Herzens. Doch was mache ich noch hier? Schmerzen, Trauer. Alles überdenken. Und doch führt es zu nichts. Nur zu einem Mix. Aus Emotionen und Zielen, wie von vielen, in einer Welt, wo man ...
lesering
Freie Texte

Setareh Niazi: Only your voice

Setareh Niazi

Only your voice remains— a familiar melody inside the loneliness of night. My heart, a weary butterfly on love’s endless road, still calls for your embrace. Without you, the world is a silent room. Your shoulders once sheltered my unfinished grief; your heart held a peace my wounds could never find. They say what leaves the eyes leaves the heart as well. But love knows neither sight nor distance. In the darkness of night I still believe you will return someday, with hands gentle enough to heal ...
lesering
Freie Texte

Setareh Niazi: عشق، دور از چشم

Setareh Niazi

نوای خاطراتت ملودی آشنایی که خلوت تنهایی گوش هایم می طلبد دلم پروانه ی کوچکی در مسیر عشق که آغوش تو رو فرا می خواند بی تو هرگز با تو هر زمان هر جا شانه ات تکیه گاه امن اشک های بی وقفه ام قلبت آرامگاه درد های بی درمانم بازوانت پناهگاه دستان سردم گویند هر آن که از دیده رود از دل نیز برود گویم عشق دیده و دل نشناسد بغض غصه های شبانگاهم می دانم می آیی می شوی ترمیم زخم های دلم تا همیشه تا ابد منتظرت می مانم Hier gehts zur englischen Fassung. Hier gehts zur deutschen ...
lesering
Freie Texte

Setareh Niazi: Von Dir

Setareh Niazi

ist nur die Stimme geblieben — eine vertraute Melodie in der Einsamkeit der Nacht. Mein Herz, ein müder Schmetterling auf dem endlosen Weg der Liebe, ruft noch immer nach deiner Umarmung. Ohne dich ist die Welt ein stilles Zimmer. Deine Schultern waren einst Zuflucht für meine unendlichen Tränen; dein Herz ein Ort der Ruhe für Wunden ohne Heilung. Man sagt: Was den Augen fern ist, verschwindet auch aus dem Herzen. Doch die Liebe kennt weder Augen noch Entfernung. In der Dunkelheit der Nacht ...

Aktuelles