Klimawandel, Artensterben, Umweltschutz: Bereits Jahrzehnte warnen Fachleute vor den Konsequenten unserer Lebensweise. In seinem dritten Essayband "Das Ende vom Ende der Welt" versammelt der US-amerikanischen Schriftstellers Jonathan Franzen unter anderem Gedanken zum Thema Umwelt und Klima. Getragen wird das Buch von einer ungebrochenen Begeisterung für Vögel.
Mit Roger Willemsen reisten wir einst bis zu den Enden der Welt, machten erfreuliche und erschreckende Entdeckungen. Und auch in dem Essayband von Jonathan Franzen, der uns, will man dem Schriftsteller auf seinen Reisen begleiten, mit außergewönlichen Beobachtungen konfrontiert, gibt es eine solche Ambivalenz. Es geht nach Ägypten, nach Ghana, nach Albanien und in die Antarktis. Hier gilt es, so der Autor, innezuhalten und sich zu fragen, wer man sei und was das Leben bedeute. Und am besten könne man dies im Schreiben eines Essays.
Warum Vögel wichtig sind
Vor 20 Jahren, so Franzen, hätte er sich in Vögel verliebt. Er outet sich als ein sogenannter "Lister", also jemand, der über jede Vogelart, die er beobachteten konnte, Buch führt. Seine ornithologische Begeisterung ist dementsprechend auch in jedem der 16 Texte wiederzufinden. Einer der Texte trägt den Titel "Warum Vögel wichtig sind" und kann als Zusammenfassung dieser seiner Begeisterung gelesen werden. Hier heißt es: "Sie sind immer unter uns, doch gehören uns nie. (...) ihre Gleichgültigkeit uns gegenüber sollte uns Demut lehren, erinnert sie uns doch daran, dass wir nicht das Maß aller Dinge sind."
Diese Liebe wird umso klarer, wenn Franzen seine Beobachtungen mit politischen Ereignissen verknüpft. Als Donalt Trump beispielsweise Präsident wurde, befand sich der Schriftsteller auf Ghana und beobachtete Vögel. Während ihn die im Entsetzen getippten Nachrichten errreichten, hielt er Ausschau nach Karminspinten und Fahnennachtschwalben. Den Sozialen Medien steht Franzen skeptisch gegenüber, was keine Überraschung ist. Auch hier gibt es scheinabr einen direkten Link zur Vogel-Begeisterung:
„Sie sind deshalb so wichtig, weil die Leute mehr und mehr Zeit in der virtuellen Welt verbringen und es immer schwieriger wird, Kontakt mit der Natur aufzunehmen. Das Tolle an Vögeln ist, dass sie – mehr als jede andere charismatische Tierart – in unserem Leben präsent sind. Wenn wir etwas für den Naturschutz tun, dann deshalb, weil wir die Natur lieben.“
Literatur und Essay
Die in "Das Ende vom Ende der Welt" versammelten Reisereportagen, Erinnerungen und poetologischen Niederschriften sind alle in den letzten Jahren in verschiedenen Zeitschriften erschienen. Interessant ist hierbei die Zusammenstellung der Texte, an der man die Zentrierung der wichtigsten Themen: Umweltschutz, Tier- und Naturschutz nachvollziehen kann. In einigen Texten, und diese gehören zu den schönsten, mündet der essayistische Ansatz in einem erzählerischen Fluss. So etwa in der titelgebenen Reisereportage "Das Ende vom Ende der Welt", in der Franzen auf einem Kreuzfahrtschiff in der Antarktis zu einem "Problempassagier" wird, weil er akribisch versucht, möglichst viele Pinguine zu entdecken. Dazu liefert der Autor eine Beschreibung des Ausnahmezustands an diesem Ende der Welt, sowie einige scharfe Beobachtungen der Kreuzfahrtgesellschaft.
Wenn mit der essayistischen Methode eine Schreibart gemeint ist, die subjektive Emfindungen und Eindrückte vertextlicht, dann, so Franzen bissig, leben wir gegenwärtig in einer Hochzeit der Essays, da ebensolche subjektiven Eindrücke und Empfindungen pausenlos über Tweets in die Welt entlassen werden. Franzen selbst konzentriert sich derweil auf eine andere Art des "Zwitscherns", nicht ohne auch dies infrage zu stellen: Ist es "obzön" über Vögel zu schreiben, während Kinder in Bangladesch Not leiden? Wie wichtig ist die eigene Begeisterung in einer Welt der Umbrüche, der Ausnahmezustände?
So stößt Jonathan Franzen auch immer wieder gegen sich selbst vor, eine Eigenschaft, die große Literaten ausmacht. Das die Begeisterung für Vögel dabei wie eine warmer Unterschlupf dient, in dem man die Kälte der Welt für einen kurzen Augenblick vergessen kann, ist eine Poesie, die sich sachte über das gesamte Buch legt.
Jonathan Franzen - Das Ende vom Ende der Welt, Rowohlt Verlag, 25 Euro, 256 Seiten
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