Die Sendung Druckfrisch am 15. Dezember 2024 um 23:35 Uhr bietet zum Jahresabschluss eine vielseitige Auswahl literarischer Empfehlungen und kritischer Einblicke. Die letzte Ausgabe des Jahres spiegelt die breite Palette der literarischen Landschaft wider: Von Christoph Ransmayrs sprachlicher Präzision in seinen Mikroromanen über Darryl Pinckneys intensives Berlin-Porträt bis hin zu Doris Vogels lyrischen Betrachtungen über Elvis Presley – die präsentierten Werke eröffnen spannende Einblicke in ganz unterschiedliche Genres und Themen.
Denis Scheck verabschiedet sich mit einem gewohnten Blick auf die SPIEGEL-Bestsellerliste und rundet das Literaturjahr mit einem optimistischen Lächeln ab – ein gelungener Übergang ins neue Jahr voller Lesestoff und Inspiration.
Christoph Ransmayr: Ein großer Erzähler in kurzen Formen
Christoph Ransmayr, bekannt für seine epischen Romane, wagt sich in seinem neuen Werk an eine minimalistische Form. In Egal wohin, Baby präsentiert er 70 sogenannte Mikroromane, die selten länger als drei Seiten sind. Die kurzen Texte entspringen alltäglichen Beobachtungen, Erlebnissen und literarischen Einfällen, die Ransmayr in seinem Leben gesammelt hat – sei es in einer heimischen Fußgängerzone oder auf Reisen in ferne Länder. Eine wiederkehrende fiktive Figur verbindet die Miniaturen und fungiert als stiller Protagonist.
Bemerkenswert ist, dass Ransmayr trotz der Kürze der Texte komplexe Stimmungen und Geschichten erschafft. Mit wenigen Worten entstehen ganze Welten, wie etwa bei einer Bahnhofswand mit dem Graffito „Egal wohin, Baby“, das nicht nur als Titel des Buches dient, sondern auch Inspiration für eine der Erzählungen liefert.
Die Sammlung ist ein literarisches Experiment und ein Beweis für Ransmayrs sprachliche Präzision. Die Mikroromane bieten eine gelungene Balance zwischen Leichtigkeit und Tiefgang. Sie sprechen Leser an, die kurze, dennoch gehaltvolle Texte suchen.
Darryl Pinckney: Ein Roman über Berlin in den 1980ern
Darryl Pinckneys Roman Black Deutschland führt die Leser in das West-Berlin der 1980er Jahre. Für viele Amerikaner – insbesondere aus der queeren Community – galt die Stadt damals als Symbol für Freiheit und Dekadenz, inspiriert von den schillernden 1920er Jahren. Der Autor, selbst jung, schwarz und schwul, verließ Chicago, um in Berlin einen Ort zu finden, der ihm Abenteuer, Akzeptanz und Freiheit bot.
Pinckney schildert das Leben hinter der Mauer: ein exzessives Nachtleben, begleitet von einer gewissen Orientierungslosigkeit. Gleichzeitig ist der Roman eine melancholische Erinnerung an eine Stadt, die sich nach dem Mauerfall radikal verändert hat. Diese nostalgische Perspektive wird im Gespräch mit Denis Scheck deutlich, in dem Pinckney erzählt, wie fremd ihm das heutige Berlin bei seinen späteren Besuchen oft vorkam.
Black Deutschland ist ein eindringliches Porträt einer Ära, geprägt von Freiheitsversprechen und Zerbrechlichkeit. Pinckneys autobiografisch geprägter Roman fängt die Atmosphäre der 80er Jahre ein und stellt Fragen zu Zugehörigkeit und Identität.
Doris Vogel: Elvis Presley als lyrische Inspiration
Mit ihrem Lyrikdebüt Dieses Buch gehört dem König 2.0 widmet sich Doris Vogel der Person Elvis Presley. Sie beleuchtet dessen komplexes Leben und den Mythos, der ihn bis heute umgibt. Die Gedichte sind weit mehr als eine bloße Hommage an den King of Rock ’n’ Roll. Sie ziehen Parallelen zu universellen Fragen der menschlichen Existenz, wie Macht, Ruhm und Vergänglichkeit.
Der Titel ist eine Anspielung auf Bettina von Arnims Streitschrift Dies Buch gehört dem König, in der sie 1843 den preußischen König kritisierte. Ebenso wie Arnims Werk geht Vogels Lyrik über das Persönliche hinaus und öffnet den Blick auf gesellschaftliche Strukturen.
Doris Vogels Gedichte sind ein originelles Werk, das Elvis Presley als Ausgangspunkt für eine Auseinandersetzung mit den Widersprüchen des Lebens nutzt. Die Texte sprechen nicht nur Presley-Fans an, sondern regen auch dazu an, über das Wesen von Legenden nachzudenken.
SPIEGEL-Bestsellerliste Belletristik
Und last but not least: Die kritische Revue der meistverkauften Bücher in Deutschland beschließt wie gewohnt die Sendung. Denis Scheck präsentiert seine Einschätzungen zu den aktuellen Titeln der SPIEGEL-Bestsellerliste und beleuchtet die literarischen Trends des Jahres. Ein spannender Ausblick auf das Literaturjahr 2025 ist garantiert.
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Unser Geburtstagskind im März: Heinrich Mann
Unser Geburtstagskind für den Wintermonat Februar: Gertrude Stein
Ein Geburtstagskind im Januar: Edgar Allan Poe – Dichter der Struktur und des Schreckens
Geburtstagskind im Dezember – Emily Dickinson
Ein Geburtstagskind im November: Astrid Lindgren
Geburtstagskind im Oktober: Benno Pludra zum 100. Geburtstag
Das Geburtstagskind im September: Roald Dahl – Der Kinderschreck mit Engelszunge
Ein Geburtstagskind im August: Johann Wolfgang von Goethe
Hans Fallada – Chronist der kleinen Leute und der inneren Kämpfe
Ein Geburtstagskind im Juni: Bertha von Suttner – Die Unbequeme mit der Feder
Ein Geburtstagskind im Mai: Johannes R. Becher
Ein Geburtstagskind im April: Stefan Heym
Ein Geburtstagskind im März: Christa Wolf
Bertolt Brecht – Geburtstagskind im Februar: Ein literarisches Monument, das bleibt
Wie Banksy die Kunst rettete – Ein überraschender Blick auf die Kunstgeschichte
Ein Geburtstagskind im Januar: Franz Fühmann
Zauberberg 2 von Heinz Strunk
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Denis Scheck über die Spiegel-Bestsellerliste
Druckfrisch vom 12. Oktober 2025 László Krasznahorkai, Anja Kampmann, Katerina Poladjan – und Denis Scheck mit der SPIEGEL-Bestsellerliste
Die SWR-Bestenliste – Januar 2025
„Druckfrisch“ vom 18. Januar 2026
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