Corona-Krise Ferdinand von Schirach: Für eine europäische Verfassung

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Der Bestsellerautor Ferdinand von Schirach hält eine europäische Verfassung für denkbar und wichtig. Diesen Gedanken hatte er bereits in seinem neusten Buch "Trotzdem" geschildert. In einem Interview mit dem Morgenmagazin hat Schirach seine Idee nochmals bestärkt.

Ferdinand von Schirach sprach mit dem Morgenmagazin über das in der Krise steckende Veränderungspotential und über die Möglichkeit einer europäischen Verfassung. Foto: Paulus Ponizak

Die Corona-Krise brachte einige Erkenntnisse mit sich, die in Bezug auf die Gestaltung und Umgestaltung unserer Gesellschaft auch künftig eine große Rolle spielen werden. Dieser Auffassung ist auch der Bestsellerautor Ferdinand von Schirach, der während des Lockdowns einen intensiven Austausch mit dem Filmemacher Alexander Kluge pflegte. Das Gespräch ist in Buchform unter dem Titel "Trotzdem" erschienen, und schnell zu einem Besteller avanciert. Gegen Ende des Gespräches kommt von Schirach auf die Idee einer europäischen Verfassung zu sprechen, die er in einem Interview mit dem Morgenmagazin nun noch einmal vertieft hat. Mit Corona, so der Autor, hätte man "plötzlich gelernt, dass wir alles tun können, wenn wir das wollen..."

Während Corona haben wir gesehen, dass die Regierung plötzlich bereit war, Dinge über den Haufen zu werfen, die wir bis dato für unveränderbar und fest verankert hielten. Warum also nicht diese Transformationsbereitschaft nutzen, um über die Idee einer europäischen Verfassung nachzudenken? Diese, so von Schirach, könne jedoch nicht von Seiten der Politik entworfen werden, sondern müsse - wie nahezu alle Verfassungen - von der Bevölkerung ausgehen.

Wie könnte eine europäische Verfassung aussehen?

Auf die Frage, was in solch einer europäischen Verfassung stehen könnte, bringt von Schirach sogleich einige Vorschläge. Vorschläge, die aus gegenwärtiger Sicht möglicherweise utopisch klingen, die jedoch gerade deshalb interessant sind. Änderungen, die wir uns heut überhaupt nicht vorstellen können, wie "beispielsweise, dass jeder Mensch das alleinige Recht über seine Daten hat. Dass jeder Mensch ein Anspruch hat, auf eine intakte Umwelt. Oder das weltweit ... immer die Menschenrechte vor wirtschaftlichen Überlegungen stehen sollen ..."

Man müsse sich nur einmal vorstellen, es gäbe eine junge Bewegung, ähnlich der fridaysforfuture-Bewegung, die für solch eine Verfassung einsteht und die entsprechenden Veränderungen lautstark fordert.

Mit der Wirtschaft ist es gefährlich

Wirtschaft, so von Schirach, ist sicher eine Grundvoraussetzung für ein gedeihendes Zusammenleben. Doch wird es ab dem Punkt gefährlich, an dem die Politik die wirtschaftlichen Interessen über die Wahrung der Menschenrechte stellt. "Dann sind Sie sehr schnell in diktatorischen Systemen"

Natürlich habe die Krise auch gezeigt wie gespalten Europa sein kann, und mit Sicherheit hat auch Deutschland an vielen Stellen falsch gehandelt. Aber, so der Autor, man darf nicht vergessen, dass das Europa, welches wir kennen, selbst aus einer Krise heraus aufgebaut wurde. Krisen tragen ein ungeheures Veränderungspotential in sich. So auch Corona. Wichtige wäre, nach der Pandemie geradewegs auf ein besseres Europa zuzusteuern. Und so schließt von Schirach das Interview mit den Worten: "Wenn wir etwas verändern wollen, zum Positiven hin, können wir es verändern..."


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