Eine Frau, die das Deutsche nicht mit der Muttermilch, sondern mit der Sehnsucht lernte, wird mit einem Preis geehrt, der den Namen eines Mannes trägt, dem Sprache nie Heimstatt, sondern stets Werkzeug war. Emine Sevgi Özdamar, geboren 1946 in Malatya, geprägt von den Städten Istanbul, Berlin und der Bühne, erhält den Bertolt-Brecht-Preis 2026 der Stadt Augsburg. Verliehen wird er am 10. Februar im Kleinen Goldenen Saal – ein Ort, dessen barocker Glanz sich auf irritierende Weise mit dem unbequemen Geist Brechts reibt.
Zwischen den Sprachen, über die Grenzen
Augsburgs Kulturreferent Jürgen K. Enninger nennt Özdamar eine literarische Stimme, „die mit poetischer Kraft und politischer Klarheit Brücken zwischen Kulturen schlägt“. Ihr Werk sei „unbequem, wach und voller Menschlichkeit“ – Begriffe, die im politischen Betrieb rasch zur Phrase werden, bei Özdamar aber Substanz gewinnen: Ihre Texte sind keine Brücken aus Stein, sondern aus Silben – fragil, tragfähig, widerständig. Aus der Migration ins literarische Gedächtnis, aus der Fremde ins Deutsche, aus der Bühne ins Buch.
Die Augsburger Oberbürgermeisterin Eva Weber verweist auf das Kriterium der kritischen Gegenwartsanalyse – im Geiste Brechts. Özdamars Werk erfüllt es, ohne es zu bedienen. Sie denkt nicht in Slogans, sondern in Szenen. Ihre Literatur ist Erinnerung ohne Nostalgie, Analyse ohne Formel. Ihre Romane sind Räume zwischen den Räumen, ihre Figuren immer auf der Schwelle – zwischen Herkunft und Zukunft, zwischen Sprache und Schweigen.
Theater als Herkunft, Literatur als Erfindung
Özdamar stand schon mit zwölf Jahren auf der Bühne. Sie wurde Schauspielerin, Regisseurin, Autorin. Nach ihrer Ausbildung in der Türkei kehrte sie in den 1970ern nach Deutschland zurück – auch als Reaktion auf den Militärputsch. Sie arbeitete mit Benno Besson, Matthias Langhoff, Ruth Berghaus und Klaus Peymann, am Berliner Ensemble, in Wien, München und Paris. Ihre Theaterstücke, darunter „Karagöz in Alamania“ (1982), gehören zu den frühesten postmigrantischen Arbeiten im deutschsprachigen Theater.
Doch es ist die Prosa, in der ihre Stimme voll zur Geltung kommt: „Mutterzunge“ (1990), ihr Debüt, wird von der Jury des Brecht-Preises als „eine Sprache von seltener Schönheit“ beschrieben – lautmalerisch, opulent, durchzogen von oraler Tradition und politischer Erinnerung. Özdamar erzählt nicht von sich, sondern durch sich. Ihre Trilogie – „Das Leben ist eine Karawanserei“, „Die Brücke vom Goldenen Horn“, „Seltsame Sterne starren zur Erde“ – bildet einen poetischen Atlas des 20. Jahrhunderts. Es sind vielstimmige, abgründige Märchen mit dokumentarischer Tiefenschärfe.
Sprache ist immer auch Echo
2022 wurde sie mit dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet – ein symbolischer Höhepunkt und zugleich eine Irritation. Denn Özdamars Texte sind kein Beweis gelungener Integration, sondern ihr kritisches Gegenbild. Sie verweigern sich der Assimilation ebenso wie der Exotisierung. Nicht das Andere der deutschen Literatur, sondern ihr Echo in neuer Tonlage.
Zu ihren Auszeichnungen zählen der Ingeborg-Bachmann-Preis, der Kleist-Preis, die Carl-Zuckmayer-Medaille. Nun also Brecht. Der Preis, 1995 von der Stadt Augsburg ins Leben gerufen, war zunächst ein Dreijahrespreis, seit 2018 wird er alle zwei Jahre vergeben. Mit 15.000 Euro gehört er zu den bedeutenderen Auszeichnungen des Landes. Bisherige Preisträger:innen: Kroetz, Gernhardt, Widmer, Ransmayr, Loher, Schulze, Haratischwili, Seiler. Özdamar ist keine Fortsetzung, sondern eine Zäsur.
Literatur als Widerstand der Sprache
Die Jury hebt hervor, wie Özdamar mit theatralischer Struktur, poetischer Genauigkeit und politischer Tiefenschärfe ihren Lebensweg in Literatur verwandelt – und dabei über sich hinausweist. Ihr Werk macht sichtbar, wie Sprache kolonisiert, wie Identität hergestellt, wie Geschichte durch Körper und Klang erinnert wird.
In einer Zeit, in der Sprache wieder Grenzmarkierung statt Verständigung wird, ist Özdamars Schreiben ein Akt der Öffnung. Kein politisches Programm, sondern literarische Praxis im Sinne Brechts: aufklärend, widerspenstig, menschlich.
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