Die Wäsch

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Wenn ich an die Wäsch denke, dann sehe ich ein helles Rot. Wenn man die Augen geschlossen hielt und die Sonne hoch am Himmel stand, leuchtete dieses Rot durch die Lider.

Um einen herum lag der Lärm eines Sommertages im Freibad: Kindergeschrei, Lachen und das Platschen aus den Becken. Dazu dieses kalte Wasser, für das die Wäsch bekannt war. Wenn uns das frische Quellwasser völlig ausgekühlt hatte, legten wir uns auf die heißen Betonplatten und wärmten uns wieder auf.

So wie jetzt.

Mein Bauch und meine Brust taten etwas weh. Die Haut war wund, weil ich über den rauen Boden gerutscht war.

„Michel, sin meu Lippe noch blau?“

„Nä, Strietzi. Un meune?“

„Nä, deune sinn ah widder rot. Solle mer zu de Mama on de Platz geh?“

„Ja, kumm.“

Er rannte los, und ich folgte ihm.

Es war gar nicht so einfach, zu unserer Mutter zu gelangen. Wir waren mit Gabi und ihrer ganzen Verwandtschaft in der Wäsch. Mindestens zwanzig Decken lagen ohne jede Lücke nebeneinander. Also liefen wir einfach mitten über die anderen Plätze.

„He, ihr zwä! Bassen mo e bissje uff! Do leit meu Nancy!“

„Tut mer leed, Charlotte“, sagte Mama.

Dann drehte sie sich zu uns.

„Bassen besser uff. Ihr honn beinah es Baby getret!“

„Ja, Mama“, antworteten wir gleichzeitig.

„So, gucken mo in de Kühltasch. Do is e Packung Prinzen Rolle drin. Do können ihr eich e paar nemme.“

Michel und ich setzten uns auf unsere Decke, aßen die Kekse und schauten über das Freibad.

Er fixierte den Sprungturm.

Lange.

Viel zu lange.

„Ey, Strietzi, was denkschen, wann du mo vum Zehner springsch?“

Ich schaute zum Turm hinauf.

„Is mir zu hoch.“

„Mir net.“

„Jo, jo, dass ich net lach!“, sagte eines der älteren Kinder hinter uns.

Es war ein etwas dickerer Junge, bestimmt schon dreizehn oder vierzehn Jahre alt.

„Du Pimpf kannsch doch net mol schwimme!“

„Konn ich wohl!“

„Ajo. Wer’s glabt, werd seelich.“

Der Junge stand auf, winkte ab und ging zum großen Becken.

„Loss dich net ärjere“, sagte ich. „Kumm, ich muss mo uffs Klo.“

„Dann geh doch ins Wasser.“

„Nä, ich muss mo für große Bube.“

Wir liefen über die alten Holzlatten zu den Toiletten auf der anderen Seite des Beckens. Ich ging hinein. Als ich wieder herauskam, war Michel verschwunden.

„Miiiicheeeel?“

Ich rief so lange, bis meine Stimme heiser wurde.

Ich suchte zwischen den Umkleiden und schaute darunter. Immer wieder sah ich nackte Füße, aber nie die Füße eines kleinen Kindes.

„Michel!“

Keine Antwort.

Schließlich ging ich zum Bademeister.

Er war ein Muskelprotz und hieß Mildenberger. Es hieß, er hätte einmal gegen den großen Ali geboxt.

„Bademäschder“, sagte ich. „Ich such meu klänner Bruder. Er is fünf und heißt Michel. Er hat braune Hoor un braune Aue un is ungefähr so groß.“

Ich hielt meine Hand an meine Nase.

Der Bademeister stand sofort auf, ging in sein Büro und nahm das Mikrofon.

„Der klänne Michel werd gesucht. Der klänne Michel werd gesucht.“

Seine Stimme knackte laut und blechern aus den Lautsprechern über der ganzen Wäsch.

Dann schaute er zur Tür heraus.

„Wie heeschd du?“

„And … ich män Strietzi.“

Der Bademeister nahm das Mikrofon wieder hoch.

„De Strietzi sucht seu klänner Bruder, de Michel.“

„Strietziiiiii!“

Ich schaute in Richtung Kiosk.

Mama kam angerannt. Ihre Haare flogen wild umher, und ihr Gesicht war so weiß wie die Wand in unserer Küche.

„Mama!“, riefen meine Schwestern und kamen aus dem Wasser.

Sie blieb vor mir stehen und musste so heftig nach Luft schnappen, dass sie beinahe zusammensackte. Sie packte mich an den Schultern. Ihre Finger zitterten so stark, dass es wehtat.

