Unter Wasser Unter Wasser 2

Bernd Bloß

Vor allem bin ich, wie mir heute klar ist, beinahe daran wahnsinnig geworden, dass ich an dem besagten Abend der Körper-Politologie so still geblieben bin. Ich bin beinahe daran wahnsinnig geworden, dass ich, wie es mir immer passierte und immer wieder passieren wird, regelrecht starr vor Angst und entsetzt von der zerschmetternden Bagatellisierung, ganz still und zurückhaltend auf meinem Platz sitzen blieb und schwieg, und ihm, dem Körper-Politologen, somit den ganzen Raum überlassen hatte. Ganze 3 Monate lang dachte ich quasi tagtäglich daran, dass der Körper-Politologe mit seiner Körper-Politik durchkam und immer wieder durchkommen könnte; dachte daran, dass dieses Immer-Wieder-Durchkommen durchaus auch auf einige seiner Gesprächpartner einen Einfluss haben könnte; dachte daran, dass also jeden Tag weitere Körper-Politlogen entstehen würden, die sich in ihrer grenzenlosen Bagatellisierungswut auf junge Frauen- und Männerkörper stürzen, um ihr politisches Handwerk auszuüben.

Und in der Tat war es so, dass viele der Personen, die mir im Laufe der folgenden 3 Monate begegnet sind, mir plötzlich als Körper-Politologen begegneten. Es war ja nicht der Satz „Der Körper ist ja politisch“ der mir zusetzte, sondern das diesem Satz zugrunde liegende Narrativ, was natürlich ebensogut in anderen Begriffen und Sätzen wiederzufinden war. Der Satz „Der Körper ist ja politisch“ verwandelte sich plötzlich, strukturierte sich neu, verformte sich, erschloss neue Begriffe, neue Sätze, die in ihrem völlig andersartigen Klang jedoch, so schien es mir, mit dem Satz „Der Körper ist ja politisch“ zutieftst verbunden und beinahe identisch waren. Die Sätze meinten dasselbe, dass heißt: Ihre Sprecher hatten dieselben Absichten, dieselbe Ansicht. Es waren Sätze wie „Wichtig ist zunächst der Diskurs“ oder „Sprache verändert doch die Realität“, hinter denen sich die jewiligen Sprecher versteckt hielten, wie sich der Körper-Politologe seinerzeit hinter seinem Satz versteckt hielt. Die Sprecher versteckten sich hinter der Erkenntnis der Notwendigkeit eines Diskurses, waren zur selben Zeit aber, wie unschwer zu erkennen war, vollkommen desinteressiert an einem diskursiven Denken. Sie versteckten sich hinter der verändernden und variierenden Macht der Begriffe, schufen jedoch keinerlei neue, variierende, verändernde Begriffe, sondern wiederholten ganz im Gegenteil nur die Begriffe ihrer Professoren oder Dozenten und waren selbst, alles in allem, vollkommen begriffsarm. Wie sich der mir bis heut noch unbekannte Körperpolitologe nicht für die Politik der Körper interessierte, wohl aber für eine gewisse Freiheit in der Betrachtung und Bewunderung dieser Körper, so interessierten sich die Sprecher der Sätze „Wichtig ist zunächst der Diskurs“ und „Sprache verändert doch die Realtität“ überhaupt nicht für den Diskurs, überhaupt nicht für die Kraft des Wortes, sondern lediglich für eine Freiheit des Sprechens, für ein Unverbindlichkeit des Denken. Sie sagten aber nicht, sie interessieren sich für eine gewisse Freiheit des Sprechens bzw für eine Unverbindlichkeit des Denkens, sie sagten „Wichtig ist zunächst der Diskurs“ und „Sprache verändert doch die Realität“.

