Der Mond weiß nichts. Er hängt über einem Januarmorgen, bleich, knöchern und unerschütterlich. Wenige Augenblicke später bricht Rita am Küchenfenster zusammen. Ein verschlucktes Insekt, ein allergischer Schock, ein Körper, der sich dem eigenen Leben entzieht. Angelika Klüssendorf eröffnet ihren neuen Roman Trost mit einer Szene, die zugleich zufällig und unausweichlich wirkt. Das Ereignis selbst steht dabei weniger im Mittelpunkt als seine Wirkung. Erst als Rita verstummt, beginnen die Beziehungen um sie herum zu sprechen.
Der Titel scheint zunächst fast widersprüchlich. Trost gehört zu jenen Wörtern, die leicht ins Sentimentale kippen können. Klüssendorf misstraut solchen Abkürzungen. Ihr Roman sucht keinen Ausweg aus der Verletzlichkeit des Menschen. Er fragt vielmehr, ob Trost überhaupt dort entsteht, wo sich das Leben nicht mehr reparieren lässt.
Der Mond als Auftakt einer fragilen Welt
Diese Frage durchzieht den Roman von Anfang an.
Rita lebt mit Joachim auf einem alten Bauernhof in Brandenburg. Was einmal eine Liebesbeziehung war, ist längst in eine Form gemeinsamer Gewohnheit übergegangen. Klüssendorf beschreibt diesen Zustand ohne dramatische Zuspitzung. Es gibt keine großen Szenen, keine spektakulären Enthüllungen. Stattdessen arbeitet sie mit den kleinen Verschiebungen des Alltags. Schweigen wird wichtiger als Streit, Distanz verlässlicher als Nähe.
Gerade darin liegt die Präzision ihres Schreibens.
Wenn Rita aufzählt, was sie liebt – den ersten Kaffee des Tages, den Geruch eines frisch gewaschenen Handtuchs, Blumen, das Schwimmen, ihre Hühner oder das Alleinsein –, entsteht kein Idyll. Diese Aufzählung wirkt wie das Inventar eines Lebens, das sich seine kleinen Inseln bewahrt hat, während die gemeinsame Beziehung längst Risse zeigt. Klüssendorf macht aus diesen Beobachtungen keine Symbolik. Sie vertraut darauf, dass Dinge ihre eigene Sprache besitzen.
Wenn Beziehungen langsam zerfallen
Das gehört seit Jahren zu den Besonderheiten ihrer Prosa.
Schon ihre früheren Romane kreisten um Verletzungen, die sich nicht in großen Gesten ausdrücken, sondern in alltäglichen Routinen sedimentieren. Auch Trost scheint diesen Weg fortzusetzen. Allerdings verschiebt sich der Blick. Ging es in Werken wie Das Mädchen oder April vor allem um Herkunft und das Überleben unter schwierigen Bedingungen, richtet sich der Fokus nun stärker auf die Frage, wie Beziehungen bestehen, wenn Liebe nicht mehr selbstverständlich ist.
Dabei erscheint Familie nicht als Ort der Geborgenheit, sondern als bewegliches System. Nähe und Distanz wechseln ihre Plätze. Verantwortung wird weitergegeben, manchmal übernommen, manchmal verweigert.
Familie als System aus Nähe und Distanz
Besonders deutlich wird das an Jane.
Während Rita im Koma liegt, verändert sich die Perspektive. Jane, Joachims Tochter, steht kurz vor dem Abitur und erlebt eine Welt, deren Sicherheiten sich auflösen. Die Gegenwart des Jahres 2022 bleibt dabei mehr als bloße Zeitmarke. Der Krieg in der Ukraine bildet keinen Hintergrund, der erklärt, sondern einen Resonanzraum allgemeiner Verunsicherung. Klüssendorf macht daraus keinen Generationenroman. Sie zeigt vielmehr, wie historische Ereignisse in das Private einsickern und dort Unsicherheit verstärken, die längst vorhanden war.