„Wo isser?“

„Ich wäs es net, Mama. Ich war nur kurz uffm Klo, do war er verschwunn.“

Sie hielt sich beide Hände an die Wangen und starrte auf die Wasseroberfläche. Jedes Mal, wenn irgendwo ein Kopf auftauchte, zuckte ihr Blick dorthin.

Dann schüttelte sie wild den Kopf.

„Nä. Nä. Nä.“

Sie griff nach dem Geländer, hielt sich daran fest und schloss kurz die Augen.

Dann nickte sie.

„Gut. Strietzi, du gehsch uff die onner Seit un gucksch, ob er om Steg is. Ihr Mäd gehn änner rechts un änner links, am Kiosk beim Unkel Fritz vorbei zum Spielplatz. Vielleicht isser jo do hinne. Ich geh zum Sprungturm und zum Philippo. Vielleicht will er sich jo beim Eismäggi was hole.“

Wir liefen los.

Auch Herr Seel, der Rettungsschwimmer, kam herbeigeeilt.

„Was hat er donn oh?“, fragte er.

„Ä blaui Badehoss mit weiße Streife uff de Seit“, antwortete ich.

Herr Seel drehte sich zu einer Schar Kinder, die sich inzwischen um uns versammelt hatte.

„De Michel is fünf, hat kurze braune Hoor un braune Aue. Er hat ä blaui Badehoss mit weiße Streife oh. Ihr gucken beim Spielplatz, bei de Hecke un unner de Umkleide.“ Er deutete mit beiden Armen in verschiedene Richtungen. Dann rief er: „Los jetzt!“ Und alle rannten davon.

Wir suchten bestimmt eine halbe Stunde lang.

Meine Füße brannten auf den heißen Betonplatten, aber ich rannte immer weiter. Vorbei an den vielen Decken, den schreienden Kindern und dem tiefen blauen Wasser.

Bei jedem Kopf, der aus einem Becken auftauchte, schaute ich genau hin.

Doch nie war es Michels Gesicht.

Der Bademeister rief seinen Namen immer wieder aus. Fremde Leute hielten uns an und fragten:

„Wie sieht er denn aus?“

Dann liefen sie die großen Hecken ab oder schauten unter den Umkleiden nach.

Niemand fand ihn.

Zweimal sah ich Mama von Weitem zwischen den Liegewiesen rennen. Sie hielt eine Hand vor den Mund, schaute immer wieder zum Wasser und rief:

„Michel! Mi-chel!“

Ihre Stimme klang ganz brüchig. Sie wusste nicht mehr, wohin sie noch laufen sollte, und drehte sich nur noch im Kreis.

Dann rief plötzlich jemand:

„Gucken mo do obbe uffm Zehner! Do steht e klänner Bu!“

Ich musste gar nicht erst hinaufsehen, um zu wissen, wer dort stand.

Sofort dachte ich an die Frage, die Michel mir vorhin gestellt hatte.

Ich lief zu Mama, die sich noch immer suchend im Kreis drehte, und tippte ihr fest auf die Schulter.

„Mama, guck mo do obbe.“

Er war es.

Ich erkannte ihn an seiner Badehose.

Dort oben sah Michel winzig aus. Als würde er auf dem Dach eines Hochhauses stehen.

„Der Zehner is gesperrt!“, rief der Bademeister ins Mikrofon. „Kumm runner, klänner Monn!“

Michel trat an den Rand.

„Ich glaub, der will springe“, hörte ich jemanden sagen.

„Ach was, der Kläne springt doch net“, antwortete ein anderer.

„Michelll, bleib obbe! Ich hol dich!“, schrie Mama. „Bleib do, ich kumm!“

Sie rannte zum Sprungturm, und wir folgten ihr.

Doch Michel ging bereits ein wenig in die Knie.

Dann stieß er sich ab und fiel in die Tiefe.

Mama blieb stehen und schrie. Sie schlug sich beide Hände vor die Augen.

Dann ging alles ganz schnell.

Michel tauchte wieder auf. Mehrere Leute schwammen sofort zu ihm und halfen ihm aus dem Becken.

Sobald er am Beckenrand stand, rannte Mama zu ihm und zog ihn an sich. Ringsum blieben die Leute stehen und schauten, doch sie drehte ihnen den Rücken zu.

„Bisch du verrickt? Ich krie noch änes Daches e Herzinfarkt weh dir!“

Sie strich ihm über das nasse Haar.

„Du konnsch doch noch gar net schwimme.“

„Abber huppse konn ich, Mama, abber huppse!“


Anmerkung: Die Dialoge sind bewusst in Lautrer Pälzisch geschrieben, die Erzählebene bleibt durchgehend Hochdeutsch. Der Text stammt aus meinem Erinnerungsbuch „Mir sinn die Bube“, das mit vollständigem Glossar erscheint.

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