Manche Romane sind mit der letzten Seite nicht zu Ende. Giuliano Musios Aus anderem Holz war für uns ein solcher Roman. Seine Fortschreibung von Pinocchio hat uns begeistert – und Fragen hinterlassen. Über das Menschsein, über Herkunft und Zugehörigkeit. Und über den Autor, der ein berühmtes Happy End einfach nicht gelten lässt.
Giuliano Musio im Interview: „Dabei ist mit ihm doch eigentlich alles in Ordnung“
Was vom Menschsein übrig bleibt, wenn das Märchen endet
Eigentlich ist die Sache erledigt. Pinocchio ist ein Mensch. Carlo Collodi hat seine Holzpuppe durch Versuchungen und Erziehungsmaßnahmen geschickt und ihr schließlich gegeben, wonach sie verlangen sollte: Fleisch statt Holz. Ein richtiger Junge. Ende gut.
Giuliano Musio traut diesem Ende nicht.
Genau das hat uns an Aus anderem Holz begeistert. Musio schreibt Pinocchio nicht einfach weiter. Er öffnet eine Geschichte wieder, die längst abgeschlossen schien: Was geschieht, wenn Pinocchio tatsächlich ein Mensch geworden ist?
Pinò bekommt einen Körper, der schwitzt, schmerzt und begehrt. Er sucht Nähe und braucht Distanz. Er hat einen Vater und doch keine Herkunft im gewöhnlichen Sinn. Und er lebt unter Menschen, die ziemlich genaue Vorstellungen davon haben, was normal ist.
In unserer ausführlichen Rezension zu Giuliano Musios Aus anderem Holz auf Lesering.de sind wir diesen Spuren gefolgt. Doch danach waren die Fragen nicht verschwunden. Im Gegenteil. Wir wollten wissen, warum Musio ausgerechnet hinter Collodis Happy End weiterschreibt, was ihn an Pinocchio interessiert – und natürlich, was für ein Mensch hinter diesem ungewöhnlichen Roman steckt.
Also habe ich Giuliano Musio gefragt. Und beginnen mit der vielleicht einfachsten Frage:
Was für ein Typ Mensch sind Sie, Herr Musio? Und was davon findet sich – vielleicht auch gegen Ihren Willen – in Ihren Büchern wieder?
Giuliano Musio:
Ein Thema, das mich durchs Leben begleitet, ist die Frage nach der richtigen Balance zwischen Nähe und Distanz zu anderen Menschen. Ich bin ein Einzelgänger, habe aber gleichzeitig einen großen und stabilen Freundeskreis. Vor einigen Jahren war ich bei einem befreundeten Paar auf einer Alp zu Besuch. Als wir die Kühe auf die Weide trieben, fiel mir eine besonders auf: Sie gehörte eindeutig zur Herde, blieb jedoch immer am Rand und hielt einen gewissen Abstand zu den anderen. Ich dachte sofort: Das bin ich.
Wie kommt so ein Mensch auf einen Roman wie „Aus anderem Holz“?
Giuliano Musio:
Das Spannungsfeld von Nähe und Distanz prägt auch meine Hauptfigur Pinò. Er sucht Zugehörigkeit, möchte sein wie die anderen, vermisst aber gleichzeitig seinen eigenen Raum. Die Nähe zu anderen Menschen zeigt sich bei ihm oft in ungesunden Beziehungen, in denen er seine eigene Entwicklung zurückstellt.
Pinocchio gehört zu jenen Figuren, die fast jeder zu kennen glaubt, selbst wenn Collodis Roman nie gelesen wurde. Sie setzen ausgerechnet dort an, wo seine Geschichte vermeintlich zu Ende ist: Die Holzpuppe ist zum Menschen geworden. Erinnern Sie sich an den Moment, in dem daraus für Sie ein eigener Romanstoff wurde? War zuerst Pinocchio da, die Idee seiner Menschwerdung – oder eine ganz andere Geschichte?
