Unter Wasser

Bernd Bloß

„Der Körper ist ja politisch“ sagte er, und betrachtete währendessen weiterhin die halb-nackt tanzenden, jungen Frauenkörper auf dem Laptop-Bildschirm. Dort tanzten sie, halb-nackt, und hier saß er, obsessiv, begierig, in der WG Küche, und sagte: „Der Körper ist ja politisch“.

Ausgesprochen wurde dieser Satz „Der Körper ist ja politisch“ von einem mir bis heut noch völlig unbekannten Besucher - der Freund einer damaligen Mitbewohnerin - dessen nur flüchtige Bekanntschaft ich an jenem Abend über diesen seinen Satz „Der Körper ist ja politisch“ auf, wie ich sagen muss, schmerzhafteste Art und Weise machen musste. Mit seinem Satz „Der Körper ist ja politisch“ reichte mir dieser Unbekannte seine Hand, will heißen, er ergriff die meine, die ich kurz zuvor in den Raum streckte, indem ich sagte: "Sex geht ja immer". Sofort antwortete der Unbekannte: „Der Körper ist ja politisch“, und ergriff mit dieser Antwort sogleich meine in den Raum gestreckte Hand; umschloss sie, umklammerte sie, wollte seinen Griff nicht lösen. Er umschloss meine Hand, meinen Satz, so entschlossen, als wäre es seine unausgesprochene Absicht gewesen sie zu erdrücken, ihn auszulöschen; er hielt sie gefangen, die Hand, umklammerte meine Anmerkung, umklammerte mich, so, dass ich alle mir zur Verfügung stehenden Kräfte aufbringen musste, um meine Hand, meinen Satz und schlussendlich also mich selbst aus seinem Griff und den Fesseln seines Satzes „Der Körper ist ja politisch“ wieder befreien zu können.

„Der Körper ist ja politisch“ sagte er, und er sagte es, ganz ohne seinen eigenen Körper als solch einen „politischen“ zu begreifen; ganz ohne seinen Griff als einen politischen Griff, ganz ohne sein Umschließen als ein politisches Umschließen, ganz ohne seinen Hand gewordenen Satz als einen meine Anmerkung nicht nur unterbrechenden, sondern unterjochenden Satz zu verstehen.

Ich sagte nichts anderes als „Sex geht ja immer“, und dieses „Sex geht ja immer“ war zunächst nichts anderes, als eine nicht zu leugnende Wahrheit gewesen. Schließlich werden nach wie vor, wohin man auch schaut, sexuelle Elemente implementiert, gestreut, instrumentalisiert, gebraucht und ausgeschlachtet. Nach wie vor stößt man auf Sex, wohin man auch schaut. Wohin man auch schaut trifft man auf sexuelle Elemente. Produkte, Produktbeschreibungen, Produktbewerbungen sind von Sex durchdrungen. Die ganze Welt wird auf ein, sexuell immer zu erfassendes, Publikum zugeschnitten; die Welt ist durchzogen von Lüstern und Lust, von tropfendem und triefendem Fleisch, von kurzen Augenblicken suggestiver Triebhaftigkeit. Und so waren schließlich auch die auf dem Bildschirm abgebildeten, halbnackt tanzenden, jungen Frauen Teil dieser Welt - zu Lust und Fleisch und, wie man sagen kann, suggestiven Marionetten gemachte Individuen. Und nur um auf diesen nicht zu leugnenden Missstand aufmerksam zu machen, sagte ich "Sex geht ja immer" in die WG-Runde; nur um die am WG-Tisch Anwesenden vor der Gefahr zu warnen, blind in der Schnittmenge der Lüsternden unterzugehen.