Jane wirkt dabei weniger wie eine Heldin als wie die Figur, die Aufmerksamkeit noch nicht verlernt hat.
Während Joachim der Situation ausweicht, sucht sie den Kontakt. Sie sitzt am Krankenbett, hält Ritas Hand und übernimmt eine Fürsorge, die niemand von ihr verlangt. Gerade dadurch verschiebt sich die Ordnung des Romans. Nicht die Erwachsenen geben Halt, sondern jene, die selbst noch Orientierung suchen.
Joachim wiederum gehört zu den Figuren, die Klüssendorf weder anklagt noch entschuldigt. Seine Unfähigkeit, Rita im Krankenhaus regelmäßig zu besuchen, entsteht nicht aus Gleichgültigkeit allein. Sie verweist auf einen Menschen, der gelernt hat, Gefühle eher zu umgehen als auszuhalten. Seine Flucht in Ablenkungen erscheint deshalb weniger als moralisches Versagen denn als Ausdruck einer Sprachlosigkeit, die über das Individuelle hinausweist.
Angelika Klüssendorfs Sprache: Lakonie statt Sentimentalität
Überhaupt interessiert Klüssendorf weniger das Warum als das Wie.
Wie sprechen Menschen miteinander?
Wie verstummen sie?
Wie verändert sich eine Beziehung, lange bevor sie endet?
Diese Fragen beantwortet der Roman nicht psychologisch, sondern sprachlich. Seine Sätze bleiben knapp, oft lakonisch, fast spröde. Gerade dadurch entsteht eine eigentümliche Wärme. Gefühle werden nicht erklärt, sondern freigelegt. Zwischen den Dialogen, in den Pausen und Wiederholungen entwickelt sich jene Spannung, die Klüssendorfs Prosa seit Jahren auszeichnet.
Was bedeutet Trost in diesem Roman?
Trost ist kein Roman, der auf Katharsis setzt. Er misstraut der Vorstellung, jedes Leid müsse am Ende aufgehoben werden. Trost erscheint hier nicht als Erlösung, sondern als Form menschlicher Aufmerksamkeit. Er zeigt sich in kleinen Gesten: im Versorgen der Hühner, in einer gehaltenen Hand, in der Bereitschaft, bei einem anderen Menschen auszuharren, obwohl sich nichts mehr ändern lässt.
Gerade darin liegt die stille Radikalität dieses Romans.
Klüssendorf erzählt nicht von außergewöhnlichen Menschen. Sie erzählt von gewöhnlichen Leben, deren Zerbrechlichkeit erst sichtbar wird, wenn Routinen wegbrechen. Dass daraus keine Resignation entsteht, sondern eine vorsichtige Suche nach Nähe, macht Trost zu einem Roman, der den großen Begriff seines Titels nicht behauptet, sondern prüft.
Trost kann nur entstehen - aus der Bereitschaft, die Verletzlichkeit des anderen überhaupt wahrzunehmen. Hier kann Literatur helfen Trost eine Sprache zu geben.
Über die Autorin Angelika Klüssendorf
Angelika Klüssendorf, geboren 1958 in Ahrensburg, zählt zu den markantesten Stimmen der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Nach ihrer Kindheit und Jugend in der DDR übersiedelte sie 1985 in die Bundesrepublik; heute lebt sie in Mecklenburg. Ihr Werk kreist seit Jahrzehnten um familiäre Gewalt, soziale Ausgrenzung, Verletzbarkeit und die Frage, wie Menschen unter schwierigen Bedingungen eine eigene Sprache finden. Große Aufmerksamkeit erlangte sie mit der Romantrilogie „Das Mädchen“, „April“ und „Jahre später“, deren Bände mehrfach für den Deutschen Buchpreis nominiert wurden. Zu ihren weiteren Auszeichnungen zählen der Marie Luise Kaschnitz-Preis (2019). Mit „Trost“ setzt Klüssendorf ihre präzise, reduzierte Prosa fort und erweitert sie um eine leise, eindringliche Untersuchung von Fürsorge, Verlust und den Möglichkeiten menschlicher Nähe.
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