Die Buchhandlung Eures Vertrauens hat derzeit geschlossen? Wir versuchen zu helfen! Über die Ostertage hinweg empfehlen wir täglich zwei neue Buchtipps für groß und klein. Heute empfehlen für die älteren Leser*innen einen wunderbaren Tagesbegleiter. Peter Handkes "Versuch über den geglückten Tag".
Wie glückt ein Tag?
Welch ein Text könnte besser zur gegenwärtigen Lage passen als jener, der die Frage danach aufwirft, wie ein einziger Tag glücken könnte? Was anfangen, mit den Stunden, was erkunden, wie denken? Nach seinem "Versuch über die Müdigkeit" und dem "Versuch zur Jukebox" schloss Peter Handke mit diesem dritten "Versuch", der dem alltäglich Dasein gewidmet ist, seine essayistische Erkundungstour ab. Der Text entstand schon im Jahre 1992, ist aber in Zeiten der Quarantäne gegenwärtiger denn je. Jetzt, wo viele Menschen ein klein wenig mehr Zeit zur Selbst-Befragung haben, bäumt sich eine andere Sicht auf die Dinge auf. Vielleicht sehen wir die Dinge anders, bemerken phantastische Verästelungen, verzierte Fassaden, den stolpernden Fußgänger. Genau das ist es, was Handkes dritter "Versuch" einem beibringen kann: Anders sehen.
»Wie viel mehr wäre mit dem Tag zu machen, mit nichts als dem. Und jetzt, in meinem Leben, in deinem, in unser beiden Epoche, ist sein Momentum … Wenn ich es nicht jetzt mit dem Tag versuche, dann habe ich seine Möglichkeiten auf Dauer verspielt …«
Peter Handke ist seit Jahrzehnten bereits eine Art Existenzkünstler, einer, der sich selbst als "Müßiggänger" bezeichnet und schon seit längerem eine gewisse Radikalität darin sieht, sich dem Medienwirbel und den Ablenkungsversuchen der Massenwirtschaft zu widersetzen. Hier fragt er "Wer hat schon einen geglückten Tag erlebt?", wohl im wissen darum, dass weder eher, noch irgendein anderer, diese Frage mit "Ich!" beantworten könnte. "Versuch über den geglückten Tag" ist eine Schrift, die ebenso philosophisch wie poetisch ist; ein Text, der das sehen mit den Mitteln des Denkens, und das denken mit den Mitteln des Sehens beschreibt.
Oft spricht das Autoren-Ich dabei mit sich selbst, findet Analogien und erfindet Fragestellungen, die wieder ins Nichts führen, aber unbedingt weiter ausformuliert werden müssen. Ein Irrweg nach dem anderen. Vielleicht kommt man dem glücklichen Tag etwas näher, indem man einen ganzen Tag lang nach ihm sucht? Jetzt haben wir vielleicht etwas mehr Zeit dazu, wann also sonst sollten wir uns auf diese Suche begeben? Mit Handkes kleinem Buch hat man vielleicht einen Wegweiser bei sich.
Peter Handke - Versuch über den geglückten Tag, Suhrkamp Verlag, 1992, 91 Seiten, 18 Euro
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