Unter Wasser Unter Wasser 2

Vorlesen
- 3 Seiten -

Und in der Tat war es so, dass viele der Personen, die mir im Laufe der folgenden 3 Monate begegnet sind, mir plötzlich als Körper-Politologen begegneten. Es war ja nicht der Satz „Der Körper ist ja politisch“ der mir zusetzte, sondern das diesem Satz zugrunde liegende Narrativ, was natürlich ebensogut in anderen Begriffen und Sätzen wiederzufinden war. Der Satz „Der Körper ist ja politisch“ verwandelte sich plötzlich, strukturierte sich neu, verformte sich, erschloss neue Begriffe, neue Sätze, die in ihrem völlig andersartigen Klang jedoch, so schien es mir, mit dem Satz „Der Körper ist ja politisch“ zutieftst verbunden und beinahe identisch waren. Die Sätze meinten dasselbe, dass heißt: Ihre Sprecher hatten dieselben Absichten, dieselbe Ansicht. Es waren Sätze wie „Wichtig ist zunächst der Diskurs“ oder „Sprache verändert doch die Realität“, hinter denen sich die jewiligen Sprecher versteckt hielten, wie sich der Körper-Politologe seinerzeit hinter seinem Satz versteckt hielt. Die Sprecher versteckten sich hinter der Erkenntnis der Notwendigkeit eines Diskurses, waren zur selben Zeit aber, wie unschwer zu erkennen war, vollkommen desinteressiert an einem diskursiven Denken. Sie versteckten sich hinter der verändernden und variierenden Macht der Begriffe, schufen jedoch keinerlei neue, variierende, verändernde Begriffe, sondern wiederholten ganz im Gegenteil nur die Begriffe ihrer Professoren oder Dozenten und waren selbst, alles in allem, vollkommen begriffsarm. Wie sich der mir bis heut noch unbekannte Körperpolitologe nicht für die Politik der Körper interessierte, wohl aber für eine gewisse Freiheit in der Betrachtung und Bewunderung dieser Körper, so interessierten sich die Sprecher der Sätze „Wichtig ist zunächst der Diskurs“ und „Sprache verändert doch die Realtität“ überhaupt nicht für den Diskurs, überhaupt nicht für die Kraft des Wortes, sondern lediglich für eine Freiheit des Sprechens, für ein Unverbindlichkeit des Denken. Sie sagten aber nicht, sie interessieren sich für eine gewisse Freiheit des Sprechens bzw für eine Unverbindlichkeit des Denkens, sie sagten „Wichtig ist zunächst der Diskurs“ und „Sprache verändert doch die Realität“.

3 Monate lang stand ich vor der Frage, warum niemand sagen konnte, dass es, wie ich ja selbst der festen Überzeugung war und bin, wichtig wäre, frei denken und reden zu können. 3 Monate lang lief ich gemeinsam mit diesen Fragen durch den Stadtpark, fuhr mit diesen Fragen gemeinsam U-Bahn, stieg mit ihnen gemeinsam ein und aus und um, und bemerkte ihre Anwesenheit auch immer wieder in den Gesprächsfetzen, die ich kurzweilig während meiner Wege durch die Stadt aufschnappte. Schließlich glaubte ich sogar, in diesen mich stetig begleitenden Fragen den Ursprung meiner tagtäglich aufkommenden Schwindelanfälle entdeckt zu haben. Wenn ich mich beispielsweise – wie immer, fest ans Geländer klammernd – die U-Bahn-Treppen hinuntertrug, standen nun ganz plötzlich diese Fragen vor mir. Und mit diesen Fragen stand gleichsam die Unlösbarkeit dieser Fragen vor mir. Und diese Unlösbarkeit der Fragen verschlimmerte meinen Schwindel natürlich, verschlimmerte meinen Gesamtzustand, so das ich mich, von diesen Fragen und dem von ihnen in mir ausgelösten Schwindel gezwungen, noch näher an das Geländer heranbewegen musste. Die Fragerei sorgt für deinen Schwindel, sagte ich mir dann kurz. Die Fragen haben sich in deinem Schädel verbissen, sie drehen an dir. Ein Schritt näher am Geländer stand ich dann vor der selben Unlösbarkeit derselben Fragen, so dass ich also noch einen weiteren Schritt gehen musste, einen weiteren Schritt in die Unlösbarkeit, einen weiteren Schritt in die Fragen hinein, und noch einen weiteren und noch einen, schrittweise in die immergleiche Unlösbarkeit der immergleichen Fragen. Die Fragen und ihre Unlösbarkeit erzeugten den Schwindel, und der Schwindel zwang mich an das Geländer, in das Geländer hinein, zwang mich in den Festen Griff, und es war letztlich nicht selten der Fall gewesen, dass ich das Geländer schon fast mit beiden Armen umklammerte, und mich so, regelrecht im Geländer verhakt, Schritt für Schritt, in aller Öffentlichkeit und von all den grausam-neugierig-bemittleidend-lechzenden Augen betrachtet, Stufe für Stufe in die U-Bahn hinuntertrug. Wie ein angeschossenes Vieh, dachte ich damals oft. Und ich dachte auch, dass die Frage danach, warum die Menschen einfach nicht in der Lage waren, die Dinge beim Namen zu nennen, dass diese immer wiederkehrende Frage tatsächlich einem Schuss, manchmal sogar mehreren Schüssen glich, Schüsse, die immer nur meine Gliedmaßen, niemals aber mein Hirn, niemals meinen Kopf durchbohrten; und ich dachte auch, dass die Blicke der Passanten zweifellos solche Blicke waren, die man einem angeschossenen, um sein Leben kämpfenden Tier zuwirft, denn es waren jene uns allen nur allzu bekannten Blicke, in denen sich Mitleid und Macht auf perversester Art und Weise vermischten. Diese menschlichen Blicke, dachte ich das Geländer umarmend, sind die Blicke der Körperpolitologen. Der Körperpolitologe, dachte ich, hat dich mit seiner Körperpolitologie genau hier hin, in das Kreuzfeuer der politischen Blicke getrieben. Es war seine Treibjagt gewesen, und ich schlug nun – seinen Schüssen vollkommen ausgeliefert - meine Haken in die immergleiche Richtung, in die Richtung des Treppengeländers. Meine Fragerei durchlöcherte mich, und die Menschen betrachteten mich als einen solchen sich zunehmend Zerlöchernden, begriffen aber nicht, woher die Schüsse kamen, die meine Kniescheiben zertrümmerten, mich zusammensacken und schließlich, in der Hoffnung auf Rettung, in Richtung des Geländers stürzen ließen. Mit verstört bewundernden Blicken betrachteten sie diesen, sich fest an das Geländer Krallenden, der qualvoll die letzten Stufen hinter sich brachte und sich mit jeder Stufe wieder zu fragen begann: Warum können sie nicht einfach sagen, sie mögen es frei zu denken und frei zu reden? Warum der Griff zum Diskurs, warum der Griff zu den Poststrukturalisten, warum die wiedergekäuten Positionen, warum die Theorie, warum die nur übernommenen Redensarten?