Giuliano Musio:
Am Anfang standen Ideen, die von Pinocchio unabhängig waren. Ich habe mich ihnen schon öfter und auf andere Weise gewidmet, zum Beispiel in meinem Roman »Wirbellos«. Das Verheimlichen, die Scham für die eigene Identität, Schuldgefühle innerhalb der Familie, Körperängste oder religiöse Erziehung – das sind die Themen, über die ich in meinen Büchern immer wieder schreibe. Ich habe nicht zum Pinocchio-Stoff gegriffen, weil ich einen besonderen Bezug zu dem Märchen habe, sondern weil ich gemerkt habe, dass sich in dieser Figur meine Themen ideal bündeln lassen.
Bei Collodi ist die Verwandlung in einen Menschen Belohnung und glückliches Ende. Bei Ihnen fangen die Schwierigkeiten damit eigentlich erst an. Pinò bekommt Fleisch und damit Schmerz, Begehren, Krankheit, Alter und die Aussicht auf den Tod. Mich hat beim Lesen zunehmend die Frage beschäftigt, ob die Menschwerdung überhaupt ein Aufstieg ist. Was hat Sie an Collodis glücklichem Ende misstrauisch gemacht?
Giuliano Musio:
Bei Collodi steckt in der Menschwerdung eine erzieherische Logik: Pinocchio muss sich bewähren, brav sein, dazulernen, und am Ende wird ihm das Menschsein als Belohnung zugesprochen. An diesem Gedanken habe ich mich schon früh gestoßen. Denn dem Holz-Pinocchio wird vermittelt, dass ihm etwas fehle, dass er erst noch vollkommen werden müsse. Dabei ist mit ihm doch eigentlich alles in Ordnung. Er verhält sich wie jedes Kind: lügt manchmal oder ist ungehorsam, aber zeigt auch Mitgefühl. In der Vorstellung, dass er sich das Menschsein erst verdienen muss, um den anderen Kindern gleichgestellt zu sein, liegt für mich eine große Ungerechtigkeit. Dafür gibt es in unserer Gesellschaft natürlich viele Entsprechungen – etwa im Zusammenhang mit Bildung, Herkunft, sexueller Identität oder familiären Hintergründen. Für meinen Roman wollte ich deshalb auch die Hierarchie von Holz und Fleisch infrage stellen.
Dabei verändert sich der Blick auf Pinò auf eigentümliche Weise. Zunächst erscheint er als das sonderbare Wesen, das lernen muss, ein Mensch zu sein. Nach und nach wirkt jedoch der menschliche Körper selbst ziemlich sonderbar: Er schwitzt, blutet, riecht, begehrt, wird krank und verfällt. Wollten Sie den Menschen einmal aus der Perspektive eines Wesens betrachten, für das all das keineswegs selbstverständlich ist? Und hat sich Ihr eigener Blick auf den menschlichen Körper während des Schreibens verändert?
Giuliano Musio:
Ich glaube, es ist nicht so ungewöhnlich, den Körper als etwas Fremdes und Beängstigendes zu erleben. Viele Menschen teilen diese Erfahrung, aus ganz unterschiedlichen Gründen, etwa wegen Krankheiten, seien sie körperlicher oder psychischer Natur. Bei Pinò, der früher aus Holz war, konnte ich diesen Gedanken zuspitzen. Sein Körper wird immer wieder zum Gegenspieler, weil er Dinge tut, die sich Pinòs Kontrolle entziehen. Das kennt vermutlich jeder Mensch in irgendeiner Form. Mit der wachsenden Nase ist diese Erfahrung ja auch schon bei Collodi angelegt.
Geppetto erschafft Pinò aus Einsamkeit. Das ist zunächst ein liebevoller Akt – aber darin steckt auch ein Anspruch. Ein anderer soll die eigene Leerstelle füllen. Später kommt die Geschichte von Geppettos erstem Sohn hinzu, und plötzlich steht die Möglichkeit im Raum, dass Pinò nicht nur geschaffen, sondern vielleicht auch als Ersatz geschaffen wurde. Wie sehr ist „Aus anderem Holz“ für Sie deshalb auch ein Roman über Elternschaft – und über die Vorstellungen, die Eltern ihren Kindern mitgeben, noch bevor diese selbst wissen können, wer sie sein wollen?
