Corona und Literatur Die Kultur in der Krisenzeit: So öde wie noch nie

Die Covid-19-Pandemie fährt sich langsam ein. Das wilde Getümmel beruhigt sich, der Rauch ist allmählich verzogen und vom hauseigenen Klopapier Thron aus ist es nun endlich möglich, sich so etwas wie einen Überblick zu verschaffen. Neben Fake-News, Erhebungen, Anklagen und Statistiken fällt dabei vor allem eines auf: Die Kultur ist in diesen Zeiten so öde und lähmend wie noch nie.

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Foto: Pixabay Verlage haben Angst vor einem Überfluss an Quarantäne-Romane. Zu recht. Kulturschaffende arbeiten derzeit so öde wie noch nie.

Wie gehen Künstlerinnen und Künstler mit dem derzeitigen Ausnahme-Zustand um? Corona, Corona, Corona... scheint sich da in den sogenannten kreativen Köpfen beständig zu wiederholen, und dann, am Ende dieser scheinbaren Endlosschleife kommt die wahnsinnig zündende Idee: Wir machen einfach das, was wir die letzen 10 Jahre gemacht haben; eben nur im Netz. Das ist alles. Wenn es stimmt, dass Krisen, aus gesellschaftlicher Perspektive betrachtet, wie ein Kontrastmittel wirken, welches das bereits vorherrschende Gute und Schlechte, die Probleme und Vorteile einer Gesellschaft nur verdeutlicht, dann hat man jetzt endlich die Möglichkeit zu erkennen, wie nichtssagend und redundant ein großer Anteil der sogenannten Kulturschaffenden hierzulande sind.

 

Weil sie die Verbote so gern haben

Ein Beispiel zur Verdeutlichung: Wenn man heute das 2003 in Buchform erschienene Internet-Tagebuch "Abfall für alle" des Schriftstellers Rainald Goetz als neues Projekt veröffentlichen würde, dann würde diese 17 Jahre alte Textsammlung bahnbrechender, provokanter, denkwürdiger und aufschlussreicher daher kommen, als viele der monothematischen Kunst- und Schreibversuche junger und - wie es scheint - gar nicht mehr so wilder Gegenwartskünstleri*nnen. Wie gut allein die Verlage diese Vordenkerinnen und Vordenker kennen, wird mit einem Statement deutlich, welches gleich mit Ausbruch der Pandemie die Runde machte: Bitte keine Quarantäne-Romane! keine Isolation-Tagebücher! keine Dystopien! kein In-Szene-Setzen dessen, was sich direkt vor oder hinter der eigenen Haustür abspielt. Unüberhörbar klingt in dieser Bitte die Aufforderung mit, tiefer in diesen oder jenen Gegenstand "hineinzudenken", der schnellen Gegenwart also die Langwierigkeit (Langweiligkeit?) einer ernsthaften Auseinandersetzung entgegenzusetzen, anstatt das erstbeste Ereignis aufzuhübschen, in Sätze zu verpacken, und damit schnellstmöglich zum Verleger zu rennen, um endlich den eigenen Namen auf einem Buchcover strahlen zu sehen.

In der Tat, die Krise macht deutlich, was wir schon lange spürten, aber bisher kaum genauer benennen konnten: Der erfrischende und aufmüpfige Sound der postmodernen und popkulturellen Literatur hat sich gewandelt; die Provokation (nicht die blinde, die ihrer selbst wegen provoziert, die gibt es leider noch) hat sich der Verbotskultur unterworfen, der Ästhetizismus hat die weiße Fahne gehisst und den Platz geräumt für einen in der Mitte der Künstler*innen-Kreise angesiedelten Ethik-Rat. Wer auf bewusstseinsverändernde, aufbrecherische Literatur hofft, trifft nur selten auf junge Schriftsteller*innen, die sich mit Überzeugung einem Thema verschrieben haben, und sich damit schon von Grund auf abheben. Interessanterweise muss man ausgerechnet bei jenen wenigen nicht die Befürchtung haben, dass sie in zwei oder drei Monaten mit einem Quarantäne-Roman daherkommen.

Unglücklich die Autoren...

Hier zeigt sich ein weiteres Mal: Gute Kunst ist zum großen Teil exzessiv. Sie geht aus Krisen hervor, gewiss, aber diese Krisen waren bereits lang vor Corona im jeweiligen Schaffenden existent. Es sind Lebenskrisen, die verlangen, mittels künstlerischer Produktion umgestaltet, wegerzählt, ausgelöscht zu werden. Sie verlangen eben nicht nach Restriktion (ob passiv erlebt oder aktiv gestaltet), nicht nach kulturellem Verbot, sondern nach künstlerischer Aktion. Sie müssen zum Schweigen gebracht werden, ganz gleich ob schreibend, malend, installierend oder modulierend.

Ostsee-Urlaub auf Usedom


"Unglücklich das Land, das Helden nötig hat" lautet ein Wort Berthold Brechts. Gegenwärtig können wir abschließend festhalten: "Unglücklich die Autoren, deren erste Kriese mit Corona kam".


 

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