In seinem neuen Roman "Menschen wie ich" fragt Ian McEwan, wo im kommenden Zeitalter große Gefühle ihren Platz finden könnten. Maschinen und Liebe, geht das zusammen?
Mittlerweile dürfte es wohl kaum noch Zweifel daran geben, dass die Maschinen der nahen Zukunft viele der Aufgaben übernehmen werden, die derzeit noch von Menschen verrichtet werden. Dabei handelt es sich in erster Linie um Jobs, deren Verrichtung unter die Rubrik "entfremdete Arbeit" fallen dürfte. Produktions- und Fließbandjobs in Fabriken, die oft mit ungeheuren, körperlichen Anstrengungen einhergehen, und, wie wir vor kurzem erst in Büchern wie "Rückkehr nach Reims" (Didier Eribon) und "Wer hat meinen Vater getötet" (Eduard Louis) gelesen haben, Menschen regelrecht zu Grunde richten können. Werden Jobs dieser Art in Zukunft von Maschinen verrichtet, ist dies also kein Grund zu trauern, vorausgesetzt, Jene, die jetzt noch mit diesen Jobs ihren Lebensunterhalt verdienen, werden vom Staat entsprechend aufgefangen.
Wozu aber werden Maschinen noch in der Lage sein? Wie steht es mit den großen Gefühlen? Können Roboter lieben? Genau damit hat sich der Bestsellerautor Ian McEwan in seinem neuen Roman "Menschen wie ich" befasst. In einem Interview mit dem ZDF sprach McEwan nun über seine Sicht auf das kommende Zeitalter.
"Menschen wie ich"
In "Menschen wie ich" kauft sich ein junger Londoner namens Charlie einen humanoiden Roboter. Adam. Gemeinsam mit seiner Nachbarin Miranda - die beiden haben seit kurzem ein Verhältnis - konfiguriert er die Chraktereigenschaften seines neuen Begleiters. Der Roboter erscheint immer menschlicher, bald schon etwas zu menschlich. Er geht mit Miranda ins Bett und verliebt sich schlussendlich in sie.
Wie nahe steht dieser Roman der kommenden Entwiclkungen? Sind Roboter mit solch komplexen Gefühlen denkbar? Stellen sie womöglich eine Bedrohung dar? Sollten wir uns nicht dringend die Frage stellen, was für Maschinen wir für welche Aufgaben produziert haben wollen?
Die Zehen im Wasser des Ozeans
Mit dem ZDF sprach Ian McEwan über seine Vorstellungen der Zukunft. Der Schriftsteller macht deutlich: "Wir stehen am Rande dessen, was ich für ein neues Zeitalter halte." Kinder, so McEwan, sprechen mit Systemen wie Siri oder Alexa, Flugzeuge stürzen ab, weil Bordcomputer und Piloten entgegengesetzt handelten. Auch die Regierungen, so McEwan weiter, stünden in einem "scharfen Wettbewerb" untereinander, wenn es um künstliche Intelligenz geht. Militär, Landwirtschaft und Industrie rüsten immer weiter auf.
Den Stand der gegenwärtigen Entwicklungen beschreibt der Autor mit einem nachvollziehbaren Bild: "Es ist, als stünden wir am Ufer, schauten auf diesen Ozean und hätten unsere Zehen gerade mal im Wasser."
Ian McEwan beschäftigt sich seit 40 Jahren mit dem Thema Künstliche Intelligenz. Das er selbst einen Gefühlsfähigen Roboter wie Adam erleben wird, glaubt er nicht. Doch bereits jetzt bringt die Künstliche Intelligenz moralische Fragen mit sich, die nicht ohne weiteres zu lösen sind. McEwan verweist hier auf das Beispiel der selbstfahrenden Autos. Wie sollten diese programmiert werden, wenn es darum geht, einem Hindernis auszuweichen? Zugunsten des Mit-Fahrers oder Zugunsten des Passanten?
Emotionale Beziehung zu Maschinen? Das ist längst der Fall!
Nach den in seinem Roman beschriebenen emotionalen Beziehung zwischen Mensch und Roboter befragt, antwortet der Autor: "Jeder, der seinem Auto wenn es stehen bleibt einen ordentlichen Tritt gibt, ist schon in einer emotionalen Beziehung mit einer Maschine." Er erinnert an die Roboter-Hunde in China, die bereits jetzt durch die Stadt laufen und ihre Besitzer an das pünktliche Einnehmen ihrer Medikamente erinnern. Diese Art der Beziehung ist also längst an der Tagesordnung; es hat sich längst eingeschlichen.
Der Wandel, der mit der Digitalisierung vonstatten geht, wird, so McEwan, gravierender sein "als die Erfindung des Rades, größer als die Agrar-Revolution - wahrscheinlich so groß wie die industrielle Revolution." Es ist unsere Aufgabe, den Veränderungen einen angemessenen Rahmen zu geben. Wird das Potenzial der bevorstehenden Entwicklungen vernünftig genutzt, kann das Reultat eine bessere Welt sein. Dafür benötigt es allerdings zunächst ein moralisches Grundverständnis. Menschen kann man oft nicht ändern, Maschinen schon.
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