Giuliano Musio:
Eltern geben ihren Kindern immer Vorstellungen und Hoffnungen mit. Kinder tragen sie oft mit einem starken Verantwortungsgefühl, manchmal sogar mit Schuldgefühlen weiter. Pinòs Entwicklung besteht einerseits darin, sich von diesen Erwartungen zu lösen. Andererseits muss er herausfinden, was an deren Stelle treten kann.
Pinò hat keinen gewöhnlichen Anfang. Er wurde nicht geboren, sondern gemacht. Trotzdem – oder gerade deshalb – beschäftigt ihn die Frage, woher er kommt und wohin er gehört. Was bedeutet Herkunft für eine Figur, die eigentlich keine Herkunft im üblichen Sinne besitzt?
Giuliano Musio:
Herkunft dient vielen Menschen als Anker. Sie bietet eine Identität, eine Geschichte. Bei Pinò, der seine Entstehung nie wirklich versteht, fällt diese Verankerung weg. Umso wichtiger ist es für ihn, die Geheimnisse seines Vaters aufzudecken und Antworten auf seine Fragen zu finden.
Das Fantastische behandeln Sie erstaunlich nüchtern. Telefonzellen, Mopeds, Spedition, Fernsehen, Behörden und der italienische Alltag der späten achtziger Jahre stehen ganz selbstverständlich neben einem Mann, der einmal eine Holzpuppe war. In meiner Rezension habe ich dafür den Satz gefunden: „Das Wunder ist geschehen. Nun beginnt die Verwaltung seiner Folgen.“ Wie wichtig war Ihnen diese Nüchternheit? Und wie verhindert man bei einem Stoff wie Pinocchio, dass die literarischen Symbole anfangen, lauter zu sprechen als die Figuren?
Giuliano Musio:
Ihr Satz ist sehr treffend. Bei einem fantastischen Stoff sind konkrete Bezüge zur realen Welt umso wichtiger, damit die Geschichte glaubwürdig wird. Das geht bis in kleinste Details: Das Fußballspiel etwa, das im Roman erwähnt wird, hat an diesem Tag um diese Uhrzeit tatsächlich stattgefunden. Diese Genauigkeit bricht das Fantastische und gibt der Geschichte einen festen Boden. Dasselbe gilt für die Symbole. Sie spielen in meinem Roman eine große Rolle, aber damit sie nicht zu viel Raum einnehmen, brauchen sie immer wieder etwas Alltägliches und Profanes neben sich.
Am Ende meiner Lektüre hatte sich die Ausgangsfrage beinahe unbemerkt verändert. Zunächst fragt man sich: Ist Pinò nun wirklich ein Mensch? Irgendwann erschien mir etwas anderes interessanter: Wer entscheidet eigentlich, was ein „richtiger“ Mensch ist? Pinò ist aus anderem Holz – aber „anders“ kann nur sein, wer an irgendeinem vermeintlichen Normalzustand gemessen wird. Wenn Sie heute auf Ihre Figur schauen: Muss Pinò noch herausfinden, was er ist? Oder besteht seine eigentliche Aufgabe darin, sich von der Vorstellung zu lösen, dass es darauf überhaupt eine eindeutige Antwort geben muss?
Giuliano Musio:
Pinò bleibt bis zum Ende des Buches ungewöhnlich: Er hat nach wie vor keinen Bauchnabel, und seine Stimme erzeugt immer noch keinen Widerhall. Man kann diese Eigenheiten als Zeichen dafür deuten, dass ihm grundlegende Bezugspunkte wie Herkunft oder Resonanz in der Welt fehlen. Oder aber man sagt: Na und? Wen kümmert schon so ein Bauchnabel? Die Entscheidung überlasse ich den Leserinnen und Lesern.
Lieber Herr Musio, vielen Dank für das Gespräch und für Ihre ausführlichen Antworten. Und natürlich für Aus anderem Holz – einen Roman, bei dem unsere Fragen mit der letzten Seite offenbar noch lange nicht zu Ende waren.
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