Die Coronakrise, so der Sozialpsychologe Harald Welzer, ist eine Lerngeschichte, deren genaues Lesen bei der Bewältigung anstehender Probleme äußerst wichtig sein kann. Worauf man während des Lesens dieser Geschichte unter anderem stößt, sind beunruhigende Tendenzen, deren Aufblühen bereits vor Corona zu beobachten war. Antidemokratische Aktionen, populistische Revolten und die Organisation freiheitsfeindlicher Bewegungen. Wir stellen in diesem Beitrag drei aktuelle Bücher vor, die sich mit diesen Bewegungen auseinandersetzen und Gegenoffensiven bilden.
Zukunft ist immer auch Jetzt. Die Frage danach, wie wir leben wollen, kann und darf nicht in die Hände derer gelegt werden, die auf diese Frage allzu einfache und schnelle Antworten parat haben und die von ihnen als Problem deklarierten Umstände dadurch lösen wollen, indem sie sie schlicht beseitigen. Zukunft ist Denkarbeit, ist Phantasie der Gegenwart, ist die Fähigkeit, unsichere Ziele zu formulieren, sich Gedanken über ein Projekt zu machen, dass so, wie es in der Planung entworfen wurde, letztlich nicht aussehen wird. Zukunftsplanung ist also - aus Sicht der nach Eindeutigkeit und Kompromisslosigkeit Strebenden -Zeitverschwendung. Dringend notwendige Zeitverschwendung. Verschwendung genau jener Zeit, die wir tagtäglich damit verbringen Online-Bestellungen zu ordern, zu scrollen, zu twittern, zu genießen, gelenkt und berechnet zu werden. Zukunftsplanung ist also genauer: Zeit-Zurück-Gewinnung.
Wie genau das aussehen kann, zeigen die im folgenden kurz vorgestellten drei Bücher: Hamed Abdel-Samad mit "Aus Liebe zu Deutschland"; Harald Welzer und Michel Friedman mit "Zeitenwende" und Michael J. Sandel mit "Vom Ende des Gemeindewohls".
Hamed Abdel-Samad - Aus Liebe zu Deutschland
Deutschland zu lieben bedeutet für Hamed Abdel-Samad nicht nur Werte wie Pluralität, Meinungsfreiheit und Demokratie zu lieben, sondern für diese Werte einzustehen, zu kämpfen. Dieser Kampf zu kämpfen, so ist sich der in Ägypten aufgewachsene Autor sicher, ist in unseren gegenwärtigen Zeiten notwendiger denn je. Seit Jahren schon beobachtet er Angriffe auf die demokratische Ordnung, einen autoritären Sturm, der die öffentlichen Auseinandersetzungen beherrscht und somit die für die Demokratie unerlässliche Diskursethik entschieden angreift. Relevanz hat, was am lautesten geschrien wird. Ernsthafte, argumentative Auseinandersetzungen sind kaum möglich. Hamed Abdel-Samad versucht mit seinem Buch unter anderem, das konstruktive Streiten hoch zu halten.
"Aus Liebe zu Deutschland ist ein Buch, das sich der Stärken dieses Landes ebenso versichert wie der Gefahren, denen es ausgesetzt ist. Es bedarf vielleicht eines zugewanderten Deutschen, der seinen Landsleuten klar macht, wie kostbar diese Errungenschaften sind und wie wenig selbstverständlich ihre Dauer ist." (Aus dem Ankündigungstext)
Michael Friedman, Harald Welzer - Zeitenwende
"Sie spielen Europa nicht als Modernisierungsvorhaben, als Weiterentwicklungs-Vorhaben, weil sie Schiss haben, dass ihnen das bei den Wählern keine Punkte bringt.", sagt Harald Welzer in "Zeitenwende", und skizziert damit indirekt den Grundgedanken des Buches. Wenn sie es nicht machen, dann müssen wir es eben machen; so könnte man diesen Grundgedanken runtergebrochen formulieren. Ausgehend von der Coronakrise als Brennglas, skizzieren die Autoren hier die drängensten Probleme unserer Zeit, und blicken anschließend auf die Zukunft Europas. Erleben wir gerade tatsächlich einen Epochenumbruch? Wie kann die Gesellschaft modernisiert werden? Ein Zurück in veraltete Muster kann uns nicht weiterbringen und würde im schlimmsten Fall zu autokratischen Strukturen führen; es braucht utopische Phantasie und proaktive Teilnahme am Projekt "Zukunft".
"Wir leben in einer Zeitenwende. Die demokratischen Gesellschaften stehen unter Druck durch die machtvolle Rückkehr der Autokraten, durch die Wiederkehr der Rechtsextremen, Nationalisten, Rassisten und Antisemiten, die Wellen von Hass, Hetze und Terrorismus erzeugen." (Aus dem Ankündigungstext)
Michael J. Sandel - Vom Ende des Gemeinwohls
Auch Michael J. Sandel sieht Corona als Kontrastmittel, welches nur sichtbarer macht, was vielen bisher unangenehm im Nacken saß. Populistische Meinungsmacherei steht auf dem Tagesplan und sickert ins Mark der Menschen, schnelle Lösungsvorschläge versprechen ein besserer Leben, Ausgrenzung bedeutet Sicherheit. Die Wahl Trumps, der Brexit und der Erfolg der AFD sind für Michael J. Sandel Antworten auf eine wachsende Ungleichheit innerhalb der Gesellschaft. Dabei blickt der Moralphilosoph insbesondere auf die Anforderung, die die Leistungsgesellschaft an uns stellt. Dieses Gesellschaftmodell produziert unermüdlich Gewinner und Verlierer, deren Abgrenzung von einander sich in den Ausgrenzungsvorstellungen vieler politischer Bewegungen wiederfindet.
Die Hybris der Gewinner ebenso wie die Demütigung der Verlierer befeuern den populistischen Protest, dessen Zeugen wir aktuell weltweit sind. Im Kern zielt der Unmut gegenüber den Eliten auf eine Kritik an der Tyrannei der Leistungsgesellschaft, und diese Kritik ist berechtigt. Seit Jahrzehnten nimmt die Ungleichheit in den demokratischen Gesellschaften zu, Verlierer und Gewinner des Systems entfernen sich sowohl auf sozialer als auch auf finanzieller Ebene immer weiter voneinander.
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