Diese Fragen schossen in solch einer Geschwindigkeit durch meinen Kopf, dass ich sie mir tatsächlich nach jeder bewältigten Stufe allesamt von neuem zu stellen begann. Immer mit der Angst davor, die Treppe entgültig bewältigt zu haben. Die Angst vor dem leeren Raum und vor dem Verlust des Geländers. Das Treppengeländer gab mir Halt und Schutz. Bist du die Treppe entgültig gelaufen, hast du kein dir haltgebendes Treppengeländer mehr, dachte ich in diesen schrecklichen Minuten. Erfahrungsgemäß war das Treppengeländer ein Zufluchtsort - Ein ganzer Ort! - der mich nicht nur vor dem Stürzen bewahrte, sondern gewissermaßen auch davor, an den in mir zirkulierenden und niemals lösbaren - jedenfalls aus dieser meinen Position heraus niemals lösbaren - Fragen verrückt zu werden. Mit dem Griff um das Treppengeländer wurde mir die Treppe bewusst. Das Treppengeländer war mein Zutritt zur Realität, meine Versicherung und Subjektivierung.

Hier bist du, ein Vieh, die Treppe hinunter, du bist noch hier. Warum können sie nicht sagen, dass sie gern frei denken und frei reden würden? Ja, du bist hier, ein Vieh. Hier ist das Geländer, dein Geländer, das Geländer des Viehs. Ein Geländer, immerhin. Hier deine Fragen. Hier, wenige Meter entfernt, ihre gierigen, bemittleidenden Augen. Warum können sie nicht einfach sagen, sie würden gern frei reden und denken? Dort, der Mensch, ein wachsamer Schütze, ein zielendes Auge, sanftmütiges Lächeln. Dort, die Demonstrationen, über dir, hier du, das Vieh. Ein Trampeln, es Trampelt, welch ein Trampeln, eine Einbildung. Nein! Weg dort! Hier her! Hier bist du, ein Vieh, dort das Geländern, dein Griff, hier die U-Bahn, dort die Menschen, die Schützen, über dir, die Demonstranten, alles völlig normal, normal, wie immer, warum können sie nicht einfach sagen, sie würden gern frei reden und denken dürfen, du fällst, du wirst fallen, wirst liegen, sie werden dir helfen wollen, aber niemals umsonst. Was kannst du ihnen geben? Geländer! Zurück zum Geländer! Zurück zum Griff, zum rettenden Griff, zum Geländer, bakteriell, vermenschlicht, verschwitzt, stinkend, stinkendes Geländer, ich muss, ich möchte nicht, ich muss es umarmen, ich muss mit dem Schweiß ihrer Hände an meiner Wange leben... usw.


