Laura Schätte gewinnt den Ingeborg-Bachmann-Preis 2026: Warum „Was wir tragen“ Jury und Publikum überzeugte
Mit „Was wir tragen“ gewinnt Laura Schätte den Ingeborg-Bachmann-Preis 2026 und den Publikumspreis der 50. Tage der deutschsprachigen Literatur. Ihr Text über Körper, Freundschaft und soziale Herkunft überzeugte Jury und Publikum gleichermaßen. Nicht weil er ein gesellschaftlich relevantes Thema behandelt, sondern weil er daraus eine literarische Form entwickelt.
Warum „Was wir tragen“ den Ingeborg-Bachmann-Preis gewann
Es gibt Texte, die von einem Gegenstand erzählen. Und es gibt Texte, die aus ihrem Gegenstand eine eigene poetische Ordnung entwickeln. Laura Schättes „Was wir tragen“ gehört zur zweiten Kategorie. Dass die Autorin in Klagenfurt sowohl den Ingeborg-Bachmann-Preis als auch den Publikumspreis erhielt, erklärt sich deshalb nicht allein aus der Geschichte zweier übergewichtiger Hauptschülerinnen. Entscheidend ist die Konsequenz, mit der Schätte ihre Erzählung komponiert.
Schon der erste Satz schafft eine Welt: „Wir finden zueinander, weil wir die dicksten Mädchen der Schule sind.“ Von diesem Moment an verzichtet der Text auf Erklärungen. Er argumentiert nicht und illustriert keine gesellschaftliche These. Stattdessen entwickelt er Szene für Szene eine Freundschaft, die zum Gegenraum einer feindlichen Umwelt wird. Die Schultoilette, auf der die Mädchen ihre Brote essen, der Campingplatz, nächtliche Schwimmausflüge oder McDonald's im Wohnwagen sind dabei keine bloßen Schauplätze. Sie bilden eine Topografie der Nähe – Orte, an denen sich Vertrauen gegen den Blick der anderen behauptet.
Die Poetik des Tragens: Wie Laura Schätte ihren Text konstruiert
Seine eigentliche Raffinesse entfaltet der Text in der Motivarbeit. Der Titel „Was wir tragen“ bezeichnet zunächst den Körper, dann die Kleidung und schließlich das, was Menschen ein Leben lang mit sich tragen: Scham, Herkunft, Gewalt und Erinnerung. Fast unmerklich verschiebt sich die Bedeutung des Verbs. Else trägt die Erzählerin. Die Mutter trägt ihren versehrten Körper durch den Alltag. Die Erzählerin trägt die Blicke und Urteile der anderen mit sich. Am Ende erweist sich das Tragen nicht als Motiv unter vielen, sondern als das strukturierende Prinzip der gesamten Erzählung. Der Titel benennt nicht nur den Stoff – er organisiert ihn.
Ebenso konsequent arbeitet Schätte mit wiederkehrenden Motiven. Essen, Kleidung, Berührungen, Gewicht und Bewegung kehren immer wieder, jedes Mal leicht verändert. Sie illustrieren nichts, sondern erzeugen Bedeutung durch ihre Wiederkehr. Auf diese Weise entsteht ein dichtes Geflecht von Bezügen, das den Text zusammenhält, ohne seine Komposition sichtbar auszustellen. Gerade diese innere Geschlossenheit verleiht der Erzählung ihre außergewöhnliche Präzision.
Szenen statt Erklärungen: Warum die Erzählung ihre Wirkung entfaltet
Auffällig ist auch, worauf Schätte verzichtet. Die Gewalt der Mutter wird nicht psychologisch erklärt, die Freundschaft zwischen Else und der Erzählerin nicht sentimental überhöht. Selbst in den Momenten größter Verletzlichkeit bleibt die Erzählung bei der Szene. Bedeutung entsteht nicht durch Kommentare, sondern durch Auswahl, Wiederholung und Rhythmus. Der Text vertraut darauf, dass seine Leserinnen und Leser die Verbindungen selbst herstellen.
Warum Jury und Publikum „Was wir tragen“ auszeichneten
Dass Jury und Publikum gleichermaßen überzeugt wurden, erscheint vor diesem Hintergrund folgerichtig. Es wurde ein Text ausgezeichnet, dessen motivische Geschlossenheit, kompositorische Sicherheit und sprachliche Ökonomie aus einer scheinbar einfachen Geschichte eine literarische Form von großer Eigenständigkeit entstehen lässt.
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