Am 9. September wurde sie veröffentlicht: die Hotlist 2025, das literarische Seismogramm unabhängiger Verlage im deutschsprachigen Raum. Aus 184 Einsendungen wählte ein Kuratorium zunächst 30 Titel aus. Über sie entschieden dann zwei Instanzen: das Publikum – mit 6740 gültigen Stimmen – sowie eine fünfköpfige Jury. Drei Bücher sicherten sich durch das Online-Voting direkt ihren Platz, sieben weitere wurden von der Jury bestimmt.
Seit ihrer Gründung im Jahr 2009 ist die Hotlist mehr als nur eine Bücherliste. Sie ist Ausdruck verlegerischer Sorgfalt, literarischer Neugier und – nicht zuletzt – ein diskreter Hinweis auf all das, was der große Betrieb gerne übersieht.
Zehn Bücher – zehn Perspektiven
In diesem Jahr vereint die Hotlist eine literarische Reportage aus der Ukraine (Blick auf Frauen den Krieg im Blick von Victoria Amelina), eine satirische Anthologie zum Thema Antisemitismus (Sind Antisemitisten anwesend?, Satyr Verlag), sowie internationale Romane aus Brasilien, Peru, Italien und den USA. Die Liste enthält sechs übersetzte Werke – unter anderem aus dem Ukrainischen, Spanischen, Luzerndeutschen und Portugiesischen – sowie vier Originalausgaben in deutscher Sprache.
Diese Bücher verhandeln Krieg, Exil, Geschlechterverhältnisse, Erinnerungskultur und das Verstummen. Sie tun das nicht laut, aber deutlich. Nicht populistisch, sondern poetisch. Nicht gefällig, sondern formal offen. Und darin liegt ihre Dringlichkeit.
Die Gewinner der Publikumswahl
Drei Titel erkämpfen sich ihren Platz mit Stimmen aus der Leserschaft.
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Platz 1: Donezk Girl von Tamara Duda (Verlag Friedrich Mauke) – 1758 Stimmen
Ein Roman aus der Ukraine, der sprachlich wie thematisch nahe an der Frontlinie operiert – politisch, klar und dabei literarisch durchkomponiert. -
Platz 2: Sind Antisemitisten anwesend? (Satyr Verlag) – 643 Stimmen
Eine Anthologie gegen das Wegducken: satirisch, böse, mutig. Herausgegeben von Lea Streisand, Michael Bittner und Heiko Werning. -
Platz 3: Kumari von Philip Krömer (Septime Verlag) – 437 Stimmen
Ein Roman, der sich jeder simplen Gattungszuordnung entzieht: grotesk, poetisch, mit Hang zur semantischen Volte.
Diese Titel beweisen: Gute Literatur ist nicht nur eine Frage von Jurykriterien, sondern auch von Resonanz – und manchmal liegt literarisches Gespür eben nicht in Feuilletons, sondern im digitalen Wahllokal.
Die vollständige Hotlist 2025
Zehn Titel, alphabetisch nach Verlag – von essayistischen Erkundungen bis zur politischen Groteske.
- AKI-Verlag: Drift von Kate Zambreno (Übers.: Dorothee Elmiger)
- Alexander Verlag Berlin: Ein ganz normaler Bürger von Vincenzo Cerami (Übers.: Esther Hansen)
- edition.fotoTAPETA: Blick auf Frauen den Krieg im Blick von Victoria Amelina (Übers.: Steffen Beilich, Andreas Rostek)
- Literaturverlag Droschl: Unten leben von Gustavo Faverón Patriau (Übers.: Manfred Gmeiner)
- März Verlag: Die Liebe vereinzelter Männer von Victor Heringer (Übers.: Maria Hummitzsch)
- Satyr Verlag: Sind Antisemitisten anwesend?, Hrsg.: Streisand, Bittner, Werning
- Septime Verlag: Kumari von Philip Krömer
- Steidl Verlag: Geliebte Mutter – Canım Annem von Çiğdem Akyol
- Verlag Friedrich Mauke: Donezk Girl von Tamara Duda (Übers.: Annegret Becker, Lukas Joura, Alexander Kratochvil)
- Voland & Quist: Polyphon pervers von Béla Rothenbühler (Übers.: Uwe Dethier)
Wichtigkeit unabhängiger Verlage
Während Großverlage in Deutschland mit wachsendem wirtschaftlichem Druck kämpfen, sind kleinere, unabhängige Verlage oft existenziell bedroht – nicht zuletzt, weil es hierzulande kaum strukturelle Verlagsförderung gibt. Die Hotlist erinnert daran, dass viele der wichtigsten literarischen Stimmen aus diesen Verlagen stammen. Qualität entsteht nicht zwangsläufig dort, wo das meiste Geld fließt – sondern dort, wo Bücher gemacht werden, die etwas riskieren.
Fünf Jurymitglieder, fast 7000 Leser:innen – die Hotlist 2025 verbindet Fachurteil und Lesebegeisterung.
Die Jury 2025 bestand aus Emily Grunert (Literaturbüro NRW), Lukas Hermann (readymade), Wolfgang Paterno (Profil), Katia Schwingshandl (Buchkultur) und Lydia Zimmer (Literaturecho). Drei der zehn Titel wurden durch das Publikumsvoting bestimmt – ein Format, das literarische Vielfalt ernst nimmt und Lesermeinungen nicht als bloßes Marketing versteht.
Preisverleihung am 17. Oktober 2025
Zwei Auszeichnungen werden im Literaturhaus Frankfurt verliehen – und setzen ein Zeichen für unabhängige Buchkultur.
Die Hotlist-Gala findet am 17. Oktober 2025 im Literaturhaus Frankfurt statt (Moderation: Anna Engel, hr2-kultur). Vergeben werden der Preis der Hotlist (5000 Euro) sowie der Dörlemann ZuSatz – eine Satzarbeit im Wert von 1500 Euro. Beide Preise sollen nicht nur die Titel, sondern die verlegerische Leistung sichtbar machen, die hinter ihnen steht.
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