Sendungsbeginn mit László Krasznahorkai – der neue Literaturnobelpreisträger
Druckfrisch vom 12. Oktober 2025 László Krasznahorkai, Anja Kampmann, Katerina Poladjan – und Denis Scheck mit der SPIEGEL-Bestsellerliste
Die Sendung beginnt mit einem Rückblick – auf ein Interview aus dem Jahr 2018. Damals traf Denis Scheck jenen Autor, der in diesem Jahr mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wurde: László Krasznahorkai.
Der ungarische Schriftsteller liest zunächst einige Zeilen aus seinem Buch – ruhig, tastend, mit jener dunklen Musikalität, die seine Prosa durchzieht. Dann folgt das Gespräch.
Scheck nennt ihn einen entschiedenen Gegner Viktor Orbáns, doch Krasznahorkai selbst bleibt zurückhaltend. Er wirkt abgeklärt, fast kühl, aber nie zynisch. Für ihn ist klar: Literatur hat keine Funktion. Sie dient keinem Zweck. Und gerade deshalb – weil sie sich verweigert – kann sie eine Realität erschaffen, die wir brauchen.
Im Zentrum seiner Lesung steht eine Liebesgeschichte – von Anfang an tragisch. Entweder, sagt er, verlieren wir unsere Illusionen. Oder wir verlieren die Liebe selbst.
Und dann fällt dieser Satz, der haften bleibt: „Der Teufel ist draußen.“ Kein Pathos, keine Erklärung. Nur diese fünf Worte – als nüchterne Beschreibung eines Zustands, der sich kaum fassen lässt. Doch wer ihn hört, weiß, was gemeint ist.
Im Gespräch: Anja Kampmann über Die Wut ist ein heller Stern
Es folgt ein intensives Interview mit Anja Kampmann. Man sieht ihr an, wie nah ihr das Thema geht. In ihrem neuen Roman Die Wut ist ein heller Stern, erschienen bei Hanser, blickt sie hundert Jahre zurück – ins politisch aufgeladene Hamburg der frühen dreißiger Jahre, ins sogenannte „rote Hamburg“.
Doch statt ein historisches Panorama zu entwerfen, konzentriert sich Kampmann auf das, was fehlt: die Lücken in der Überlieferung, das Unsichtbare zwischen den Zeilen.
„Was wir über diese Zeit wissen, ist oft das, was übrig geblieben ist. Nicht das, was wirklich gelebt wurde“, sagt sie. Ihr Roman setzt dort an: im Moment des Kippens, als zwischen Reeperbahn und Hafenkante die politischen Linien härter werden, als Angst in den Alltag sickert.
Im Zentrum steht Hedda, eine Seiltänzerin im Varieté – eine Frau, die buchstäblich balanciert: zwischen Kunst und Existenz, zwischen Freiheit und Bedrohung. Ihre Kunst ist keine Nummer – sie ist Ausdruck, Ausbruch, Überleben. Die Bühne: letzte freie Fläche in einer Welt, die sich verengt.
SPIEGEL-Bestsellerliste Belletristik (Oktober 2025)
Zwischen Weltliteratur und Plumpsküche – Schecks literarische Monatsdiät
Einmal im Monat nimmt Denis Scheck die SPIEGEL-Bestsellerliste Belletristik unter die Lupe – und tut, was sonst keiner tut: Er liest alle Titel. Hier seine Urteile – direkt, pointiert, gnadenlos – mit Kommentaren zur Einordnung.
Platz 10: Susanne Abel – Du musst meine Hand fester halten
Ein bewegender Roman über ein katholisches Kinderheim im Jahr 1947. Scheck lobt: „Du musst meine Hand fester halten“
Ein Titel, der haften bleibt – und ein Roman, der den Nachkrieg mit leiser Wucht erzählt. Scheck erkennt die emotionale Kraft und Genauigkeit dieses Buches an.
Platz 9: Ian McEwan – Was wir wissen können
Europa im Jahr 2119: eine überflutete Inselwelt, ein Literaturwissenschaftler auf der Spur eines verlorenen Gedichts. Scheck urteilt: „Weltliteratur.“
Ein großes Wort, treffend gewählt. McEwan denkt weit – über Zeit, Schuld, Kunst. Ein Roman mit Nachhall, präzise wie ein Versmaß, weit wie ein Ozean.
Platz 8: Klaus-Peter Wolf – Der Weihnachtsmannkiller
Ostfriesland, Mord, Weihnachten – das Erfolgsrezept.
