In seinem neuen Roman "Maschinen wie ich" behandelt der Autor Ian McEwans eines der wichtigsten Themen unserer Epoche: Adams und Evas, serienmäßig, gutaussehend, künstliche Menschen.
Wie menschlich ist die K.I.
Ian McEwans scheint sich mit jedem neuen Roman einem nächsten Themenebiet zu widmen. Nachdem sich seine Werke in der Vergangenheit mit Fragen zur Klimaforschung, Rechtsprechung und Neurobiologie auseinandersetzen, wendet sich der Autor nun einem der wohl brisantesten Themen unserer Gegenwart und nahen Zukunft zu: den moralische Fragen auf dem Gebiet der künstlichen Intelligenz. Welch eine Gefahr geht tendenziell von den menschlichen Maschinen (oder umgekehrt) aus, und wie könnten sie unser Zusammenleben beeinflussen?
Adam und Eva
Im Mittelpunkt der Geschichte steht der 30-Jährige Charlie, der sich von einem kleinen Erbe einen Androiden namens Adam kauft. Adam ist ein Modellen der ersten Produktionsreihe künstlicher Menschen, von denen insgesamt 25 auf den Markt kamen, 12 Adams, 13 Evas. Der täuchend lebensechte Android wiegt 85 Kilo, ist freundlich, gut aussehend, besitzt den Wortschatz eines Shakespeare und hat, natürlich, Zugriff auf das im Word Wide Web versammelte Wissen.
Als Adam gelifert wird ist Charlies Nachbarin Mirinda zu Besuch. Zwischen den beiden bahnt sich überraschend schnell eine Liebesgeschichte an. Und in den 16 Stunden, die Adam an Strom angesteckt aufgeladen werden muss, beginnen Adam und Mirinda das persönliche und individuell variierbare Temperament des Androiden zu beschließen. Dieses gemeinsame Entscheiden wird zu einem Spiel, und der Android zu so etwas wie ein gemeinsames Kind, auf dessen erste Worte man voller Spannung wartet.
Beinahe perfekt
Der aufgeladene und sich in die Welt stürzende Adam lernt unerwartet schnell. Schließlich dauert es nicht lange und er entpuppt sich als eine Art rationaler und moralischer Übermensch, der sich in einer analytischen Verfahrensweise durch die Charaktere frisst und selbst tief verborgene Geheimnisse aufdeckt. Die sich allmählich entwickelnde Dreiecksbeziehung ist seltsamen Veränderungen unterworfen. So muss Charlie beispielsweise anhören, wie Mirinda und Adam, der ja eben noch gemeinsames Kind gewesen war, im Nebenzimmer Sex haben. Auf Charlies Unmut reagiert Mirinda pragmatisch: "Würdest du dich genauso fühlen, wenn ich mit einem Vibrator ins Bett gegangen wäre?"
Was McEwans Roman wunderbar herausschält ist nicht nur die Frage danach, wie menschlich Maschinen werden könnten, sondern ebenso die Frage nach dem Menschlichen schlechthin. Man kann den Androiden Adam wunderbar als Idealtypus all jener Eigenschaften nehmen, die an Menschen gegenwärtig zwar anzutreffen, aber eben ersetzbar sind: Beinahe alles Zweifellose, Konkrete, Einwandfreie. Umgedreht sind also gerade die Gebiete, auf denen Adam schwächelt zugleich jene, die den Menschen im Grunde ausmachen: Widersprüche, Zweifel, Inkonsequenzen. Auf der Gefühlsebene versagt Adam. Diskretion ist für ihn nichts anderes als ein Wort, dem man eine Definition zur Seite gestellte hat.
Interessant wäre zu fragen, ob nicht auch Romane wie "Maschinen wie ich" in absehbarer Zeit von Maschinen geschrieben werden könnten. Ian McEwans beherrscht die von ihm angesprochenen und durchleuchteten Themen ohne Zweifel, doch steckt in jeder Perfektion auch immer die Gefahr der technischen Ersetzbarkeit. Jede zu einem Ende gebrachte und nachvollziehbare Methode ist dieser Ersetzbarkeit schlussendlich ausgeliefert.
Ian McEwans, Maschinen wie ich; Roman, a. d. Engl. v. B. Robben, Diogenes, 2019, 416 Seiten, 25 € (E-Book 21,99 €)
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