3 Monate lang stand ich vor der Frage, warum niemand sagen konnte, dass es, wie ich ja selbst der festen Überzeugung war und bin, wichtig wäre, frei denken und reden zu können. 3 Monate lang lief ich gemeinsam mit diesen Fragen durch den Stadtpark, fuhr mit diesen Fragen gemeinsam U-Bahn, stieg mit ihnen gemeinsam ein und aus und um, und bemerkte ihre Anwesenheit auch immer wieder in den Gesprächsfetzen, die ich kurzweilig während meiner Wege durch die Stadt aufschnappte. Schließlich glaubte ich sogar, in diesen mich stetig begleitenden Fragen den Ursprung meiner tagtäglich aufkommenden Schwindelanfälle entdeckt zu haben. Wenn ich mich beispielsweise – wie immer, fest ans Geländer klammernd – die U-Bahn-Treppen hinuntertrug, standen nun ganz plötzlich diese Fragen vor mir. Und mit diesen Fragen stand gleichsam die Unlösbarkeit dieser Fragen vor mir. Und diese Unlösbarkeit der Fragen verschlimmerte meinen Schwindel natürlich, verschlimmerte meinen Gesamtzustand, so das ich mich, von diesen Fragen und dem von ihnen in mir ausgelösten Schwindel gezwungen, noch näher an das Geländer heranbewegen musste. Die Fragerei sorgt für deinen Schwindel, sagte ich mir dann kurz. Die Fragen haben sich in deinem Schädel verbissen, sie drehen an dir. Ein Schritt näher am Geländer stand ich dann vor der selben Unlösbarkeit derselben Fragen, so dass ich also noch einen weiteren Schritt gehen musste, einen weiteren Schritt in die Unlösbarkeit, einen weiteren Schritt in die Fragen hinein, und noch einen weiteren und noch einen, schrittweise in die immergleiche Unlösbarkeit der immergleichen Fragen. Die Fragen und ihre Unlösbarkeit erzeugten den Schwindel, und der Schwindel zwang mich an das Geländer, in das Geländer hinein, zwang mich in den Festen Griff, und es war letztlich nicht selten der Fall gewesen, dass ich das Geländer schon fast mit beiden Armen umklammerte, und mich so, regelrecht im Geländer verhakt, Schritt für Schritt, in aller Öffentlichkeit und von all den grausam-neugierig-bemittleidend-lechzenden Augen betrachtet, Stufe für Stufe in die U-Bahn hinuntertrug. Wie ein angeschossenes Vieh, dachte ich damals oft. Und ich dachte auch, dass die Frage danach, warum die Menschen einfach nicht in der Lage waren, die Dinge beim Namen zu nennen, dass diese immer wiederkehrende Frage tatsächlich einem Schuss, manchmal sogar mehreren Schüssen glich, Schüsse, die immer nur meine Gliedmaßen, niemals aber mein Hirn, niemals meinen Kopf durchbohrten; und ich dachte auch, dass die Blicke der Passanten zweifellos solche Blicke waren, die man einem angeschossenen, um sein Leben kämpfenden Tier zuwirft, denn es waren jene uns allen nur allzu bekannten Blicke, in denen sich Mitleid und Macht auf perversester Art und Weise vermischten. Diese menschlichen Blicke, dachte ich das Geländer umarmend, sind die Blicke der Körperpolitologen. Der Körperpolitologe, dachte ich, hat dich mit seiner Körperpolitologie genau hier hin, in das Kreuzfeuer der politischen Blicke getrieben. Es war seine Treibjagt gewesen, und ich schlug nun – seinen Schüssen vollkommen ausgeliefert - meine Haken in die immergleiche Richtung, in die Richtung des Treppengeländers. Meine Fragerei durchlöcherte mich, und die Menschen betrachteten mich als einen solchen sich zunehmend Zerlöchernden, begriffen aber nicht, woher die Schüsse kamen, die meine Kniescheiben zertrümmerten, mich zusammensacken und schließlich, in der Hoffnung auf Rettung, in Richtung des Geländers stürzen ließen. Mit verstört bewundernden Blicken betrachteten sie diesen, sich fest an das Geländer Krallenden, der qualvoll die letzten Stufen hinter sich brachte und sich mit jeder Stufe wieder zu fragen begann: Warum können sie nicht einfach sagen, sie mögen es frei zu denken und frei zu reden? Warum der Griff zum Diskurs, warum der Griff zu den Poststrukturalisten, warum die wiedergekäuten Positionen, warum die Theorie, warum die nur übernommenen Redensarten?

Diese Fragen schossen in solch einer Geschwindigkeit durch meinen Kopf, dass ich sie mir tatsächlich nach jeder bewältigten Stufe allesamt von neuem zu stellen begann. Immer mit der Angst davor, die Treppe entgültig bewältigt zu haben. Die Angst vor dem leeren Raum und vor dem Verlust des Geländers. Das Treppengeländer gab mir Halt und Schutz. Bist du die Treppe entgültig gelaufen, hast du kein dir haltgebendes Treppengeländer mehr, dachte ich in diesen schrecklichen Minuten. Erfahrungsgemäß war das Treppengeländer ein Zufluchtsort - Ein ganzer Ort! - der mich nicht nur vor dem Stürzen bewahrte, sondern gewissermaßen auch davor, an den in mir zirkulierenden und niemals lösbaren - jedenfalls aus dieser meinen Position heraus niemals lösbaren - Fragen verrückt zu werden. Mit dem Griff um das Treppengeländer wurde mir die Treppe bewusst. Das Treppengeländer war mein Zutritt zur Realität, meine Versicherung und Subjektivierung.

Hier bist du, ein Vieh, die Treppe hinunter, du bist noch hier. Warum können sie nicht sagen, dass sie gern frei denken und frei reden würden? Ja, du bist hier, ein Vieh. Hier ist das Geländer, dein Geländer, das Geländer des Viehs. Ein Geländer, immerhin. Hier deine Fragen. Hier, wenige Meter entfernt, ihre gierigen, bemittleidenden Augen. Warum können sie nicht einfach sagen, sie würden gern frei reden und denken? Dort, der Mensch, ein wachsamer Schütze, ein zielendes Auge, sanftmütiges Lächeln. Dort, die Demonstrationen, über dir, hier du, das Vieh. Ein Trampeln, es Trampelt, welch ein Trampeln, eine Einbildung. Nein! Weg dort! Hier her! Hier bist du, ein Vieh, dort das Geländern, dein Griff, hier die U-Bahn, dort die Menschen, die Schützen, über dir, die Demonstranten, alles völlig normal, normal, wie immer, warum können sie nicht einfach sagen, sie würden gern frei reden und denken dürfen, du fällst, du wirst fallen, wirst liegen, sie werden dir helfen wollen, aber niemals umsonst. Was kannst du ihnen geben? Geländer! Zurück zum Geländer! Zurück zum Griff, zum rettenden Griff, zum Geländer, bakteriell, vermenschlicht, verschwitzt, stinkend, stinkendes Geländer, ich muss, ich möchte nicht, ich muss es umarmen, ich muss mit dem Schweiß ihrer Hände an meiner Wange leben... usw.


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