Gefällt mir
4
 

Weitere Freie Texte

lesering
Freie Texte

Setareh Niazi: Only your voice

Setareh Niazi

Only your voice remains— a familiar melody inside the loneliness of night. My heart, a weary butterfly on love’s endless road, still calls for your embrace. Without you, the world is a silent room. Your shoulders once sheltered my unfinished grief; your heart held a peace my wounds could never find. They say what leaves the eyes leaves the heart as well. But love knows neither sight nor distance. In the darkness of night I still believe you will return someday, with hands gentle enough to heal ...
lesering
Freie Texte

Setareh Niazi: عشق، دور از چشم

Setareh Niazi

نوای خاطراتت ملودی آشنایی که خلوت تنهایی گوش هایم می طلبد دلم پروانه ی کوچکی در مسیر عشق که آغوش تو رو فرا می خواند بی تو هرگز با تو هر زمان هر جا شانه ات تکیه گاه امن اشک های بی وقفه ام قلبت آرامگاه درد های بی درمانم بازوانت پناهگاه دستان سردم گویند هر آن که از دیده رود از دل نیز برود گویم عشق دیده و دل نشناسد بغض غصه های شبانگاهم می دانم می آیی می شوی ترمیم زخم های دلم تا همیشه تا ابد منتظرت می مانم Hier gehts zur englischen Fassung. Hier gehts zur deutschen ...
lesering
Freie Texte

Setareh Niazi: Von Dir

Setareh Niazi

ist nur die Stimme geblieben — eine vertraute Melodie in der Einsamkeit der Nacht. Mein Herz, ein müder Schmetterling auf dem endlosen Weg der Liebe, ruft noch immer nach deiner Umarmung. Ohne dich ist die Welt ein stilles Zimmer. Deine Schultern waren einst Zuflucht für meine unendlichen Tränen; dein Herz ein Ort der Ruhe für Wunden ohne Heilung. Man sagt: Was den Augen fern ist, verschwindet auch aus dem Herzen. Doch die Liebe kennt weder Augen noch Entfernung. In der Dunkelheit der Nacht ...
Freie Texte

Schwestern der Sonne

UpA

Drei Mädchen, stark und klar, feinsinnig mit scharfer Zunge und stetem Verstand. Sie reckten das Haupt der Sonne entgegen. Die Älteste spendete Schutz, breit wie ein stiller Baum im Mittagslicht. Die Zweite trat hervor, ruhig, mit Augen, die niemand auswichen. Die Dritte — frei und brav — trug das Lachen wie den Schutz der Familie in sich. Feiner Sand quoll durch ihre nackten Zehen, warm von der Sonne, golden im flimmernden Licht. Und da standen sie, das Haupt erhoben der Sonne entgegen, als ...
Freie Texte

Future dreams

Maria Angelina Heinz

Another morning, a peaceful night You wake up lips in a smile The perfect picture of a life... I wake up and curse the day Living life not yet my way Barely managed to survive. You walk down the sunny street Playing life and you succeed Forming fate tob e your dream I ́m still going with the flow Learning night shifts in a row In my head a silent scream. There ́s this dream to grow beyoun ourselves Passion, goals and feeling free to believe Sunset dances and our hearts content Wind in our sails, ...
Freie Texte

Requiem of the night

Maria Angelina Heinz

A moonless sky, a shadows kiss Far away from heavens lights There in my very own abyss Its requiem the darkness writes. Instead of tones fine drops of blood My mind long gone, my feelinds dead I ́m lying face down in the mud, No strength to raise my bloody head. Darkness is good, darkness is kind The cold, once enemy, now friend In my lost and twisted mind My paradise has found its end. The deepest can fall kings and queens It hurts like hell, I can ́t pretend But that pain makes me spread my ...
Freie Texte

Running away with the bad boy

Maria Angelina Heinz

You were good, you were kind, You were everything I needed. You had made up your mind, You played fair and never cheated. A sensible gentleman Like my parents always prayed for. I did not take your hand, Someone shook my heart right to the core. “Stay away from my girl”, he said. Is this something I will regret? Throwing safety away for joy, I ran away with the bad boy. He was bold, he was wild, But for me he calmed his temper. Once we had our first child He quit smoking, lost all anger. He was ...
Freie Texte

Leben, nicht leben

Rose

Du willst nicht leben, du willst leben. Nicht Tag nach Tag Und nicht Ausatmen nach Ausatmen Sondern jeden Tag als Chance sehen Jeden Atemzug nutzen um in die Welt zum schreien, dass du leben willst. Er will nicht leben, er will leben. Nicht leere Worte Und nicht Schritt nach Schritt Sondern jedes Wort aus dem Herzen ziehen Jeden Schritt nutzen um zu laufen und in die Welt zu schreien, dass er leben will. Ich wollte nicht leben, ich wollte leben. Ich sehe euch von meinem Platz aus Sehe wie ihr ...
Freie Texte

Karussell der Gedanken

Jessica Ebenrecht

Manchmal, Wenn das Karussell der Gedanken sich dreht Ein herabziehender Strudel entsteht Der Wind urplötzlich anders weht Und man keinen Ausweg mehr sieht Gedanken sind nicht die reale Welt Aus einem werden zwei, aus zwei dann drei Sie gaukeln uns vor, was uns nicht gefällt Nehmen uns viel, sind dann nicht mehr frei Dabei wird alles vermischt zu einem Einheitsbrei Sie halten uns fest, mit Starrsinn und "Recht" Und füttern unsere Sorgen, Ängste und Kummer Wohl wissend, diese sind nicht echt ...

Aktuelles