Ich sagte „Sex geht immer“, und der unbekannte, mir am WG-Tisch Gegenübersitzende, sagte „Ja, aber der Körper ist ja politisch“, was im Grunde - und dies sollte mir im Verlaufe des Abends nun immer deutlicher werden - überhaupt keine Antwort auf meinen Satz gewesen war, sondern lediglich ein gewaltsames Ergreifen und Instrumentalisieren, ein Gefügig-Machen meines Satzes, ein gewaltvolles Erfassen meiner in den Raum gestreckten Hand. Dieser Umstand wurde mir vor allem dadurch klar, dass er, der Unbekannte, überhaupt keine Zeit verstreichen ließ. Er hörte meinen Satz „Sex geht immer“ und konterte augenblicklich mit seinem „politischen Körper“, so als hätte er im Grunde den gesamten Abend über nur auf eine Gelegenheit gewartet, diesen seinen „politischen Körper“ irgendwo unterzubringen, will heißen, mit seinem „politischen Körper“ den Satz eines anderen, das Denken eines seiner Gegenüber, zu erfassen und zu domnestizieren. Er hatte nur auf einen Satz meinerseits und also darauf gewartet, dass ich meine Hand austrecke, dachte ich. Den gesamten Abend über hatte ich geschwiegen, und dieses Schweigen muss in dem Unbekannten eine Art Unsicherheit hervorgerufen haben. Und als ich mich nun endlich äußerte, ergriff er sogleich seine Gelegenheit, indem er meine Hand, meinen Satz ergriff, indem er mich ergriff, um sich endlich aus dieser ihn quälenden Ungewissheit befreien zu können. Dabei war es dem Unbekannten vollkommen gleichgültig gewesen, was ich dort von mir gab, wichtig war ihm lediglich, dass ich überhaupt irgendetwas von mir gab. Irgendetwas worauf er sogleich reagieren, und was er mit diesem seinen Reagieren niederdrücken konnte. Er sprach seinen Satz in politischer Mission.

Vielleicht, dachte ich nun, niedergedrückt und zurückgezogen, weiter, wird er sich, nachdem er seinen Satz „Der Körper ist ja politisch“, der ja mit meiner Äußerung "Sex ginge immer" nicht das geringste zu tun gehabt hatte, im Laufe des Abends selbst ertappen und also von selbst verstehen, dass seine Reaktion eine unverhältnismäßige war. Vielleicht, dachte ich, wird er seinen Fehler erkennen und einräumen können, vielleicht wird er einlenken. Aber er ertappte sich nicht. Er erkannte nicht. Er lenkte nicht ein. Er betrachtete nur weiterhin die halbnackten, jungen Frauen auf dem Monitor, verfolgte gespannt deren Bewegungsabläufe und war dabei wohl der Überzeugung, einer politischen Debatte zu folgen. Er hatte gesagt, der Körper sei politisch, und nun betrachtete er wie besessen diese jungen, halbnackten und politischen Frauenkörper, und wünschte sich in diesem Augenblick wohl nichts sehnlicher, als nicht länger hier, zwischen uns in der WG, am WG-Tisch zu sitzen, sondern dort im Publikum. Er wünschte sich wohl in die erste Reihe, wünschte sich möglichst nahe an den jungen, politischen, halbnackten Frauenkörpern heran, um dem politischen Diskurs, der seiner Meinung nach dort von statten ging, noch genauer und aufmerksamer folgen zu können. Interessant war übrigens, dass er für den Rest des Abends kein weiteres Wort über den Körper und dessen Bedeutung innerhalb poltischer und gesellschaftlicher Machtstrukturen verloren hatte, dass sein Interesse also ganz und gar den politischen Körpern auf dem Monitor und NICHT den politischen Körpern der am WG Tisch Sitzenden und mittlerweile längst weiter Diskutierenden galt. Kein Wort über Zeit- und Funktionseinteilungen, kein Wort über Segmentierung, über kontrollierende Blicke, keine Diziplinargesellschaft, keine Diziplinarmacht, kein Wort von Hegemonie, kein Nutzbar- und Fassbar- und Erfassbar-Machen, kein Zergliedern der Körper, nein, nur eine scheinbar stetig wachsende Begeisterung für die dort im Fernsehen gezeigten, auf- und vorgeführten Tanzenden. Und wie ich ihn, den sich in seiner Betrachtung zunehmend Verlierenden, nun betrachtete, stellte ich mir plötzlich vor, wie glücklich er wohl gewesen sein musste, als er den Satz „Der Körper ist politisch“ zum allerersten mal in seinem Leben gehört hatte. Dieser Satz, dachte ich, musste ihm, dem Körperpolitologen, wie eine Erleuchtung vorgekommen sein. Denn von diesem Tag an konnte er, sobald es in irgendeinem Gespräch um die Instrumentalisierung und Sexualisiserung des Körpers ging, immer wieder jenen, nun zum allerersten Mal gehörten Satz „Der Körper ist ja politisch“ anbringen, und wahrscheinlich, dachte ich weiter, brachte er diesen Satz auch immer und immer wieder an, um in den entsprechenden Situationen überhaupt etwas sagen, sich selbst also in ein politischen Feld rücken und somit gleichsam das eigene Gewissen beruhigen zu können.

