Nora Kreft - Was ist Liebe, Sokrates? Kant und Co diskutieren Dating-Apps

In ihrem Buch "Was ist Liebe, Sokrates?" lässt die Philosophin Nora Kreft acht große Denker in einem fiktionalen Gespräch über "das schönste aller Gefühle" aufeinandertreffen. Kant, Sokrates, Freud und Co diskutieren hierbei auch über Dating-Apps.

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  	  	ISBN 978-3492059114
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Foto: Piper Verlag Was dachten Sokrates, Kant, Freud oder Simone de Beauvoir über das Wesen der Liebe? Und brauchen wir einen neuen Liebes-Begriff im Zeitalter der Dating-Apps?

In der Philosophie-Geschichte änderte sich die Funktion des Liebes-Begriffes mit immer neu aufkommenden Denkrichtungen fundamental. Die Philosophin Nora Kreft, die an der Humbold-Universität Berlin zu den Themen Liebe und Autonomie forscht, hat sich der Darstellung dieser Veränderungen angenommen, und sie in einem raffiniert aufgebauten Buch dargestellt. Die Grundidee ist recht simpel: Der Philosoph Immanuel Kant lädt zu einer Dinner-Party. Er will mehr über die Liebe zu erfahren. Sieben Gäste folgen seiner Einladung nach Königsberg: Sokrates, Augustinus, Simone de Beauvoir, Søren Kierkegaard, Sigmund Freud, Max Scheler und Iris Murdoch.

In dem nun folgenden Gespräch bringen die Denker*innen ihre eigenen Ansichten und Theorien ein, um das Wesen der Liebe zu ergründen. Diese werden in verschiedenen, fiktiven Gesprächen dargestellt und näher gebracht.

Das ausgerechnet Immanuel Kant über die Liebe sprechen will und Gäste läd, ist kein Zufall. Hatte dieser innerhalb seiner philosophischen Konstruktionen die Liebe doch weitestgehend ausgespart, da diese, laut Kant, weder aus rationaler noch moralischer Sicht besonders bedeutend ist. Für Kant, den großen Denker der Vernunft, ist eine gute Entscheidung immer eine solche, die auch aus der Vernunft heraus getroffen wurde. Hier bringt die Liebe einiges durcheinander, führt sie doch oftmals zu völlig irrationalen Entscheidungen, und kann so gerade als das Andere der Vernunft begriffen werden (insofern sie überhaupt greifbar ist).

Lieben heißt nach Glück streben

Für Sokrates, so lesen wir aus den Gesprächen heraus, ist die Liebe letztlich ein Streben nach Glück. Und da Glück gleich Weisheit bedeutet, fördere die Tatsache, einen Menschen zu lieben zugleich auch das Bemühen, weise zu werden. Hier wird auch die Anamnesis, die Wiedererinnerungslehre des Sokrates skizziert. Demnach helfe uns die Liebe zu einen anderen Menschen dabei, uns an Ideen zu erinnern, die zwar in uns schlummern, die wir jedoch vergessen haben. Wenn wir also einen Menschen als schön betrachten, hilft uns dieses Betrachten dabei, und an die Idee der Schönheit selbst zu erinnern.

Bis hier her wird die Liebe in erster Linie als ein Mittel zur Erkenntnis betrachtet. Dies ändert sich im 20. Jahrhundert fundamental. Für Max Scheler beispielsweise, liegt der entscheidende Faktor der Liebe darin, den geliebten Menschen als unersetzbar zu betrachten, und nicht wie bisher, als eine dem Erkenntnisgewinn untergeordnete Kategorie. „Ihm geht es darum, den Finger darauf zu legen, dass, wenn wir jemanden lieben, sein Verlust eigentlich durch nichts wieder gutgemacht werden kann“, sagt Nora Kreft in einem Buchgespräch mit Deutschlandfunk Kultur.

Dating-Apps am philosophischen Stammtisch

Auch über die modernen Dating-Apps wird am Tisch gesprochen. Hier lässt Kreft noch einmal Max Scheler zu Wort kommen, der meint, dass die in solchen Apps dargestellten Personen wie Wahre im Supermarkt angeboten werden, und sich als solche auch anbieten. Brauchen wir angesichts dieser Veränderung und Abstufung eventuell einen neuen Begriff für "Liebe"? Hier differenziert die Autorin. Im "Modus" der Dating- Apps selbst sei das Verlieben zwar nicht vorgesehen, doch ist es nicht ausgeschlossen, dass das Kennenlernen über diese zur Liebe führt.

Kreft hält die Liebe der Menschen für eine Konstante, für eine "Grundkomponente bei Menschen". und schlägt sich auf die Seite Schelers wenn sie weiterhin ausführt, "dass das eben bedeutet, dass wir unsere Geliebten immer für unersetzbar halten.“

"Was ist Liebe, Sokrates" ist ein angenehmer, nachvollziehbarer Einblick darin, wie ein Begriff im Laufe der Zeit unterschiedlich gedeutet werden kann. Zusätzlich bietet das Buch grundlegende Einblicke in die von den Gästen vertretenden, philosophischen Strömungen, und kann so bei dem ein oder anderen Leser eventuell ein tieferes Interesse wecken.


Nora Kreft: „Was ist Liebe, Sokrates? Die großen Philosophen über das schönste aller Gefühle“, Piper-Verlag, 2019, 224 Seiten, 18 Euro

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