Scheck ätzt: „Diese spezifischen deutschen Regionalkrimis … sind das Äquivalent zur deutschen Plumpsküche.“
Ein Seitenhieb auf Genre-Mechanik und literarische Gemütlichkeit. Regionaler Kitsch statt literarischer Anspruch? Für Scheck ein klarer Fall.
Platz 7: StarCrossed Hearts von Marissa Meyers
Eine Mischung aus Fantasy und Popkultur, irgendwo zwischen Märchen und Metapher.
Scheck nennt es: „Eine vergnügliche Unterhaltung.“
Fair, nicht ironisch. Scheck erkennt: Unterhaltung darf sein – wenn sie funktioniert. Und diese tut es offenbar.
Platz 6: Ferdinand von Schirach – Der stille Freund
Eine kurze, eindringliche Novelle über Schuld und Bindung.
Scheck sagt: „Zusammengehalten durch nichts als der Erzählerstimme.“
Ein Urteil, das auch ein Lob ist. Bei Schirach zählt nicht die Handlung – sondern die Haltung. Der Ton ist der Text.
Platz 5: Caroline Wahl – Die Assistenten
Burnout, Büro, Systemfrage.
Scheck endet mit der Erkenntnis des Romans: „Bin ich verrückt oder meine Firma?“
Schecks bisher skeptischer Blick auf Wahl kippt ins Lob. Die Sprache passt, die Figuren tragen. Ein Roman, der die Gegenwart ernst nimmt – und sich dabei nicht zu ernst.
Platz 4: Elizabeth George – Wer Zwietracht sät
Krimi, Familiendrama, Gesellschaftsroman.
Scheck lobt: „...Gespür für mörderische Familiendynamiken....“
George bleibt sich treu – und trifft genau da, wo es wehtut: in der Intimsphäre, wo Verbrechen nicht nur äußerlich, sondern innerlich geschehen.
Platz 3: Dan Brown – Das Geheimnis der Geheimnisse
Prag, Paranoia, Plotmaschine.
Scheck urteilt: „....Der neue Dan Brown liest sich so spannend wie ein oberflächlicher Reiseführer über die goldene Stadt.“
Brown bleibt seiner Formel treu – leider. Scheck sieht nur noch Kulisse, keinen Kern. Spannung? Fehlanzeige.
Platz 2: Ken Follett – Stonehenge. Die Kathedrale der Zeit
Große Geschichte, große Geste – aber zu wenig Fremdheit.
Scheck kommentiert: „....Dass mich seine vor viereinhalbtausend Jahren lebenden Jäger, Sammler, Hirten und Bauern in ihren Denkweisen doch stark an Delegierte auf einem Labour-Parteitag erinnern, muss an mir liegen.“
Eine brillante Spitze. Folletts Welt ist sauber recherchiert – aber zu modern gedacht. Archäologie trifft Anachronismus.
Platz 1: SenLinYu – Alchemised
Ein global gehypter Fantasyroman – geboren auf Wattpad.
Scheck zitiert: „Warum fühlt sich alles so verkehrt an – als wäre es gar nicht echt?“
Und ergänzt trocken: „Weil du eine Figur in einem synthetischen Fantasieroman bist … aus Copyright-Gründen … gereinigt wurde und in etwa so viel mit Literatur zu tun hat wie ein Big Mac mit Essen.“
Härter geht’s nicht. Ein Verriss mit System: gegen den Algorithmus, gegen das synthetische Erzählen, gegen den literarischen Plastikgeschmack.
Im Gespräch: Katerina Poladjan über Goldstrand
Zum Schluss ein ruhiges, freundliches Interview mit Katerina Poladjan. Denis Scheck hört genau zu – und Poladjan antwortet mit leiser Präzision.
Ihr neuer Roman Goldstrand spielt mit Erinnerung, Leerstellen und Familienmythen. Erzählt wird die Geschichte von Eli, einem Regisseur, der in Therapiesitzungen seiner Biografie nachgeht – oder ihr ausweicht. Seine Mutter, eine Frau zwischen Flucht, Affäre und Abwesenheit. Der Goldstrand? Projektionsfläche für alles, was verloren ging oder nie war.
Poladjan spricht uneitel, aber bestimmt. Über Figuren, die sich entziehen. Über Worte, die zu viel sagen, und das Schweigen dazwischen.
Am Ende zieht Scheck sein Fazit – schlicht, aber aufrichtig: „Großes Kopfkino.“
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