So wurde mir dieser bis heute noch unbekannte Körperpolitologe im Verlaufe des Abends zu einem immer deutlicheren Symptom. Und ich schreibe dies hier auf, um die Symptomatik festzuhalten, um sie mir deutlicher vor Augen zu führen. Denn Tatsache war ja, dass dieser vom politischen Körper anscheinend völlig Besessene, den politischen Körpern, die ihn so sehr fazinierten, selbst einen politisierenden Blick auferlegte. Tatsache war, dass er diese politischen Körper nicht nur politisierte,sondern zudem noch die Art und Weise seines Politisierens mittels seinem Satz „Der Körper ist ja politisch“ guthieß und legitimierte. Tatsache war, dass er niemals nach den Voraussetzungen der von ihm ausgehenden Körper-Politisierung, dass er sich niemals nach den Voraussetzungen dieser Art der Unterdrückung gefragt hatte. Gerade aus diesem Grunde erschien ihm allein schon die Erwähnung des Begriffes „sexuell“ wie ein Angriff, wie eine Provokation, dachte ich, und er musste diesen Provokationsversuch sogleich mit seinem speziell für diesem Falle zurechgelegten Satz „Der Körper ist ja politisch“ niederschlagen, um sein Prinzip der Körperpolitisierung und Unterdrückung retten und aufrecht erhalten zu können. Er unterwarf, weil alles immer bereits unterworfen ist. Er schändete die bereits Geschändeten, er vergewaltigte die längst Vergewaltigten, erdrosselte die tanzenden Marionetten. Er verfolgte mit einem alles durchleuchtenden Blick weiterhin diese jungen Leiber auf dem Monitor, diese aufs furchtbarste entwürdigten jungen Menschen, und er sicherte sich mit seinem Satz „Der Körper ist ja politisch“ darin ab, weiterhin, bis in den Tod hinein, junge entwürdigte Frauen und Männerkörper betrachten und genießen zu können. Er hatte sich diesen seinen Satz nicht zurechtgelegt, um auf die mit der Politisierung des Körpers immer im unmittelbaren Zusammenhang stehenden Erniedrigungen und Kategorisierungen und Zerteilungen und Verkümmerungen der Körper aufmerksam zu machen, sondern um diese Erniedrigungen und Verstümmelungen aus einer ihm akzeptablen, weil scheinbar hinterfragten, Perspektive weiterhin beobachten, das heißt, die zerteilten Körper weiterhin zerteilen, zertrümmern und herabwürdigen zu können. Er betrieb eine Politik der Schändung, ahnte aber nicht, dass diese seine Politik eine Politik der Schändung war. Er schändete in bester Absicht.

Dass die furchtbarsten aller Umstände mit einem dieser furchtbarsten aller Umstände besänftigendem Narrativ versehen und anschließend weiterhin konsumiert werden, gerade dies war es, was mir an jenem Abend so symptomatisch von Seiten des Körperpolitologen vor Augen geführt wurde: Alles Schreckliche abfedern, das Grausame weiterhin kaufen und verzehren, um alles in der Welt!, dadurch das Schreckliche noch schrecklicher, das Grausame noch grässlicher machen, den Schwindel der Welt updaten. Bücher schreiben, Begriffsverzerrung, Verwandlung; Essays; "demokratische" Fratzen, sardonisches Grinsen; Fluchtlinien verstopfen; millionenfache Ich-Darstellungen, mittels denen, in einer unausgesprochenen Verbundenheit, gegenseitige Grabpflege betrieben wird. Die scheinbare Realität spiegeln, zehntausendfach Irrtürmer in die Kanäle leiten. So fliehen wir endlich in Diskurse, entfernen uns von Begriffen, zerteilen Körper und Sachverhalte, verstümmeln Probleme, kategorisieren Unangebrachtes, pathologisieren - positiv verkehrt - das Auffällige. All diese Symptome, die in unnachvollziehbarer Zahl jeden Tag in allen Augenblicken anzutreffen sind, führen schließlich dazu, dass diese Welt im Grunde unbewohnbar werden musste für all jene, die wirklich jedes Zeichen begreifen, die wirklich jedes Element verstehen, die wirklich jede Zergliederung deuten möchten, deuten müssen. Wer nicht an die Zergliederung, sondern an die zergliederten Einzelteile interessiert ist, muss in einer solchermaßen zergliederten und zerteilten Welt, wie die unsere eine geworden ist, an den Deutungen all dieser Phänomene notgedrungen wahnsinnig werden. Und so bin auch ich, in den auf diesem politischen Abend folgenden Monaten, in denen ich mich tagtäglich mit dem Satz „Der Körper ist ja politisch“ und folgerichtig dem an diesem Satz hängenden Welt- und Menschenbild auseinandersetze, beinahe wahnsinnig geworden.

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